Bitte hinterlassen Sie diese Toilette…

Veröffentlicht: 29. März 2016 in Allgemein
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… so, wie Sie sie vorzufinden wünschen.

Dieser Spruch war einst ausgedruckt und in eine Klarsichtfolie befördert worden und prangte in der Uni in den Toiletten unseres Arbeitskreises an der Innenseite der Tür jedes Kabuffs. Die Fliesen waren hässlich. Zeitlos hässlich dreckig-weiss und grau meliert, inzwischen vergilbt und mit braun gefärbten Rissen durchzogen. Voller Stolz hatte der Professor der Gruppe, in der ich arbeitete, selbst und eigenhändig die neuen Farben für die Trennwände und Türen ausgesucht, die seit einigen Wochen in der Toilette leuchteten: Baby-Durchfall-braun nach zu viel Möhrenbrei.

Regelmässig besuchte ich dank exzessiven Kaffeegenusses diese Toiletten und las den Satz: „Bitte hinterlassen Sie diese Toilette so, wie Sie sie vorzufinden wünschen.“ und dachte: „Total gern, aber ich habe keine Lust, Zeit und nicht das Geld, um der Uni die Toiletten zu renovieren…“ Jahrelang habe ich mich über das Kackbraun aufgeregt. Ich konnte mich sogar über das Kackbraun aufregen, wenn ich auf einem anderen Stockwerk die Toilette benutzte und festzustellte, dass die Trennwände dort in einem angenehmen Lichtgrau oder einem beruhigenden Eierschalengelb gestrichen worden waren. Ausgerechnet die Toilette, die ich am häufigsten benutzte, musste in diesem schrecklichen Durchfall-Kackbraun gestrichen sein! Und dieser Spruch! Eine Verhöhnung!

Am neuen Forschungsinstitut dann war alles anders. Neue Toiletten, hochmodern, Naturstein, lauter innovative Materialien und wichtige, komplett durchgestylte Piktogramme mit Erläuterungen in drei Sprachen zum Thema Hygiene. Wie man sich die Hände wäscht, wie man Türgriffe nutzt, wie man niest. Die Toiletten verfügten über eine angedachte Trennvorrichtung der Stoffwechselprodukte, weil Forschung ergeben hatte, dass es sich lohnt, den Urin gesondert zu filtern. Spülung: recycletes Regenwasser. Natürlich.

Was ich mein herzallerliebstes Kackbraun vermisst habe…

Warum? Weil dieses Kackbraun zu der besten Arbeitsstelle gehörte, beste Kollegen, Freunde, Arbeit, Atmosphäre. Bestes Labor. Beste Forschung. Chef. Heimweh. Bestes Kackbraun.

So ändern sich Perspektiven, wenn man es besser weiss. So verschieben sich Werte, so erhalten Dinge eine neue Wertigkeit, wenn man weiterlebt und neue Erfahrungen sammelt, die das bisherige Leben und die Sicht darauf verschieben. Zeigen möchte ich mit dieser elend langen Einleitung auch, dass das Ändern der eigenen Meinung kein Fehler ist – es ist ein Eingeständnis an die eigene Gefühlswelt und an das neu erlangte Wissen. Ein Spruch auf einem Zettel bekommt so eine andere Bedeutung.

Vor einigen Jahren waren wir im hiesigen Wäldchen unterwegs – die Hunde waren an der Leine, als plötzlich ein kleiner, junger Hund aus einem Seitenweg schoss und uns mutig verbellte. Offensichtlich kam er von dem Weg, der parallel zu uns am Waldrand entlang führte und durch einen kleinen Betonsteg über einen Wassergraben und einen Trampelpfad durch den Wald mit unserem Weg verbunden war. Ganz ran traute er sich nicht – er hielt schlaue zehn Meter Abstand zu unseren grossen Hunden. Zwischen seinem Gebell konnten wir auch die Rufe der Halterin hören. Sie klangen so sorgenvoll panisch, dass wir uns sehr schnell entschlossen, der Frau entgegen zu rufen, dass alles in Ordnung wäre und ihr Hund hier bei uns sei. Stimmte ja irgendwie, denn immerhin war der Kleine ja auf der grossen Verbellmission.

Als die Dame aus dem Trampelpfädchen zu uns einbog, sahen wir, dass sie an Krücken lief. Und als sie ihren Hund sah, liess sie die Krücken unter sich fallen und humpelte mühevoll auf ihren Hund zu. Sie rief und fluchte und schimpfte und rief, das Gesicht kreidebleich, völlig aufgelöst. Nicht ein Mal hat sie uns angeschaut. Sie fing ihren kleinen Mutbolzen ein und während sie uns nicht in die Augen schaute, stammelte sie hundert Entschuldigungen, erklärte, wie jung der Hund noch sei und wie leid es ihr tue. Immer wieder.

Warum ich diese Szene immer noch in Erinnerung habe? Weil so etwas einfach mal passieren kann, weil es gar nicht schlimm war, weil die arme Frau an Krücken lief und weil wir ihr gebetsmühlenartig mitzuteilen versuchten, dass wir sie verstehen, das alles in Ordnung finden und ihren kleinen frechen Hund ziemlich keck und witzig. Und dass sie sicher viel Freude mit ihm haben wird, wenn er die Pubertät hinter sich hat und sie wieder besser laufen kann. Immerhin hatten wir nun schon die zweite Hundepubertät durch, kannten diese Szenen und wollten ihr unbedingt unser Verständnis näherbringen. Vielleicht auch, dass wir uns gewünscht hätten, dass einst andere eine solche Szene so toleriert hätten. Bitte hinterlassen Sie diese Toilette so, wie Sie sie vorzufinden wünschen. Auch wenn es mal scheisse läuft. Nicht schlimm. Shit happens. Nix passiert. Alles gut.

Ohne uns anzuschauen, kreidebleich und weinend humpelte die ältere Dame entkräftet zu ihren Krücken zurück, stumm und unglücklich.

Noch heute macht mich die Erinnerung an die Bilder traurig. Weil ich es bis heute so fürchterlich finde, dass diese Frau so unter einem gesellschaftlichen Druck litt, der ungefiltert und übermenschlich auf Hundehaltern lastet. So sehr, dass sie unglücklich werden. Und das, obwohl wir alle wissen, dass wir alle nicht perfekt sind – und auch unsere Hunde nicht. Wir alle machen Fehler, drücken uns vor Dingen, die wir tun sollten, mögen Dinge nicht, die andere mögen, reagieren mal nicht so, wie es uns unsere Eltern beigebracht haben. Ideale sind Ideale, weil sie unerreichbar sind. Die Realität ist, dass wir in jeder Beziehung nach dem Ideal streben – und dabei nicht mal die Ideale die gleichen sind. Was wir vergessen, ist, dass das Nicht-Erreichen des Ideals kein Scheitern ist, sondern das Bemühen darum der Erfolg. Bitte hinterlassen Sie diese Toilette so, wie Sie sie vorzufinden wünschen.

Meine Worte klingen pathetisch, aber in letzter Zeit merke ich, dass ich eine Sache immer unerträglicher finde – ich nenne es The Great Big Negative. Das ganz grosse Negative. In Gesprächen, in den „Sozialen Medien“, und ebenfalls seit eh und je in der Presse wird eines immer betont: Die Gesellschaft geht den Bach runter, alle Menschen sind gemein und böse, Hunde sind alle fett, unerzogen, geimpft, nicht geimpft, gebarft, nicht gebarft. Halter sind Helikopter-Halter, unverantwortlich, lasten ihren Hund zu sehr, zu wenig aus. Kümmern sich zu viel, zu wenig. Rassen sind scheisse. Auslandshunde sind scheisse. Ups-Hunde sind scheisse. Vermehrerhunde sind scheisse. Wühltischhunde sind scheisse. Eigentlich sind ALLE Hunde und ALLE Menschen scheisse. Und dann tritt man vor die Tür und geht mit den Hunden spazieren.

Ich habe hier ja auch schon von wunderlichen Ereignissen berichtet. Wir erinnern uns an die lustige Joggerin und den Tag, als Anti bei der Jagd erwischt wurde. An diesen Umgangston, dessen Fundament The Great Big Negative ist. Trotzdem… und ein wenig gerade deswegen, ist es mir wichtig, mein Bestes zu geben, um bei keinem anzuecken. Das war schon 2012 ziemlich mühsam, aber ich gebe mein Bestes. Ehrlich. Wir nutzen alle die gleichen Feld- und Waldwege, wir leben alle ein Leben mit unseren eigenen Sorgen und Freuden. Einige von uns haben Hunde, die in dieser Gesellschaft unauffälliger sind… und andere sind Punks. Ich grüsse, wenn wir jemanden passieren und habe die Hunde schon lange vorher angeleint. Ich hebe ihre Haufen auf. Wir nehmen Müll mit, den wir finden. Wenn ein Tutnix unsere Wege kreuzt, handhabe ich meine Hunde – ich habe weder an ihm, noch bei seinen Haltern einen Erziehungsauftrag.

Ist mir im Laufe der Jahre alles egal geworden? Nein, bei weitem nicht. Aber ich empfinde es als unerträglich, in dieser Welt zu leben und mich aktiv an ihren negativen Seiten mit Beschleunigung in Abgründe zu stürzen, die nicht meine sind. Und ich habe diese Variante getestet – mehrfach sogar. Ich habe es sogar schon geschafft, an meinen Idealen und an der Art der anderen zu scheitern und wegen all dem mit einem Hysterie-Anfall irgendwo auf einem Feldweg zu hocken, weil mein Körper sich nicht mehr zwischen kotzen und schlichter Hyperventilation in Begleitung der Heulkrämpfe entscheiden konnte. In den letzten Jahren habe ich so viele nette Menschen kennengelernt. Keiner war perfekt, aber praktisch alle waren bemüht. Ein paar ganz wenige waren – in meinen Augen – tatsächlich unhaltbar. Das ist aber kein Problem, denn weder haben sie sich an mein Bein gekettet, noch ich mich an ihres. Ich kann sie ziehen lassen und wertschätzen, dass praktisch alle anderen versuchen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten Gutes zu tun.

Lasst uns doch mal ein Wort wieder mehr verinnerlichen, dass in den letzten Jahren viel zu wenig begrabbelt, zum Einkauf mitgenommen und zum Spaziergang dazugepackt wurde: Wertschätzung. Werte schätzen.

Der Duden schreibt zu der Bedeutung des Wortes „schätzen“:

    1. (ohne exaktes Messen, nur auf Erfahrung gestützt) näherungsweise bestimmen
    2. taxieren
  1. (umgangssprachlich) annehmen, vermuten, für wahrscheinlich halten
    1. (von jemandem) eine hohe Meinung haben
    2. (von etwas) viel halten, (auf etwas) besonderen Wert legen; sehr mögen

Alle Bedeutungen stimmen irgendwie, oder? Wichtig ist aber vor allem, dass es auch, aber eben nicht nur um die eigenen Werte geht, sonder auch um die der anderen, die ebenfalls eine Existenzberechtigung haben. Es hilft, auch die Werte der anderen zu schätzen – in jeder Bedeutungsvariante, die der Duden hergibt.

Bitte hinterlassen Sie die Toilette so, wie Sie sie vorzufinden wünschen.

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Kommentare
  1. bernd sagt:

    „Bitte hinterlassen Sie diese Toilette so, wie Sie sie vorzufinden wünschen. Auch wenn es mal scheisse läuft.“ passt irgendwie. ich hoffe, dass ich deine einstellung auch verinnerlicht habe. mittlerweile bin ich schon ganz gut darin, von erziehungsversuchen bei fremden menschen abzusehen.

    • Nora sagt:

      Ich erwähne das an dieser Stelle nur aus reiner Sorgfalt: Wenn ein Halter um Hilfe bittet, dann ist das etwas anderes. 🙂

  2. Marita Allweiler sagt:

    Danke wieder einmal für einen schönen Text, der mir aus dem Herzen spricht

  3. Ute Heberer sagt:

    Auf den Punkt gebracht. Danke!

  4. Maria Bunterhund sagt:

    Es gibt heilende Märchen. Und es gibt heilende Blogs. Der Shit-happens-Blog hier ist einer davon. Herzlichen Dank dafür!

  5. frdrseltsam sagt:

    Das ist wirklich ein schöner Artikel und eine schöne Sichtweise. Ich glaube, dass ich manchmal auch viel zu sehr im Big Negative schwimme. Also danke fürs Erinnern/Ausformulieren/Ausblick und Hoffnung schaffen. 🙂

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