Die Sache mit den Hunden im Auto

Veröffentlicht: 6. Juli 2015 in Allgemein
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1545630_10206159705646957_5177606704698956472_nEine grosse Welle erfasst Facebook – ein Tierfreund postet zwei Fotos: ein Hund in einem Auto. Die Heckscheibe des Autos, die darauf hinweist, dass es sich bei der Halterin des Autos um eine Hundetrainerin handelt. Mit Namen. Und Handynummer. Natürlich stellt der Tierfreund den Beitrag auf öffentlich, so dass er geteilt werden kann – und berichtet heroisch davon, dass er versucht hat, die Hunde zu retten. Nur leider wollte die Polizei ihm nicht helfen und die per Handy herbeizitierte Halterin auch nicht.

Ein Skandal.

Nein?

Dank der Hitzewelle inklusive neu aufgestelltem Hitzerekord in Deutschland (Glückwunsch, Kitzingen!) wurde ich in den letzten Wochen bis zum Erbrechen darüber aufgeklärt, dass Hunde im Auto sterben können – wegen der Hitze. Okay. Der Irrsinn ist, dass auch erwachsenen Menschen mit einer anzunehmenden Lebenserfahrung offensichtlich jeder objektive Blick verloren geht, nachdem sie ihr Hirn auf Sozialen Plattformen haben weichspülen lassen.

Der Tierfreund schreibt es selbst: Die Hunde haben nicht mal gehechelt. Und sie haben nicht nicht gehechelt, weil sie praktisch schon bewusstlos waren – nein, es war ihnen einfach nicht warm genug, als dass sie hätten hecheln müssen. Das wäre jetzt schon mal ein echt guter Hinweis darauf gewesen, dass die Situation für die Hunde bei weitem noch nicht lebensgefährlich ist. Der Tierfreund erreichte die Besitzerin, die kam auch sofort. Was es für einen Dialog gab, kann ich mir nach dem Auftreten des Tierfreundes in FB richtig gut vorstellen. Ich sehe förmlich, wie er die Dame anspricht:

„Verzeihen Sie bitte – ich habe festgestellt, dass Sie Ihre Hunde im Auto haben… und das trotz der grossen Hitze. Ich wollte nur daran erinnern, dass das bei diesen Temperaturen schnell gefährlich werden kann.“

Ahahaha. Nicht.

Stattdessen und weil irgendwie das Leben an diesem Tag einfach nicht so dramatisch sein wollte, wie der Tierfreund es sich erhofft hatte und es vielleicht doch keine Möglichkeit gab, der Held des Tages zu werden, der zwei arme Hundeseelchen retten konnte… versucht er, wegen nichts eine Existenz zu zerstören. Ja, nichts. Denn bei all den Aufrufen zur Vorsicht, muss man dennoch auch noch einen Sinn für die Realität bewahren und bedenken:

1. Nicht jeder Hund in jedem Auto stirbt, weil er in einem Auto sitzt.

2. Es gibt Indikatoren, die darauf hinweisen, wie der körperliche Zustand eines Hundes ist:

– Starkes Hecheln, Bellen, Rasen, Bewusst- oder Leblosigkeit sind gute Indikatoren, um sich zu engagieren. Aber nur, wenn man selbst nicht der Grund dafür ist, warum sich ein Hund derartig aufführt – es gibt mehr als genug Hunde, die ihr Auto als etwas ansehen, das es gegen Fremde zu verteidigen gilt und dann leicht ausflippen, wenn da einer penetrant um selbiges herumlungert.

– Wenn der Hund (wie auf dem Foto) klaren Verstandes und ohne auch nur die Maulspalte einen Fitzel geöffnet zu haben in die gezückte Handykamera schaut, dann kann man drei Dinge tun: Weitergehen, warten und aufpassen oder… sich Sorgen machen, ob bei diesem Wetter gegebenenfalls etwas mit der Besitzerin passiert ist, denn als Hundetrainerin wäre sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht so doof, ihre Hunde im Auto kochen zu lassen.

3. Nichts ist absolut – das gilt auch für Hunde im Auto… einfach mal ein wenig mit der eigenen Lebenserfahrung hantieren und kurz darüber nachdenken, wie viele supergefährliche Dinge wir so am Tag machen, die nicht automatisch bedeuten, dass wir sterben: eine Strasse überqueren, einen LKW überholen, eine Treppe hinunter gehen, Alkohol trinken.

4. Nur weil Hunde potentiell in einem Auto einer Gefahr ausgesetzt sind, bedeutet das nicht, dass – auch bei Hitze – jeder Hund innerhalb von Millisekunden stirbt oder wenigstens einen bleibenden Schaden davon trägt: erstmal passiert gar nichts. Dann wird ihm warm. Dann wird ihm heiss. Das kann ein Hund alles noch kompensieren. Ich schreibe das noch mal: Das. Kann. Ein. Hund. Kompensieren. So wie wir das auch können – wir schwitzen und trinken. Hunde hecheln und trinken. Und so wenig, wie wir nicht sterben, wenn wir fünf Minuten lang nichts trinken können – verdursten auch Hunde nicht in dieser Zeit. Wenn also ein Hundehalter – sagen wir – sein Handy im Haus vergessen hat und deswegen kurz noch mal ins Haus geht…

… UND KEIN HUND AUCH NUR EINEN FUNKEN VON GESUNDHEITLICHEN PROBLEMEN ZEIGT…

dann bitte, ihr Tier-aber-sicher-nicht-Menschenfreunde: Zerstört nicht gleich Existenzen – es wird einen anderen Tag und einen anderen Moment geben, an dem ihr Helden sein könnt. Jetzt seid ihr nur die Arschlöcher, die jenseits von Gut und Böse allen das Leben schwer machen – inklusive den Hunden, die ihr retten wolltet, aber nicht konntet, weil es nichts zu retten gab, die in der kommenden Zeit eine Besitzerin begleiten, die sorgenvoll und existenzverängstigt ist.

Und dann noch eine Bitte: Bildet euch weiter über Medienkompetenz, über Rechte und Pflichten im Netz und über die Vorteile des rationalen Denkens. Auch bei Hitze.

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Kommentare
  1. Bianca sagt:

    Endlich! Du sprichst mir aus der Seele! Ich hoffe, dieser Bericht wird genauso oft geteilt wie der Original-Post von diesem Möchtegernheld !!!

  2. Tinka sagt:

    ist das nun eine Rechtfertigung für die unüberlegte Handlung der Hundetrainerin. Grundsätzlich müssten weniger Hunde elendig in überhitzten Autos umkommen, würden mehr Menschen Zivilcourage zeigen. Bei Einbrecher heißt es auch, lieber 1x Fehlalarm, als keiner. Dabei geht es nicht unbedingt um Leben und Tod

    • Nora sagt:

      Wer sagt, dass die Handlung der Hundetrainerin unüberlegt war? Wer sagt, dass sie nicht vollkommen richtig eingeschätzt hat, wie hoch die Temperaturen (die übrigens von dem Tierfreund nicht benannt werden) waren? Wer sagt, dass sie nicht ganz genau wusste, wie lange sie weg sein würde und wie warm es dann in ihrem Auto sein würde? Wer sagt denn, dass die Hundetrainerin zum allerersten Mal in ihrem Leben ihre Hunde in ihrem Auto vor ihrer Haustür kurz hat warten lassen und deswegen keine Ahnung hatte, was da passiert?

      Es ist aus gutem Grund NICHT VERBOTEN, seine Hunde für eine gewisse Zeit im Auto zu lassen. Es mag bei bestimmten Temperaturen eine sinnvolle Grenze geben, aber die ist individuell. Es gilt immer das gleiche: Zwischen Schwarz und Weiss gibt es irre viele Schattierungen von Grau.

      Wer – als erwachsener Mensch – versucht, alles richtig zu machen, der hat gute Chancen, es richtig zu machen. Nichts gegen Zivilcourage, die ist gut und wichtig. Wer – als erwachsener Mensch – ein riesiges Bohei macht und weil es gar kein Drama gibt, dann aus reiner Profilierungssucht versucht, die Existenz einer Person wegen nichts (denn das ist exakt und ganz genau, was passiert ist: nichts) zu zerstören, der hat keine Zivilcourage. Die Hunde haben nicht mal gehechelt. Ein Hund, der dabei ist zu sterben, sieht nicht so aus. Ein vernünftiger, erwachsener Mensch hätte das feststellen können. Und selbst, wenn er es nicht kann:

      Ein vernünftiger, erwachsener Mensch versucht nicht, eine Existenz zu zerstören… aus profilneurotischer Selbstjustiz. Es hat einen Grund, warum Selbstjustiz verboten ist – es hat einen guten Grund, warum sein Handeln falsch war:

      http://www.mimikama.at/allgemein/knapp-100-000fach-geteilt-die-hunde-der-hundeschulenbesitzerin/

      Wir sind bitte alle sehr dankbar dafür, dass nicht jeder jedem seine Meinung mit Gewalt aufzwingen kann – denn das wäre Anarchie… und da überleben nicht die mit Zivilcourage.

  3. frdrseltsam sagt:

    Super Anti-Foto übrigens. 😉

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