Was traue ich meinem Hund zu?

Veröffentlicht: 7. Oktober 2014 in Alltag
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anti_flussManchmal frage ich mich, ob ich zu hysterisch bin, wenn es darum geht, wie viel Überlebenskompetenz ich meinen Hunden zutraue… Wovor sollte ich sie beschützen und was sollte ich sie einfach erfahren lassen, weil ohne Erfahrung kann das ja nichts werden mit der Kompetenz. Auch ein Hund profitiert von Lebenserfahrung – er macht sie mit stechenden Insekten, mit Brombeersträuchern, mit anderen Hunden. Auch wenn es mir manchmal schwer fällt – ich versuche, meinen Hunden die Möglichkeit zu geben, Dinge zu lernen. Auch wenn sie weh tun. Anti hat schon kapitale Knochensplitter durch sein Gedärm befördert, Ixy hat sich schon ordentlich den Magen verdorben und aus beiden Hunden habe ich schon wundervoll entzündete Rosendornen gezupft… und ja, ich lasse meine Hunde mit Stöckchen spielen, auch wenn auf Facebook immer mal wieder hochdramatische Fotos von Hunden die Runde machen, die sich irgendwie selbst gepflockt haben. Ich finde, dass auch wenn ein Risiko besteht, der Hund die Chance bekommen sollte, zu lernen, dass es wenig sinnvoll ist, in Höchstgeschwindigkeit durch ein Brombeergebüsch zu rasen (hat eh nicht geklappt – die Dornen haben die Geschwindigkeit in beeindruckender Zeit von 100 auf 0 reduziert und die Lernerfahrung war höchst blutig, aber nachhaltig).

Ja, ich sehe auch, was es für eine kapitale Lernerfahrung ist, wenn Anti nicht auf mein „Vorsicht!“ hört und dann vom Elektrozaun eine gescheuert bekommt. Zumindest für einige Monate. Auch wenn es mir schwer fällt… ich lasse zu, dass meine Hunde diese unangenehme Erfahrung machen – sie werden an dem Schlag nicht sterben und keine irreparablen Schäden davontragen. Und dennoch ist es kein angenehmes oder „gerechtes“ Gefühl, zu wissen, was die Konsequenz ist und sie dennoch nicht verhindert zu haben.

Etwas ganz anderes ist es aber beispielsweise mit Strassen. Der Tod verhindert im schlimmsten Fall jegliche Lernerfahrung. Und so eine absolute Konsequenz ist es für mich das Risiko nicht wert, zu testen, ob ich meine Hunde nicht auch auf dem Gehweg laufen lassen könnte, ohne dass sie auf die Strasse springen. Ich habe also bis heute zwei komplett Strassen-blöde Hunde: Ist da eine Strasse, sind die Hunde angeleint – sie haben nicht gelernt, dass Autos gefährlich sind, sie haben nur gelernt, dass sie von der Strassen-abgewandten Seite laufen sollen.

Eines meiner grössten Probleme in Bezug auf Lernerfahrung und Alltagssituationen sind Flüsse. Flüsse sind schön und gerade der hiesige Fluss ist in unserem Spaziergebiet renaturiert und hat wunderschöne Uferbereiche mit grossen, nicht sehr tiefen Wasserflächen entlang des Gleithanges. Auf der anderen Seite sieht es allerdings anders aus: Der Prallhang hat das Ufer steil gemacht und den Fluss tief ausgespült. Es brodelt in der Strömung und das Wasser zieht in alle möglichen Richtungen. Ähnlich verhält es sich ein Stückchen weiter oben, wo der Fluss nach begradigt ist und ungebremst entlang des meist steilen Ufers strömt. Hinzu kommt, dass der hiesige Fluss recht ordentlichen Wasserstandsschwankungen unterworfen ist, je nachdem, wie trocken oder regenreich es in der Region ist.

Es reibt immer wieder meine Nerven auf, wenn Anti sich mit Schwung in die Fluten stürzt. Plötzlich verschwindet er im hohen Gras des Uferbereichs und ich höre nur noch das Platschen, wenn er im Fluss gelandet ist. Ich habe nicht immer das Gefühl, dass er tatsächlich überprüft, ob es sicher ist, sich an genau dieser Stelle in den Fluss zu werfen. Und ja, er schwamm auch schon kreischend im Seitenarm des Flusses und war der festen Überzeugung, dass er dort nicht mehr heraus kommt. In meiner Phantasie treibt Anti den Fluss entlang, findet keine Stelle, an der er an das Ufer schwimmen kann, treibt davon und ich komme nicht hinterher. Springe ich rein und versuche, ihn zu retten. Bin ich körperlich fit genug, meinen Hund zu retten oder begebe ich mich selbst in Lebensgefahr? Ist es sinnvoll, sein Leben für den eigenen Hund zu riskieren?

anti_wasser_360smIch habe mich immer mal mit anderen Hundehaltern darüber unterhalten – und die meisten sehen es recht entspannt. Sie gehen davon aus, dass ihr Hund die Situation meistern kann, weil er ein Hund ist. Ja, ich meine sogar schon von einer Statistik gehört zu haben, dass mehr Menschen zu Schaden kommen, die ihren Hund retten wollen, als Hunde, die tatsächlich ertrinken… Ich mag Statistiken, aber eines ihrer grössten Mankos ist, dass sie den individuellen Fall nicht erfassen müssen. Sie geben einen Durchschnittswert wieder.

Die letzte Tage haben wir angelnd an der Oder verbracht – kurz vor unserer Ankunft war der Wasserstand der Oder noch sehr hoch und selbst bei unserer Ankunft waren die Buhnen noch zu grossen Teilen überschwemmt. Wenn man angelt, geht man hin und wieder auch den Uferbereich ab, wirft die Angel hier und da aus, hält nach netten Plätzchen Ausschau oder interessanten Stellen für das Auswerfen des Köders. Und so fand ich ihn… den ertrunkenen Mischlingshund, der an das Ufer gespült worden war. Ich habe schon früher tote Hunde gesehen, aber das hier war das erste Mal, seit ich selbst Hunde halte. Es war ein Hund mit mittellangem braunen Fell, zu pummelig und mit kleinen Stehohren, würde ich meinen. Der Kadaver war schon stark verwest, aber um seinen Hals war noch das schwarze Lederhalsband, an dessen Ring an einem Karabiner eine Art Führleine hing… ein abgeschnittenes Stück Kletterseil. Das Seil hatte sich um den linken Hinterlauf des Hundes gewickelt und sich fest verknotet. Ich fürchte, dass das der Grund war, warum der Hund ertrunken ist, denn so konnte er nicht schwimmen – ich weiss es aber auch nicht genau… vielleicht ist das auch erst später passiert, denn letztendlich lässt sich nicht nachvollziehen, wie lange der Hund in der Oder getrieben ist.

Auch wenn es mir sehr schwer gefallen ist, habe ich geprüft, ob am Halsband eine Marke oder irgendein Hinweis auf die Herkunft des Hundes zu finden ist – dem war nicht so und in der sehr ländlichen Region zwischen Brandenburg und Polen wundert mich das auch nicht weiter.

Ich schreibe das, weil ich zu einem Entschluss gekommen bin: Flüsse sind für mich wie Strassen. Und wenn es nur ist, weil mir mein eigenes Seelenheil wichtig ist… und: Sollte Anti (denn Ixy geht sowieso nicht ins Wasser) mal in einem Gewässer schwimmen, wird er sicher leinenlos sein, damit sich nichts um seine Beine wickeln kann. Nur für den Fall der Fälle. Flüsse werden kein Anlass für Lernerfahrungen für meine Hunde werden. Nicht ab einer bestimmten Grösse. Das ist beschlossene Sache und ich werde zu meiner Hysterie stehen. Und ich denke, dass es legitim ist, hin und wieder zu solchen Entscheidungen zu stehen – solange man sie ausreichend hinterfragt und sich gegebenenfalls auch eines Besseren belehren lässt. Egal, für wie wunderlich mich jemand halten mag… niemand profitiert davon, wenn ich entlang eines Flussufers permanent zwischen Alarm und Panik wechsle – auch meine Hunde nicht.

RIP kleiner Hund… es tut mir leid, dass ich deine Besitzer nicht ausfindig machen konnte.

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Kommentare
  1. wirspielenverrueckt sagt:

    Ich denke, das sieht jeder Mensch anders und das ist ja auch irgendwo gut so.
    Ich beispielsweise lasse meine Hunde keine Erfahrungen mit anderen Hunden machen, wenn ich dabei ein ungutes Gefühl habe. Warum? Weil ich schon einen Hund dadurch verloren habe. Versteht nicht jeder, muss auch keiner und ich habe keine Lust, das jedem Deppen erklären zu müssen, dessen Hund „nur mal Hallo sagen“ will.
    Und meine Hunde dürfen auch nicht die Erfahrung machen, das Stromzäune echt blöd sind. Weil sie erstens kaum die Schnur für den Schmerz verantwortlich machen, sondern eher das dahinter befindliche Tier, und zweitens sich durch den Schmerzschrei (je nach Voltzahl entsprechend laut) das dahinter befindliche Tier erschrecken und durchgehen kann und drittens laufen meine Hunde einfach so an Koppeln an der Leine. Die Schäfer in meiner Nachbarschaft mussten dieses jahr 5 zu Tode gehetzte Lämmer beklagen. IN der Koppel.

    Ich sehe es einfach als meine Aufgabe, meine Hunde vor meiner Umwelt und die Umwelt vor meinen Hunden zu schützen.

    Lieben Gruß ♡

    • Anti-Mensch sagt:

      Dazu muss man vielleicht wissen, dass die hiesige Gemeinde Stromzäune über die Wassergräben spannt, um die Biber davon abzuhalten, die Weltherrschaft und die Ernte der Bauern auf den benachbarten Feldern an sich zu reissen. Ich leine auch an, wenn es um eine Pferde- oder Schafkoppel geht… aber allein auf unserem Standard-Spazierweg ist der Bach inzwischen an zwei Stellen im Zickzack mit eDraht überspannt, um den Bau von Dämmen zu verhindern.

      Ist aber auch blöd: Erst Biber wieder ansiedeln und dann vermehren sich die blöden Viecher so, dass sie Rüben fressen… Nichtsnutze, die…

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