Gnadenlosigkeit

Veröffentlicht: 24. August 2014 in Allgemein
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Gnade bedeutet […], dass die Ausnahme höher gewichtet werden soll als die Regel.

(Quelle: s. „Gnade“)

Ich mag es gerade nicht mehr hören und nicht mehr lesen: „Die sollte so einen Hund überhaupt nicht halten dürfen!“ und „Ich würde so etwas mit meinem Hund niemals machen!!!!!“ Nie, niemals, nicht und nichts. Diese Urteile wurden nicht über Menschen gefällt, die eine schwere Straftat begangen haben oder bewusst das Leben anderer gefährdet haben… nein, nein. Im ersteren Fall ging es um eine Frau, die im Matsch stürzte, und bei dem Versuch, sich abzufangen, die Leine der Hündin losliess. Im zweiten Fall ging es um Hunde, die dank Trainings kurz das Fressen unterbrachen, um Sitz zu machen und um danach weiter zu fressen. Schlimm, oder? Geradezu… grausam. Ja, unmenschlich!

Zum Foto: Ein kleiner grosser Fehler meinerseits (einer von den unendlich vielen). Ich wollte Ixy auf dieser Bank fotografieren und habe das auch getan… währenddessen rutschte plötzlich ihr hinteres Bein zwischen die Planken der Sitzfläche und mir wurde bewusst: Wenn die jetzt losrennt, brechen Knochen oder reissen Bänder. Ich hatte nicht über die Abstände nachgedacht und erschrak innerlich. In meiner grenzenlosen Fehlerhaftigkeit reagierte ich noch blöder: Ich rief sie, anstatt ihr Bein vorsichtig aus der Bank zu friemeln. Es ging gut, wir hatten Glück – und heute weiss ich es besser und lasse sie einerseits nicht mehr auf diese Bank und achte andererseits bei solchen Sitzgelegenheiten darauf, ob so etwas passieren kann. 

Was geht bloss in den Köpfen von Menschen vor, die  sich zu solchen Aussagen hinreissen lassen? Darüber denke ich immer wieder nach. Natürlich hat jeder von uns moralische Richtlinien, an denen er sich orientiert, es gibt gesetzliche Einschränkungen und es gibt einen gesellschaftliche Rahmen. Aber wir sind und bleiben Menschen – wir alle. Es gibt keinen, das behaupte ich jetzt einfach mal und bin mir dennoch sicher, dass es stimmt, der nie einen Fehler begangen hätte. Niemanden, der eine Situation noch nie falsch eingeschätzt hätte, niemals Unrecht getan hätte… es geht einfach nicht.

Wir haben uns als Kinder mit unseren Geschwistern, Freunden und Klassenkameraden gekloppt und blaue Flecken (also… Blutergüsse) davon getragen – aber es gibt empörte Aufschreie, wenn jemand seinen Hund körperlich blockiert, der gerade einen anderen anpöbelt. Wir transportieren die zwei Kisten Bier à knapp 20 kg im Kofferraum für den Fussballabend von A nach B – aber wenn der Hund dort mitfährt, ist man praktisch schon ein (Selbst)Mörder. Da echauffieren sich tierschutzaffine Damen über einen Verkäufer, der Trainingsdummies anbietet, die dank Kaninchenfell (aus einer Futtertierzucht, garantiert, mit entsprechendem Zertifikat) für den jagdambitionierten Hund besonders attraktiv wirken sollen und präsentieren sich auf Facebook mit ihren Ledergürteln und den Lederhalsbändern ihrer Hunde.

Ja, worüber soll man sich denn aufregen, wenn man selbst nicht frei von Makeln ist, fragt ihr euch? Von mir aus über alles… aber bevor ihr das laut und absolut im Internet veröffentlicht, geht doch vielleicht einen Moment in euch und überlegt euch, wie fehlerfrei ihr selbst seid und wie man einen Vorwurf formulieren sollte. Wer das nicht versteht, kann es mit einem allseits bekannten Spruch probieren:

Bitte hinterlassen Sie diesen Ort so, wie Sie ihn vorzufinden wünschen!

Was wäre, wenn ihr hingefallen wärt und euch der Hund ausgebüchst wäre? Was wäre, wenn ihr wüsstet, dass ihr euren Hund beim Fressen unterbrechen könntet, aber seine Zähne in eurer Hand wiederfinden würdet, wenn ihr unangekündigt in den Napf mit dem Futter greifen würdet, weil dort eine Wespe herumläuft? Was wäre, wenn ihr einen Rüden eines eigenständigen Charakters hättet, der sich sprachlich nicht, aber körperlich sehr wohl beeindrucken lässt? (Hattet ihr noch nie? Dann solltet ihr euch Kommentare vermutlich ganz sparen.) Was ist mit den Getränkekisten? Gepäck? Wie „gerecht“ wäre es, wenn sich Bekannte und Unbekannte öffentlich darüber aufregen würden, dass ihr euch beim Spaziergang in einer Matschpfütze auf die Fresse gelegt habt und euch dabei vermutlich noch ordentlich weh getan habt? Wie wäre es, wenn plötzlich eine ordentliche Gruppe Verärgerter um euch herumstände, auf euch und euren weglaufenden Hund zeigen würden und brüllen würden: „DU solltest keinen Hund halten!“ oder „DU bist so verantwortungslos!“?

Es gäbe unzählige Beispiele, unzählige Argumente… aber vor allem gibt es etwas, was uns allen das Leben erleichtern würde:

(Ganz unchristliche) Gnade, Güte, Toleranz und Höflichkeit.

Darüber hinaus gibt es immer noch genügend Themen und Menschen, über die man sich breitgefächert aufregen kann. Pauschalisierungen sind einfach gefährlich… vor allem, wenn sie auf Unwissenheit und Gnadenlosigkeit beruhen. Übrigens… ich bin nicht frei von Fehlern (was ja auch unlogisch wäre). Ich habe mich auch schon zu solchen Aussagen hinreissen lassen oder habe jemanden verurteilt, obwohl ich nicht alle Hintergründe kannte – eigentlich bin ich sogar ganz gross darin, über Dinge zu stänkern, die mich nichts angehen. Es geht darum, sich zu bemühen und sich dazu anzuhalten, tolerant zu sein. Und zwar nicht nur Sonntag morgens, sondern so oft wie möglich und so sinnvoll wie nötig, damit wir alle möglichst frei handeln können. Das Ziel ist nicht die Fehlerlosigkeit – das Ziel ist die Anerkennung von Fehlern.

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