Verhaltensregeln für Hundehalter gegenüber Schafen und Schafherden

Veröffentlicht: 4. Februar 2015 in Allgemein
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Am 16. April 2014 widerfuhr der Schäferin Uta Wree ein Vorfall (Uta Wrees Geschichte), der mich dazu veranlasst, mich eines selten angesprochenen Themas anzunehmen: Korrektes und verantwortungsbewusstes Verhalten von Hundehaltern in Gegenwart von Schafen und Schafherden.

Uta Wree lebt im nördlichen Schleswig-Holstein und ist Schäferin einer grossen Schafherde. Am 16. April passierte ein Radfahrer mit seinem Hund, der eine Schleppleine hinter sich herzog, die Herde – und der Hund brach aus und fing an, die Schafe zu hetzen. Anstatt einzugreifen, beschloss der Besitzer, einfach weiter zu fahren in der Annahme, sein Hund würde schon irgendwann folgen. Nur deswegen hetzte und tötete der Hund insgesamt über eine halbe Stunde lang Schafe und vor allem die zu dieser Zeit frisch geborenen Lämmer. 59 Lämmer und drei Mutterschafe starben während des Vorfalls, weil sie totgebissen wurden, in Stromzäune rannten und sich dort verhedderten und die Lämmer in vielen Fällen schlicht, weil sie in der allgemeinen Panik totgetrampelt wurden. Bis zum heutigen Tag – dem 28. April – sind noch unzählige Lämmer durch stressbedingte Frühgeburten verendet.

Als ich von dieser Geschichte hörte, beschloss ich, dass ich mich für Uta Wree und andere Schäfer, deren Schafe – wenn auch oftmals nicht so dramatisch – unter freilaufenden Hunden leiden müssen, einsetzen will. Ich möchte darüber aufklären, wie sich Hundehalter bei Sichtung einer Schafherde verhalten sollten und welche Auswirkungen ein hetzender Hund auf eine Schafherde hat.

Verhaltensregeln für Hundehalter

Leinen Sie Ihren Hund immer an, wenn Sie eine Schafherde passieren müssen – auch nicht jagende Hunde können auf schnelle Bewegungen reagieren und ein „Das hat er ja noch nie gemacht!“ kann im Notfall nicht nur maßloses Leid bei anderen Lebewesen verursachen – es bedeutet, so hart das klingen mag, im schlimmsten Fall auch einen enormen wirtschaftlichen Schaden.

Lassen Sie Ihren Hund die Schafe auch nicht erschrecken, auch wenn es witzig aussieht. Schafe merken sich solche Gefahrenquellen und verallgemeinern sie im ungünstigen Fall. Hütet der Schäfer selbst mit Hunden, können solche Erfahrungen die Arbeit des Schäfers und seiner Hütehunde enorm erschweren.

Das Schaf ist ein Fluchttier, Angst breitet sich in einer Herde vom auslösenden Punkt aus und kann unüberschaubare Folgen haben. Nehmen Sie Ihren Hund an die kurze Leine, so dass er nicht in Richtung der Schafherde springen kann – Schafe wissen nicht, was eine Leine ist und reagieren nur auf die Bewegung des vermeintlichen Räubers.

Sollte Ihr Hund dennoch ausgebrochen sein, greifen Sie ein! Jede Minute des Hetzens bedeutet lebensgefährdenden Stress für Alttiere und Lämmer (auch die ungeborenen). Versuchen Sie nicht, sich in der Hoffnung zu entfernen, Ihr Hund würde Ihnen dann folgen. Das wird er höchstwahrscheinlich nicht tun, weil ein ausgelebter Beute- bzw. Jagdtrieb in so einem Fall selbstbelohnend ist. Rufen Sie sich Hilfe – wenn Ihr Hund zu schnell ist, schauen Sie, ob Sie bspw. einen Fahrradfahrer dazu bringen können, Ihnen sein Fahrrad zu leihen. Es geht hier darum, das Leben der Schafe zu schützen und auch das zukünftige Leben Ihres Hundes – ein Hund, der einmal erfolgreich gejagt hat, kann seinen Fokus vollkommen neu ausrichten und den Alltag so komplett umkrempeln.

Hat Ihr Hund tatsächlich Schaden angerichtet, melden Sie es. Ihr Hund ist versichert und die Versicherung kommt für den Schaden auf – es ist wichtig, dass der Schäfer nicht auf den entstehenden Kosten sitzen bleibt, er wird schon genügend Arbeit mit seiner verängstigten Restherde haben. Seien Sie verantwortungsvoll und respektieren Sie auch das Leben der Schafe, das Ihr Hund gerade sehr nachhaltig beeinflusst hat.

 

Schafe und Schäfer

Schäfer und ihre Schafherden sieht man heute nicht mehr so häufig. Aber gerade im Norden Deutschlands prägen sie oftmals noch das Landschaftsbild. Sie weiden auf Grasflächen, zwischen Weinreben und Solarzellen und dienen ganz allgemein der Landschaftspflege. Ihre Wolle verhäkeln und -stricken wir in den Wintermonaten, tragen sie als wärmende Pullover und an Ostern gehört der Lammbraten vielerorts zum Festmahl. Schafe wandern, während sie weiden – und in unseren Gefilden werden sie durch Hütehunde wie den Border Collie oder Altdeutsche Hütehunde durch das Gelände geleitet, damit sie den Bauern nicht die Ernte zerstören und auch den Garten des Nachbarn in Ruhe lassen. Besonders in den Schweizer Alpen werden auch Herdenschutzhunde wieder eingesetzt, um die Schafherde von innen heraus gegen Angreifer zu verteidigen. Die Schäferei ist ein naturverbundener, anstrengender und arbeitsaufwändiger Beruf, der heute selten geworden ist.

Den Schäfern geht es wie den Hundehaltern, wenn man es nicht so genau nimmt: Die Bevölkerungsdichte wird grösser, es gibt immer weniger freie Flächen, die von Schafen beweidet werden dürfen und die Herden von A nach B zu bekommen, verlangt dank Strassen und anderer Infrastruktur Höchstleistungen von Schäfer und Hütehunden. Immer wieder ärgern sich Hundehalter über Tutnixler und Willnurspielense, jene Hunde, deren Halter sich nicht an die heute eigentlich übliche Etikette halten – aber ist ihnen auch bewusst, wie ihre Hunde, die – ob man es mag oder nicht – Raubtiere sind, auf Schafe und andere Nutztiere wirken?

Schafe sind Herdentiere – und Herden werden dann gebildet, wenn Beutetiere sich als grosse Menge gegen Räuber schützen. Das bedeutet auch, dass sich Verhalten von einem Tier auf das nächste überträgt: Flieht ein Tier, gehen die benachbarten davon aus, dass es einen Grund dafür gibt und fliehen ebenfalls. Schafe sind hochsensible Tiere, deren Vertrauen und Ruhe schnell erschüttert werden können, wenn sie traumatisiert werden. Eine Herde, die von einem Hund gehetzt wurde, benötigt Wochen und Monate, um bei Sichtung eines Hundes nicht sofort in Panik zu verfallen – in so einer Stimmung überrennen sie dann nicht nur die Elektrozäune, die sie schützen sollen, sie trampeln auch Lämmer nieder, die dem Gewicht eines erwachsenen Schafes nichts entgegenzusetzen haben. Das kann nicht nur bei fremden Hunden passieren, sondern auch bei den eigentlich gewohnten Hütehunden, deren Vertrauen aber dringend notwendig ist, um die Herde kontrollieren zu können. Zusätzlich reagieren tragende Mutterschafe um des Überlebens willen sehr schnell mit Aborten und Frühgeburten. Während der Lammzeit im Frühjahr kann also ein Angriff durch einen Hund weitreichende und gravierende Folgen haben.

Wenn man es also genauer betrachtet, dann wird überdeutlich, dass auch ein augenscheinlich harmloser Übergriff auf eine Schafherde enorme Folgen haben kann. In unserer hochtechnisierten und der Natur immer ferner werdenden Welt gehen alte und heute wenig ausgeübte Berufe wie der des Schäfers an unserer Aufmerksamkeit vorbei. Hundehalter gehören noch zu denjenigen, die sich viel im Freien bewegen und die nicht nur Rechte und Respekt für sich beanspruchen können sollen – sie sollten sie auch anderen zugute kommen lassen. Mit dem Wree-Projekt wollen wir uns dafür einsetzen, dass Hundehalter aufmerksamer werden. Schadensvermeidung und gegenseitiger Respekt ist wichtig, damit solche schrecklichen Vorkommnisse, wie sie Uta Wree und ihren Schafen widerfahren sind, der Vergangenheit angehören.

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Kommentare
  1. frdrseltsam sagt:

    Ich habe deine Verhaltensregeln und beide Artikel mal auf meinem Facebook (https://www.facebook.com/photo.php?fbid=905720252794182&set=a.191343767565171.44904.100000686486435&type=1&theater) gepostet, ich hoffe das ist okay! Muss ehrlich zugeben, dass mir das nicht bewusst war, wie schlimm die Folgen eines scheinbar lustigen „Scheuchens“ für die Schafe sind. Also ab jetzt Leinenzwang bei Schafherden! (Auch mit kleinem Hund!)

    • Nora sagt:

      Genau so ging es mir vor einem Jahr… aber man kann auch einfach nicht alles wissen. Deswegen habe ich die Geschichte damals aufgeschrieben und freue mich über jeden, der sie teilt, um andere Hundehalter zu informieren. 🙂

  2. A.Frank sagt:

    Obwohl mein Hund kein Jäger ist,besteht für ihn beim Zusammentreffen mit anderen Tieren Leinenzwang . Um genau dieses “ das hat er noch nie gemacht“ zu vermeiden. Der Artikel ist sehr informativ und gut geschriebenen und ich hoffe das ihn viele Hundehalter lesen und auch beherzigen. Man muss noch hinzufügen den Hund rechtzeitig anzuleinen, da man selber die Fluchtdistanz von Nutztieren nicht einschätzen kann und auch den Hund kaum noch zurück rufen kann,wenn er erstmal mit der “ Beute“ im Blick durchgestartet ist.

  3. SdV sagt:

    Toll, das ihr euch dem angenommen habt.

    • Nora sagt:

      Danke. Im Grunde müssen allerdings alle mithelfen: Mein Blog ist ganz klein, das lesen die wenigsten. Also hängt alles davon ab, dass die Regeln ordentlich weiterverbreitet werden.

      Du hast mich gerade auf eine Idee gebracht… Ich werde mal ein FB-Schildchen basteln – vielleicht hilft das ja, die Sache noch etwas zu unterstützen. 🙂

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