Die Dominanz-Rüben

Veröffentlicht: 19. Februar 2016 in Antikram, Niels Bohr
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niels_gemeinNiels, Antili und Ixy im Hintergrund… glückliche Hunde. 

Dominanz bedeutet, dass in einer dyadischen Beziehung A regelmäßig die Freiheit von B einschränkt bzw. sich selbst ein hohes Maß an Freiheit zugesteht, ohne dass B effektiv etwas dagegen tut, sondern B akzeptiert seine Einschränkungen. (D. Feddersen-Petersen, „Hundepsychologie“)

Seit einigen Monaten nun wird dieses Haus und das angrenzende Territorium von einer Hündin und zwei Rüden belagert. Es ist faszinierend zu beobachten, wie sich die beiden Männer arrangieren. Über Anti habe ich dabei eine spannende Sache gelernt: Er unterscheidet nicht nur, ob Hündin oder Rüde, wenn es um Kontakte geht. Er unterscheidet auch zwischen gehört-dazu und ist-fremd. Niels gehört dazu… und wenn man so den lieben langen Tag beobachtet, was Niels sich so alles leistet, dann muss man dankbar sein, dass Anti diesen Unterschied macht. Ich wäre ja längst ausgeflippt.

Stattdessen darf ich nun seit Monaten beobachten, wie Anti und Niels, wenn der sich gerade auf einem seiner offensichtlich dimensionsseits vollkommen verzerrten Höhenflüge befindet, diskutieren, wer Recht hat. Eigentlich ist das ziemlich klar: Anti hat recht, physisch und mental. Aber Niels wird nicht müde, nochmal nachzufragen: „Ehrlich? Sicher?! Also… wirklich ganz, ganz sicher? Jetzt auch noch? Und jetzt? Ja?“

Man könnte meinen, Anti nähme Niels gar nicht so richtig ernst, wenn man beobachtet, wie Niels Nachfragen an ihm abperlen. Kläffend und knurrend kaut der grössenwahnsinnige Zwerg an Antis Beinen herum, zwickt ihn in Wamme und Lefze – mitunter so fest, dass Anti wimmert. Er rempelt ihn an, springt an ihm hoch und versucht ihm den Weg abzuschneiden. Manchmal versucht Niels das auch bei Ixy, inzwischen allerdings eher selten. Weil die Diskussion immer so aussieht:

Niels so: „Sicher?!“
Ixy so: „Todessehnsucht?“

Heute war wieder so ein Tag, an dem Niels auf imaginären Stelzen durch die Botanik trabte und glaubte, dass er die Macht hätte, Anti zu sagen, wo der laufen darf und wo nicht und wie schnell und so. Und das mit so einer Heftigkeit, dass ich kurz blinzeln musste, als sich Niels mit einem Wutschrei in Richtung von Antis Gesicht warf. Anti stellte eine kleine Schulterbürste und warf mir den Oh-Mann-Blick zu. Niels ignorierte er, so gut es ging.

nies_ruebeNiels hat Beute gemacht – ein Stück Rübe.

Nach Dreivierteln des Spazierganges passieren wir ein abgeerntetes Rübenfeld, auf dem noch Unmengen Rübenschnitt liegt. Während Anti das sonst praktisch nie interessiert, lief er heute auf das Feld, suchte sich eine hübsche Restrübe, fand sie überdeutlich und hoppelte mit Kringelrute gen Feldrand. Natürlich musste Niels das sehen. Natürlich springt Mister Überflieger darauf an, rennt Anti hinterher, die Rute hoch erhoben und in der festen Überzeugung, dass er Anti die Rübe wegnehmen kann. Nicht, dass dort nicht genügend herumliegen würden – aber es geht ja darum, Antis Rübe zu nehmen. Wer Anti die Rübe wegnehmen kann, ist der Boss! Ganz klar.

In dem Moment, wo Niels fast in den bei seiner Rübe liegenden Anti prallt, verändert sich die Stimmung blitzartig: Antis Blick ist ernst, direkt und fixierend, seine Bewegungen sind langsam – und nur ganz kurz hört man ein tiefes Brummen. Er hat nicht mal den Nasenrücken gekräuselt, er steht nicht auf, er sichert das Rübenstück weder mit dem Kopf noch mit den Pfoten. Und weil Niels zwar grössenwahnsinnig ist, aber alles andere als blöd, reagiert er sofort. Die Rute klappt runter, er meidet Antis Blick, vorsichtig entfernt er sich ein paar Schritte.

In den kommenden Minuten muss Niels zuschauen, wie Anti Rübe nurbselt. Anti frisst langsam… und genüsslich. Niels hält er allein mit Blicken unter Kontrolle, wobei er die meiste Zeit so tut, als wäre Niels gar nicht da. Die letzten Schnitzel lässt er Niels dann allerdings sogar mitfressen. Zu seinen Bedingungen.

Anfangs habe ich mich über sein Verhalten gewundert – jetzt vermute ich, dass die Rübe eine Ersatzdiskussion ist. Ein Mittel, um etwas zu klären. Die Dominanz-Rübe dient der Klärung eines Konfliktes, in dem der Status angezweifelt wurde. Gerade am Anfang habe ich Anti natürlich davon abgehalten, Themen mit Niels körperlich zu klären, weil Niels – wenn man es realistisch betrachtet – Anti nichts entgegen zu setzen hat. Käme es zu einer Beisserei, wäre Niels kaputt… zumindest wäre die Gefahr gerade in den ersten Wochen gewaltig gewesen, denn auch ein Anti muss erst lernen, wie viel das Gegenüber so ab kann. Also ist Anti bis heute recht gehemmt, wenn es um körperliche Auseinandersetzungen mit Niels geht und hat sich womöglich diese Alternative gesucht, die Dominanz-Rübe. Denke ich. Warum es die Rüben sein müssen? Weil Niels unglaublich begeistert von Rüben ist und darum ein riesiges Theater macht. Es ist für ihn also eine wertvolle Ressource.

Die Dominanz-Rübe ist die Passivklopperei zweier Rüden, die in ihrem Körperbau kaum unterschiedlicher sein könnten. Und ich finde diese Unterhaltung unglaublich toll. 🙂

niels_gemein2Antili kann ganz lustige Dinge mit seinen Augenbrauen machen, wenn er will. Niels ist allerdings so tiefergelegt, dass er Antis Gesicht anatomisch bedingt nicht immer im Blick hat.

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Kommentare
  1. Laura sagt:

    Stark! Ich liebe solche Konversationen zwischen meinen Hunden auch! 😀

    Und danke, dass du das Wort „Dominanz“ so herrlich sachlich-wissenschaftlich betrachtest. Das kommt so selten vor und es stößt mir als Biologin immer auf, wenn die böse Dominanz so verteufelt wird. Die wenigsten wissen, was hinter dem Begriff tatsächlich steckt. Danke! Weiter so, toll zu lesen dein Blog! 🙂

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