Ist nicht Zeigen & Benennen

Veröffentlicht: 7. September 2014 in Gehorche!, Training
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Canti und die HasenzugmaschineEs gibt da diese Methode, den Hund zu erziehen. Sie nennt sich „Zeigen und Benennen“ und ich habe mich nicht wirklich damit auseinandergesetzt. So – ich hoffe, mit dieser Einleitung habe ich gleich mal alle Hoffnungen im Keim erstickt, hier eine ‚Anleitung‘ zu finden… oder gar ein Allheilmittel, das es im Hund-Halter-Konnex nicht gibt. Offensichtlich gibt es aber einige Skeptiker, ja, sogar recht militante Zuhörensverweigerer, wenn man auch nur die Wortkombination „Zeigen“ und „Benennen“ in den Diskurs einbringt. Ich möchte hier einfach mal aufschreiben, wie ich „Zeigen & Benennen“ verstehe und nutze.

Wofür nutze ich Z&B überhaupt? Ich nutze es für Situationen, in denen mir das Verhalten meines Hundes nicht gefällt. Nein, mehr noch: Wenn es mich nervt oder ich das Gefühl habe, dass es falsch oder gefährlich oder eine beschissene Marotte werden könnte. Meist sind es Dinge, die sich schon ankündigen… zum Beispiel ein entgegenkommender Hund oder das Schafgehege, an dem wir täglich vorbei laufen.

Ich baue Z&B in relativ kleinen Einzelschritten auf – wie viele das sind, hängt immer auch ein wenig von der Situation und dem Hund ab. Das Ziel ist immer, die Situation zu entspannen, indem ich den Hund dazu bringe, sich von der Situation abzuwenden und sie letztendlich unaufgeregt zu behandeln. Meines Erachtens erzieht Z&B den Hund nicht – es nimmt die Anspannung von Halter und Hund aus einer Situation, weil sich beide mit etwas anderem beschäftigen, das nur peripher mit der eigentlichen Problematik zu tun hat. Z&B funktioniert auch nicht bei jedem Hund gleich und ich vermute, dass man seinen Hund und seine Motivation recht gut einschätzen können muss… UND ein gutes Timing in sehr kleinen Schritten mit genauem Ziel vor Auge haben sollte, um etwas zu erreichen. Aber dann… kann Z&B ein spannender Ansatz sein, um sich selbst aus einer eingefahrenen Situation zu befreien. Letztendlich funktioniert Z&B also vor allem dann, wenn der eigene ‚Leidensdruck‘ passt – weil nur er die richtige Konsequenz mitbringt, um Erfolge zu erzielen.

Um zu verdeutlichen, was ich meine, nutze ich mein Lieblingsbeispiel: Ixy und die Schafe. Es begab sich also, dass Ixy auf die Idee kam, dass Schafe ganz schön spannende Tiere sind. Der Zaun um das Schafgehege ist lächerliche 100 cm hoch – die schafft Ixy praktisch aus dem Schlaf gerülpst. Nachdem sie einmal zufällig ein Schaf aufgescheucht hatte, konnte man beobachten, wie ihr Interesse geweckt war. Sie fixierte die Schafe, wurde aufgeregt und zeigte Anzeichen von Jagdverhalten. Uncool. Schon recht schnell fand ich das alles recht ungünstig mit dem niedrigen Zaun, den immer wieder anwesenden kleinen Lämmern… und dass Ixy doch irgendwann mal das Jagen für sich entdeckt und dann als Mali doch recht grossen Schaden anrichten könnte – und ich nichts unternehmen könnte, weil ich – sind wir realistisch – keine Chance hätte, sie zu erwischen, weil ich einfach zu fett bin und zu wenig Kondition habe Malis einfach zu schnell sind.

Jeder Schritt wird so lange wiederholt, bis er zuverlässig zum gewünschten Ergebnis führt – und damit voll durchkonditioniert ist. Allerdings trainiere ich zwar etappenweise regelmässig, aber nicht immer und überall. Damit das dennoch klappt, muss man den Hund genau beobachten und auch wissen, dass man selbst gerade in der Verfassung ist, zu üben – während jeder Phase muss man die richtigen Situationen finden, in denen man das Anschauen verlangen kann und sich sicher ist, dass die gewünschte Reaktion auch tatsächlich gezeigt wird. Erst wenn das zuverlässig in 100% der Fälle (exklusive derer, in denen man die Situation falsch eingeschätzt hat oder ein Klavier vom Himmel fiel) klappt, geht man zur nächsten Phase über…

Pro Übungseinheit habe ich ca. drei bis zehn Wiederholungen gemacht – je nach Lust und verfügbaren Leckerchen. Es ist meines Erachtens wichtig, sich ein realistisches Ziel zu setzen, dass dem momentanen Stand des Trainings entspricht. Es ist nicht sinnvoll, das Endziel ins Auge zu fassen – dann versucht man zu schnell, Abkürzungen zu nehmen, weil man nach einem gelungenen Schritt schon das Gefühl hat, dass der Hund schon kann, was man möchte. Konditionierung hat erstmal nichts mit Lernen oder Verstehen zu tun… die Konditionierung ist ein verfestigtes Verhalten, das automatisch und unbewusst abgerufen wird. Wenn die Mutter beim Anblick einer Spinne immer aufgeschrien hat, wird auch das Kind eine ankonditionierte Angst vor Spinnen haben, weil der Schrei der Mutter als Reaktion auf die Spinne ein beunruhigender Reiz für das Kind ist. Dass nicht jede Spinne tatsächlich gefährlich ist, kann man lernen und verstehen, ob man über den von Kindheit an konditionierten Alarmreiz hinweg kommt, ist etwas ganz anderes. Die Formulierung „Zeigen und Benennen“ sind in meinen Augen und nach meinem (Nicht)Verständnis dieser Methode missverständlich, denn sie deuten auf „Verstehen und Lernen“ hin.

Hier ist der ungefähre Ablauf:

Schritt 1:
Ixy lernt, mich anzuschauen. Schaut sie mich an, clickt es und es gibt etwas Leckeres. Klappt das, verbinde ich es mit ihrem Namen. „Ixy?“ > Anschauen > click > Lecker

Schritt 2:
Ixy lernt, mich während des Spazierganges anzuschauen – auch wenn sie schon einige Schritte von mir entfernt ist. „Ixy?“ > Anschauen > click > Lecker

Später achte ich darauf, dass die Distanz zwischen uns grösser wird, bevor ich sie anspreche. Sie weiss, dass es das Leckerchen nur bei mir gibt, also festige ich nicht nur das Anschauen, sondern in der Konsequenz auch das zu mir Zurücklaufen.

Schritt 3:
Ixy lernt, in der Nähe des Schafgeheges – aber noch bevor sie das erste wirkliche Interesse daran zeigt – anzuschauen. „Ixy?“ > Anschauen > click > Lecker

Schritt 4:
Ixy lernt, am Schafgehege, aber in Abwesenheit der Schafe, anzuschauen. „Ixy?“ > Anschauen > click > Lecker

Schritt 5:
Ixy lernt mich anzuschauen, wenn da Schafe sind. Ixy schaut ein Schaf an > „Ixy?“ > Anschauen > click > Lecker

Schritt 6:
Ixy schaut mich an, WEIL sie ein Schaf sieht. Ixy ist inzwischen so daran gewöhnt, ihren Namen zu hören, wenn sie ein Schaf sieht, dass sie mich bei Sichtung eines Schafes völlig irritiert anstarrt, weil ich nicht „Ixy?“ sage > click > Lecker

Und weil Ixy eine Faule ist, drehe ich den Spiess dann auch mal um, denn… Ixy weiss nun, dass sie am Schafgehege möglicherweise etwas Leckeres bekommt, also schaut sie mich die ganze Zeit an. Es geht hier aber um die Schafe. Also fordere ich sie auf, erst das Schaf anzuschauen, bevor sie wieder mich anschaut: „Wo ist das Schaf?“ Diese Ansage irritiert sie so sehr, dass sie sich kurz umschaut (auch weil der Satzanfang „Wo ist das…“ hier immer für Suchspiele genutzt wird) > click > Lecker

Später verlange ich dann tatsächlich den Blick zum Schaf (wenn klar ist, was das „Schaf“ in „Wo ist das Schaf?“ ist). Denn Ixy… ist nicht dumm und versucht es mit einer stilisierten Kopfwendung irgendwo hin, anstatt sich tatsächlich mit den Schafen zu befassen. Sie will nur ein Leckerchen – die Schafe sind ihr an diesem Punkt schon echt egal.

Schritt 7:
Bisher ist Ixy nach dem Click natürlich immer zu mir gewackelt, um sich ihr Lecker abzuholen. Das wird nun langsam abgebaut. Statt dem Click und dem Lecker gibt es immer mal wieder und im Verlauf immer öfter keinen Click und damit auch kein Lecker mehr, sondern nur noch eine mündliche Bestätigung: „Feine!“ oder mal ein Tätscheln. Ob sie dann trotzdem zu mir kommt, ist mir wurscht. Bis heute achte ich darauf, alle Nase lang mal auf ihren Blick in das Schafgehege „Ixy?“ zu sagen und das Anschauen dann zu bestätigen. Habe ich mal einen Clicker und Lecker dabei, wiederhole ich auch Schritt 6.

Ob ich beim Z&B fünf, sieben oder zehn Schritte einbaue, hängt davon ab, wie komplex die Situation ist und wie gut der Hund auf die Einzelschritte reagiert. Zu viele Schritte sind vermutlich auch nicht klug, denn dann verdröselt man sich in nervigen Fitzelaufgaben, die keinen Spass mehr machen und dem Hund nicht mehr dieses Yeay-Erfolg-Gefühl vermitteln.

Bei Ixy verhält es sich insgesamt so, dass die Konditionierung zwar immer wieder erneuert werden muss, sie sich dafür aber auf praktisch alle jagdlichen Situationen ausgeweitet hat. Sieht Ixy einen Vogel, schaut sie mich an. Sieht Ixy ein Reh, schaut sie mich an. Ich kann diesen Moment dann immer nutzen, um zu clicken oder mit der Zunge zu schnalzen oder einfach nur „Super!“ sagen und sie wird zu mir gewackelt kommen, um sich eine Bestätigung abzuholen. Allerdings muss man auch erwähnen, dass Ixy sich seit Welpe an Anti orientiert hat – und Anti jagt ähm… „intelligent“ – heisst: Fällt es ihm nicht ins Maul, macht er sich nicht die Mühe. Insgesamt ist sie wahrlich kein Beutegeier – teils ist das sicher ihre persönliche Veranlagung und teils auch die Art und Weise, wie sie aufgewachsen ist.

Vor einigen Wochen wollte ich es dann wissen, weil ich die nette Gelegenheit hatte, auf einem Seminar eine mobile Hasenzugmaschine zu nutzen. Nutzen heisst in dem Fall: Ich mache nichts und zwei Hundetrainer kümmern sich um alles – einer bedient die Maschine, die andere garantiert, dass der Hund keinen Jagderfolg hat. Ich kannte die Hasenzugmaschine schon von einem anderen Seminar, an dem ich allerdings ohne Hund teilgenommen hatte: Das flitzende Fuchsschwanzimitat wirkt äusserst anziehend auf Hunde. Auch dieses Mal gingen fast alle Hunde stiften – jagen ist super und so sah Halter jeweils noch ein kleines Staubwölkchen vom eigenen Hund, der wie wild den Waldweg entlang preschte.

Bis auf Ixy. Ixy sah den Fuchsschwanz zucken und schaute mich an. „Das’n Test, oder? Ja, ne?“ Ein weiteres Zucken. „Test, richtig? Anschauen, ja?“

Im Nachhinein hätte ich gerne getestet, was passiert wäre, wenn ich Ixy losgeschickt hätte… aber der Gedanke kam mir leider erst später. Ich weiss nur, dass das auch bei dem Reh klappt, dass hier seit einigen Tagen völlig merkbefreit auf unseren Wegen herumwatschelt und offensichtlich nicht glaubt, dass es gejagt werden könnte. Allerdings werde ich einen Teufel tun und Ixy dem Reh hinterher schicken. ^^

MiezekatzeAndererseits jagt Anti für sein Leben gerne Katzen, wenn er einer nah genug kommt – und da Katzen hier zu Hauf vorkommen und auch gerne in den Wiesen rumliegen (s. Bild… VOLL krass getarnt, die Gute…), passiert das recht oft. Ixy jagt Katzen, wenn sie direkt vor ihrer Nase aufspringen – aber wenn sie eine Katze in fünf Meter Entfernung in einer Wiese entdeckt, wird sie zwar aufgeregt, entscheidet sich dann aber dafür, mich anzuschauen und zu mir zu kommen (was Anti nicht tun würde). Die Verhaltenssequenz Anschauen-Wegkehren ist nicht nur gefestigt, Ixy hat sie auch ohne mein Zutun auf andere jagdliche Situationen ausgeweitet.

Bei Anti hingegen habe ich das Zeigen & Benennen bei passierenden Hunden genutzt. Die waren wirklich scheisse, grosses Kino – ich habe das aus Nichtwissen voll verbockt und Anti hat das Übrige dazu geleistet, dass ich eine Zeitlang einen hysterisch in die Leine springenden und Terror machenden Arsch an der Leine hatte. So etwas ist nicht entspannt, wenn der Hund 35 kg wiegt. Nein, im Laufe der Zeit bekommt man schon bei Sichtung des anderen Hundes auf weite Entfernung Stress, fängt an zu beobachten, wo der langläuft, nimmt die Leine anders und ich fange dann hin und wieder an, unkontrolliert zu brabbeln. Wer wäre Anti, wenn er sich an so einem Verhalten nicht gleich mit hochpushen würde?! Das Konzentrieren auf die neue Mission „Z&B bei Anti“ hat diese Situation komplett entspannt – und weil die Schritte so klein und deswegen mit Erfolg gekrönt waren, wurde diese Situation immer superererer für alle Beteiligten: für mich, weil ich es cool fand, wieder eine Trainingssituation zu haben (und wir begegnen hier wirklich wenigen Hunden – es hat fast Seltenheitswert), für Ixy, weil sie Antis Theater ordentlich gestresst hat, denn immerhin findet sie fremde Hunde widerlich und ignorierenswert, und für Anti, der heute in Ruhe warten kann, bis der Hund passiert hat, um dann noch ein wenig in der Spur des anderen zu schnuppern.

Ich verstehe, wenn gegen Z&B gewettert wird, denn ich habe auch schon Geschichten gelesen, in denen dem Hund die Welt aus Menschensicht erclickert werden sollte. Nur weil der Hund mal einen Mülleimer im Park länger beschnuppert hat, muss man nicht anfangen, ihm zu zeigen, dass da ein Mülleimer ist und dass der Mülleimer heisst. Das ist für mich nicht Zeigen & Benennen. Da leitet dieser Methoden-Name fehl – das Zeigen und das Benennen helfen dem Halter, eine Stresssituation zu erkennen und eine gewünschte Lösung anzusprechen. Es hilft, sich selbst aus der Situation zu nehmen, weil man eine Aufgabe hat – der Rest passiert fast passiv. Hunde beobachten das Verhalten der Gruppenmitglieder sehr genau – auch wenn man das nicht mitbekommt. Sie merken, wenn ihr Halter sich wegen etwas aufregt… und wenn sie es für richtig erachten, reagieren sie darauf. Zu verstehen, dass es hilfreich sein kann, dass eigene Verhalten zu ändern (und nichts anderes tut man, wenn man aus einer Stresssituation eine Trainingssituation macht), um das Verhalten des Hundes zu beeinflussen, kann mitunter sehr schwierig sein, weil es ein hohes Mass an Selbstreflexion benötigt. Zeigen und Benennen ist: Sich selbst klar machen, was einen stresst, ihm einen Namen geben und daran arbeiten. Für mich. 😉

Anti und der Schafbock

Anti findet die Schafe wirklich nicht sehr spannend – irgendwann könnte es aber mal Ärger geben, wenn er ihnen weiter das Gras wegfrisst…

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Kommentare
  1. Lena sagt:

    toller blog 🙂 gefällt mir sehr gut. freu mich auf weitere artikel

  2. kareki sagt:

    Tja, hat mit Z+B nur wenig zu tun, tatsächlich soll der Hund den Auslöser angucken und danach die Alternative ausführen, er soll sich mit dem Trigger auseinandersetzen.
    Warum bringst du deinem Hund bei, dich anzugucken?
    Was du machst ist Click for Blick.

    Der Unterschied – du lenkst den Hund nur ab, der Reiz wird nicht neu verknüpft, denn das soll er eigentlich…

    • Nora sagt:

      Ich dachte, du wolltest hier nie, nie, nie wieder… naja.

      Anschauen ist eine tolle Möglichkeit, um eine Kooperation zu beginnen. Und nein, nicht jeder Reiz muss neu verknüpft werden – und wenn bestimmte Reize mit Mich-Anschauen verknüpft werden, dann werden sie auch verknüpft… und ich habe dann eine Möglichkeit, eine sinnvolle Alternative vorzuschlagen, wenn der Hund nicht selbst darauf kommt.

      Der Titel des Artikels lautet übrigens „Ist _NICHT_ …“ – völlig überraschend gebe ich dir also recht: Es ist nicht Zeigen & Benennen. „Click for Blick“ hatte ich damals noch nicht gehört – ich habe also das Rad neu erfunden. Schafft auch nicht jeder. ^^

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