Der Kinderersatz

Veröffentlicht: 9. April 2015 in Allgemein
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Katzenlady_und_Hundemann

 

Gerade habe ich einen Artikel über eine Pferdetierärztin gelesen. Ich kenne das Problem, ich gehe mit dem Inhalt konform… aber ausgerechnet heute bin ich an einem Teilsatz hängengeblieben:

Für einige ist ihr Pferd ein Kinderersatz – und so verhalten sie sich auch

Eigentlich ist das gängigste Bild die verschrobene Single-Frau mit den unzähligen Miezekatzen. Das hört man aber auch von Hundehaltern immer wieder. Oft klingt es abfällig oder zumindest nach einer Entschuldigung. Und praktisch niemand hört gerne, dass ihm unterstellt wird, der eigene Hund wäre der Kinderersatz. Und ein Hundehalter, der ahnt, dass er seinen Hund nicht als Hund sieht, wird das aus verschiedenen Gründen nicht zugeben: Immer schwingt ein Hauch Versagen mit, etwas Gestörtes, etwas, was nicht richtig ist. Hundetrainer sind mitunter völlig genervt von „Helikopterhaltern“, von Muttis, von Hunden, die „Baby“ genannt werden – und nicht nur einmal hat sich irgendwer tatsächlich darüber gewundert, dass die Ansage „Das ist nur ein Hund!“ als Beleidigung aufgefasst wurde und zu einer irrational erscheinenden Wut führte.

Ich mache mir darüber schon eine Weile Gedanken, auch weil mich interessiert, woher die Faszination für den Hund kommt und warum so viele Menschen derart besessen von ihnen zu sein scheinen. Nun ist es so, dass „der Hund [bewirkt], dass das Beziehungshormon [Oxytocin], das etwa die Bindung von Mutter und Kind oder Liebespaaren fördert, auch beim Menschen aktiviert wird.“ (Quelle) Also schon auf rein körperlicher Ebene ist es schlicht so, dass der Hund ein Kinderersatz ist. Er ist es einfach. Wenn schon der Körper so klar auf einen Hund reagiert – was macht denn dann der Rest von Herz und Seele?

Betrachten wir unsere Gesellschaft und wie sie sich in den letzten Jahrhunderten verändert hat: Wir leben nicht mehr bei unserer Familie, weder im gleichen Haus, noch in der näheren Umgebung. Ja, es gab Zeiten, da war es äusserst hip, auf jeden Fall viel umgezogen und definitiv irgendwo ganz anders gelebt zu haben, als es der Rest der Familie tat. Und wir produzieren kaum noch Kinder – es sind so wenige, dass sie den „Bestand“ nicht nur der Deutschen nicht erhalten werden können. Das heisst auch, dass es hierzulande wesentlich weniger Familien gibt, weniger Eltern und weniger Kinder. Die Gründe dafür sind nicht Teil dieses Artikels, auch wenn sie sicher hochspannend sind, denn letztendlich liegt es in der Natur des Menschen, sich zu vermehren und in den sozialen Strukturen zu leben, die ihm Sicherheit und Wohlgefühl geben. Ich bin mir ganz sicher, dass das nicht die Zwei-Zimmer-Wohnung im Wohnblock in der lauten Grossstadt ist. Was bleibt ist aber folgendes: Wir leben nicht so, wie es unsere Natur wäre. Und anders zu leben, als man angepasst ist, bedeutet immer Stress – auf irgendeiner Ebene.

Also: Wie sehr leidet eigentlich unsere Psyche (und der Körper) von unserem abstrakten Lebenswandel? Und… was bedeutet es, wenn sich Menschen als (unbewussten) Ersatz einen Hund anschaffen? Wie stark empfinden wir für einen Hund? Bewusst und unbewusst?

In einem Gedankenspiel habe ich einfach mal so für mich so getan, als wäre der Hund tatsächlich das Kind. Das eigene. Das man unendlich liebt. Auf das man nichts kommen lässt. Das man wie ein Raubtier gegen das Böse und Schlechte dieser Welt verteidigt. Über das man keine Kritik hören will und von dem man immer ausgeht, dass es das schönste, schlauste, beste und liebste ist. Um das man sich unendlich sorgt, wenn es krank ist. Wenn der Arzt nicht herausfinden kann, was tatsächlich los ist. Das weggelaufen ist. Das man bei Bekannten untergebracht hat, weil man es auf eine Reise nicht mitnehmen konnte. Das man weggeben musste, weil die Lebensumstände so waren. Das von einem fremden Spaziergänger getreten wurde. Das überfahren wurde. Die Trauer von Eltern ist das Schlimmste, was wir uns vorstellen können.

Was, wenn diese Eigenschaften einer Familie, die Liebe, die Zuwendung, die Unterstützung, alle so auch in der Hundehaltung existieren? Was, wenn diese Horrorszenarien, die alle so auch in der Hundehaltung existieren, bei den jeweiligen Haltern einen vergleichbaren physischen und psychischen Stress auslösen?

Baby-vs-Pug

Quelle Der Mops wurde in den letzten Dekaden immer mehr hin zu einem Typus gezüchtet, der das Kindchenschema des Menschen bedient. Dafür greift man auf eine anatomische Deformierung zurück, die Brachycephalie, die – unter anderem – zu schweren Atembeschwerden führt. Wir akzeptieren Deformierungen bei Hunden, damit wir sein Aussehen dem menschlichen Kind angleichen. Und finden es dann unendlich niedlich, wenn der Hund schnarcht. Das ist so menschlich. Nirgends in der Natur kann ein Tier, das mit Brachycephalie geboren wurde, überleben – das geht nur im Habitat „Mensch“. Und dennoch gehört der Mops mit zu den am häufigsten gehaltenen Hunderassen. 

Erinnern wir uns an den Jungen, der filmte, wie er einen Hund quälte, oder an das Mädchen, das Welpen in einen Fluss warf. Aber vor allem: Erinnern wir uns an den enormen, also wirklich enormen Aufruhr, den diese Ereignisse verursachten. Ich will und werde weder das eine noch das andere rechtfertigen… ich möchte das Phänomen dahinter sehen: Worin besteht der Unterschied zu Kindern? Ich beziehe mich allein die Reaktion von Menschen auf die Tat. Wenn er für Menschen so gering ist, dass sie Morddrohungen aussprechen und Täter tatsächlich um ihr Leben fürchten… was sagt das darüber aus, was wir für ein inneres Bild von Hunden haben (können)?

Das letzte Beispiel mag extrem sein, zugegeben. Gerade gestern sagte eine Nachbarin zu mir, dass sie nicht finde, dass man Hunde halten solle, wenn man sie nicht in Haus und Bett liesse. Ja, man sollte das verbieten. Hunde wären doch auch soziale Tiere. Sieht so die Zukunft aus? Unsere Gesellschaft entwickelt sich schnell – in der Schweiz kann man jemanden dafür anzeigen, wenn er seinem Hund ein Geschirr anlegt, dass in den Achselhöhlen kneift (oder kneifen könnte). Und nur noch die allerwenigsten Hunde werden tatsächlich gebraucht – im Sinne eines Gebrauchshundes. Selbst das Schafe-hüten-Argument funktioniert nicht mehr, wie dieser SPON-Artikel zeigt. Vielleicht brauchen wir Hunde heutzutage, um die Familie zu ersetzen, die wir nicht mehr haben oder nicht mehr sehen?

Ich möchte mit diesen Gedanken gar nichts entschuldigen – eher das Gegenteil ist der Fall: Möglicherweise wäre es unglaublich wichtig, mehr über das Ausmass zu wissen, anstatt durch Hohn und Spott zum Schweigen zu zwingen. Denn möglicherweise wäre es wichtig zu wissen, dass Hunde heutzutage aus genau solchen Gründen gehalten werden… mit allen dazugehörigen Folgen: Was ist ihre Verantwortung in Familie und Gesellschaft? Wie können sie als Hunde diese Aufgaben erfüllen? Wie sollte man mit Hundehaltern umgehen? Was soll es nutzen, jemandem, der eine derartige Verbindung zu seinem Hund hat, zu sagen: „Jetzt lass den Hund doch mal Hund sein und konzentriere dich auf dein eigenes Leben, verdammt!“ Was für ein Schlag ins Gesicht das für jemanden wäre, der in seinem Hund sein Kind sieht, seine Familie…

Und abschliessend frage ich mich auch: Was bedeutet das für Hundetrainer? Ich hatte mich schon einmal darüber ausgelassen, warum ich nicht finde, dass Hundetrainer Hunde-Trainer sind. Und auch wenn ich grundsätzlich ebenfalls die Meinung vertrete, dass Hundetrainer keine Therapeuten sind, so muss ich doch die Frage stellen: Was muss ein Hundetrainer heute und in Zukunft tatsächlich wissen und können, um mit Menschen zu arbeiten, die Hunde halten?

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Kommentare
  1. Birgit sagt:

    Da ist wohl was dran. Ich selbst habe 2 Hunde. Die werden schon wie Hunde behandelt. Schlafen nicht im Bett und essen nicht von meinem Teller 😉 Aber sollte ihnen einer was zuleide tun, gnade ihm Gott.
    Und den Spruch “ das ist doch nur ein Hund“ höre ich nicht gerne. Obwohl ich keine Kinder habe(hat sich nicht ergeben), würde ich meine Hunde trotzdem nicht als Kindersatz bezeichnen. Allerdings als Familienmitglied mit ihrem eigenen Platz als Hund. Ich finde, die Liebe zum Hund hat eine ganz eigene Qualität. Wieder anders als die Liebe zu Kind oder Partner. Der Hund bringt uns ein kleines Stück näher an die Natur und unsere eigenen Instinkte. Etwas, das wir in unserer so technischen Welt verloren haben.

  2. frdrseltsam sagt:

    Wie so meist, kann ich dir nur zustimmen in deinen Überlegungen.
    Was übrigens die Gründe für die famlienarmen Strukturen angeht, habe ich da neulich ein ziemlich cooles Buch gelesen: http://www.kiwi-verlag.de/buch/seid-fruchtbar-und-beschwert-euch/978-3-462-04708-0/ Gar nicht mal uninteressant, was da auch so an Studienlage und politischer Situation beleuchtet wird.
    LG

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