Szenen einer Jagd

Veröffentlicht: 13. Oktober 2014 in Antikram
Schlagwörter:,

Heute ist es nicht so wirklich irre schön, spazieren zu gehen. Es ist kühl, viel zu dunkel für die Uhrzeit und es sieht so aus, als würde es bald regnen. Ich laufe zusammen mit einer Freundin und den Hunden auf einem Feldweg, als ich auf der gegenüberliegenden Seite des Baches eine Frau mit zwei Schäferhunden sehe. Die Frau steht da und läuft nicht… sie beobachtet gerade einen ihrer beiden Hunde, der mitten auf dem Feldweg liegt. Meine Freundin sagt: „Oh, da sollten wir bald anleinen – Schäferhunde finde ich immer etwas schwierig. Was macht der Hund da eigentlich?“ Während wir weiter laufen, beobachten wir den Hund – er frisst irgendwas. „Der frisst was, oder?“ sagt meine Freundin, „Würde ich ja nicht wollen… dass mein Hund einfach so Sachen frisst. Man kann doch nie wissen, was damit ist…“ Ich mhm-e meine Zustimmung, als der zweite Hund dieser Frau zu dem ersten hingeht, er will offensichtlich an dem schnuppern, was der da frisst. Selbst aus der Entfernung sieht man, wie der Blick des grossen Schäferhundes ganz starr wird und er dann dem anderen mal alle seine Zähne zeigt. So richtig schönes Drohen… vom Feinsten. Bis zu uns rüber blinken die vielen weissen (und ziemlich grossen) Zähne. „Ouh! Der verteidigt aber ordentlich! Das scheint ja was Wichtiges zu sein. Ich finde, wir sollten jetzt anleinen… Die Frau könnte ja auch mal aufhören, ihren Hund anzugaffen und die beiden an die Leine nehmen… so sieht die ja nie, dass wir kommen.“ murmelt meine Freundin.

Ich finde, dass man sich in so einer Situation dann einfach auch mal melden kann – mir ist es auch schon passiert, dass ich nicht mitbekommen habe, wie jemand um die Ecke kam, weil ich mit etwas anderem beschäftigt war. Ich rufe: „Entschuldigung? Würden Sie bitte Ihre Hunde anleinen?!“

Die Frau schreckt regelrecht auf – noch als sie den Kopf hastig zu uns dreht, hat sie ein verträumtes Lächeln auf dem Gesicht, ruft dann aber direkt ihren zweiten Hund heran und nimmt ihn an die Leine. „Ist das so eine Würgeleine?“ fragt meine Freundin. Ich habe es nicht gesehen und schaue mir die Frau mal genauer an: Dick, gross, eine Jogginghose in Camouflage – oder eine Bundeswehr-Männerunterhose, denke ich und finde das kurz etwas bescheuert – eine alte, verdreckte Fleecejacke, darunter ein Kapuzenpulli. Irgendwie erfüllt das schon mächtig viele Klischees, wenn so eine dann einen Deutschen Schäferhund hat, finde ich. „Hehe, mal sehen, ob die den Grossen überhaupt anleinen kann, wo der ja offensichtlich ein Ressourcen-Problem hat…“ knurrt meine Freundin, „was frisst der da bloss?!“

Ich schaue nun auch zwischen seine Pfoten – wir sind immer noch relativ weit entfernt, aber ich erkenne, dass es mal braun und weiss war. „Hm! Ich sehe braun-weisses Fell!“ zische ich. „War das dann irgendein Haustier? Braun mit so viel weiss gibt es in der Natur doch gar nicht! Mensch, das kann doch nicht sein, oder?!“ Unsere Schritte stocken etwas, während sich unsere Gedanken überschlagen. Hat diese blöde Kuh tatsächlich ihren Köter jagen lassen, der hat es auch noch erwischt und jetzt lässt sie ihn das auch noch fressen? Ehrlich?!  „Oh Gott,“ meine Freundin greift mich am Arm, „meine Nachbarskinder haben Kaninchen in der Farbe! Die werden doch wohl nicht ausgebüxst sein und jetzt so enden? Oh nein… oder vielleicht ist das sogar eine Katze gewesen? Deine Mieze sieht doch auch so ähnlich aus!“

Mein Puls steigt und ich rege mich richtig ordentlich auf – darauf spreche ich die Tante jetzt aber an! So etwas geht doch nicht – nicht hier in unserer Region, nicht, wo wir es eh alle schon so schwer haben mit der Haltung der Hunde. Und was ist, wenn die ‚Beute‘, das arme Vieh!, tatsächlich jemandem gehört hat? Die sollte etwas unternehmen und nicht dümmlich grinsen. Ich kann einfach nicht glauben, dass die ihren Hund einfach machen lässt! Meine Freundin und ich ziehen die Geschwindigkeit an, als wir sehen, dass die Tante ihrem grossen Hund tatsächlich problemlos die Würgeleine umlegen kann. Zwischen uns und ihr liegen jetzt nur noch etwa 30 Meter und eine Holzbrücke. Ich bitte meine Freundin, zu der Frau rüber zu gehen und sie darauf anzusprechen, aber sie traut sich nicht, weil sie Angst vor den Hunden hat und sagt, dass sie hier drüben mit unseren Hunden auf mich wartet und dass es ihr leid täte. Ich verstehe das, bin aber sowieso so wütend, dass ich keine Unterstützung brauche. Und vielleicht ist es echt ganz gut, wenn unsere Hunde da jetzt nicht so nah rankommen…

Inzwischen ist die Frau auch ein paar Schritte mit ihren Hunden gegangen – der grosse Rüde (auch noch das!) trägt tatsächlich den Rest seiner Beute im Maul mit sich. Ich will gar nicht so genau wissen, was er da mit sich herumschleift und konzentriere mich auf die Frau. Grüssen finde ich jetzt echt nicht mehr wichtig und sinnvoll, also lege ich direkt los:

„Sagen Sie mal! Wie bescheuert sind Sie denn? Das ist ja mal eine ganz grosse Unverschämtheit – nein, das ist… das ist… einfach nur widerlich!“ stosse ich hervor. Die Frau wechselt kurz die Gesichtsfarbe und fragt blöd nach:

„Entschuldigung? Was?!“

Oh super, eine Deutsche! Das passt ja noch perfekter ins Klischee! Ich fauche weiter:

„Sie können doch nicht einfach Ihren Drecksköter etwas jagen und dann fressen lassen! Das geht nicht! Das ist auch gar nicht erlaubt!“ und als ich das sage, wird mir klar, dass ich die Frau melden werde… so geht es einfach nicht und ich finde, dass sich da eine offizielle Behörde kümmern muss, dass die Tante mal lernt, wie das mit den Bestimmungen in der Schweiz ist und wie man mit Hunden umzugehen hat! Erst recht solchen grossen und gefährlichen Hunden! Meine Güte… das ist ein wirklich grosser Schäferhund-Rüde. Das ist so unglaublich unverantwortlich.

„Geben Sie mir Ihren Namen und Ihre Adresse – es tut mir leid, aber das werde ich melden! Das geht so einfach nicht! Das arme Tier da! Und wenn das jemandem gehört hat? Haben Sie darüber überhaupt nachgedacht, bevor Sie Ihren riesigen Köter einfach haben machen lassen? Was war’s denn? Nen Kaninchen? Eine Katze? Na? Bah, ich finde das so schrecklich! Jagt der auch Jogger und Radfahrer? Was ist mit Kindern? Oder ist Ihnen das auch so egal, wie dieses arme Tier da?! Name und Adresse, sonst rufe ich die Polizei!“

Die Schäferhund-Frau starrt mich an – ihr Teint ist bleicher und ich bin mir sicher, dass ich sie kalt erwischt habe. Ich schüttele abfällig den Kopf, als sie sich ihrem Hund zuwendet und sagt:

anti_ruebe

Anti nurbselt Futterrübe…

„Komm‘ mal her… ja, bring’s mit…“, sie schaut zu mir auf und dann sagt sie, während sie mich im Blick behält:

„Anti, AUS. …  Spuck‘ mal kurz die Rübe* aus. … Feiner!“

 
* Nach der Ernte dürfen Anti und Ixy gerne die Futterrüben-Reste von den Feldern holen. Ich habe festgestellt, dass das Abnagen und Zerbeissen der relativ grossen Stücke sehr effektiv Zahnbeläge entfernt. Am Ende der Saison sind ihre Zähne um einiges weisser und belagfreier… 

Advertisements
Kommentare
  1. Hihi, tolle Geschichte!! 😀
    Und das mit den Zuckerrüben werd ich meinen mal vorschlagen!

  2. frdrseltsam sagt:

    Wie geil! 😀 „Eine Deutsche! Natürlich!“ 😀 😀

  3. frdrseltsam sagt:

    Das Bild ist übrigens superklasse. So eine schöne doof-Nase. ❤

    • Anti-Mensch sagt:

      ^^ Da ist Anti noch viel jünger… irgendwann hört man dann ja leider auf, sie bei Alltäglichem zu fotografieren und dabei zieht er beim Nurpseln die allertollsten Grimassen…

  4. bernd sagt:

    anti aus rübennasenhausen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s