Ein Kommentar zu „Epigenetik – Vision oder Wirklichkeit in der Hundezucht“

Veröffentlicht: 19. Juli 2014 in Allgemein
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ixyVor einigen Wochen wurde auf der Facebook-Seite der Hundezeitschrift SitzPlatzFuss mit den Worten „Nicht nur für Hundezüchter ein interessantes Thema!“ verwiesen:

Dr. Margrit Miekeley: „Epigenetik – Vision oder Wirklichkeit in der Hundezucht?“

Uh, dachte ich… die Kombination aus dem Doktorgrad der Autorin und dem Wort „Epigenetik“ wirkt auf mich anziehend und das Thema finde ich sowieso spannend. Immerhin habe ich mich immer mal wieder in den Randbereichen dieses Forschungszweiges aufgehalten, als das Genom des Organismus, an dem ich hauptsächlich forschte, sequenziert wurde. Ich erinnere mich noch recht gut daran, als Craig Venter anfing, das Genom des Menschen zu sequenzieren. Die Medien waren voll davon – und der allgemeine Glaube war, dass wenn man die Gene des Menschen kennt, man versteht, wie er funktioniert. Man muss nur die Sequenz aus den vier Basen, die die Grundbausteine der DNA sind, kennen, dann weiss man, wie wir funktionieren.

Ich erinnere mich auch noch, wie sich eine subtile Enttäuschung breit machte, als die Allgemeinheit feststellen musste, dass wir nicht so einfach sind. Wir lesen uns nicht wie ein Buch – man fängt nicht in der Zeile eins links an und liest sich nach rechts durch. Man kann einen Satz beginnen, aber man muss möglicherweise auf Seite 23 im unteren Drittel den Satz fertig lesen, damit die Aussage einen Sinn ergibt. Oder gar erst ein anderes Buch anschauen. Oder einen Satz mehrfach lesen… oder ihn parallel zu einem anderen Satz häufiger oder weniger häufig lesen, damit er Sinn ergibt. Ja, ganz oft ergibt ein Satz sogar erst dann Sinn, wenn draussen die Sonne scheint… oder eine Miezekatze in Sichtweite ist! So und noch viel komplexer funktioniert unser genetischer Code. Darum geht es bei der Epigenetik…

Optimistisch las ich den Anfang der Einleitung dieses gekürzten Artikels – er klingt sogar recht ähnlich wie diese Einleitung hier. Und dann… geriet ich ins Stocken:

Die Epigenetik geht bei einer genetischen Disposition für eine bestimmte Erkrankung davon aus, dass die Krankheit bei einem entsprechenden Lebensstil des Betroffenen nicht unbedingt ausbrechen muss.

Ebenso fanden die Forscher heraus, dass durch traumatische Erlebnisse, Vergiftungen,  Belastungen, Hormoneinflüsse und durch das Klima Gene sich nachhaltig verändern können, so dass Krankheiten in Erscheinung treten.

Mh! Aber… aber… Wenn mein Hirn eigenständig anfängt, das Wort „Aber“ herunterzubeten, dann liege ich damit oft gar nicht so falsch. Warum das Aber? Weil die Epigenetik – bzw. die Vorgänge, die sich dahinter verbergen – nicht dazu da ist, Organismen zu zerstören oder nachhaltig zu schädigen. Ganz im Gegenteil: Die Epigenetik ist einer der wichtigsten real time Anpassungsprozesse, die uns Organismen zur Verfügung stehen, um uns in der sich verändernden Umwelt zurecht zu finden und fit zu bleiben.

Eine ganz grandiose Studie zu diesem Thema erwähnt die Autorin – Referenzen spart sie sich in der Kurzversion leider… aber man ist ja google-fähig. „Diese durch Traumata entstandene Genveränderung konnte bei Menschen (USA, 11. Sept.) ebenso gefunden werden.“ Die Studie zeigt, dass die Kinder von Frauen, die während der Angriffe von 9/11 in New York ein Trauma erlitten, stressanfälliger waren, wenn ihnen Unbekanntes präsentiert wurde. Man kann diese Erkenntnisse nur skandalös finden, wenn man sich irgendwie an dem Irrglauben festhält, der Mensch würde sich von der restlichen Tierwelt abheben und wäre zu göttlich für solche Einflüsse. Christian Laforsch hat eine wundervolle Studie zu epigenetischen Prozessen bei Wasserflöhen publiziert, in der er zeigt, dass Wasserfloh-Muttis an ihre Kinder weitergeben, wenn sie selbst in Kontakt mit Fressfeinden kamen. Sie bereiten also ihre Kinder auf eine Umwelt vor, die potentiell gefährlich für sie ist. Sollten ihre Kinder diese Erfahrung nicht machen, werden sie das auch nicht an ihre eigenen Kinder weitergeben… denn genau dafür sind epigenetische Prozesse da: Es ist kein Wettrüsten gegen die Zukunft – es ist der energetisch gesehen effizienteste Weg, sich an die aktuelle Situation anzupassen. Toll, oder? Nichts ist in Stein gemeisselt… alles ist im Fluss und bereit, sich anzupassen.

Der Artikel geht nun ans Eingemachte – die Hundehalter werden angesprochen und ohne grosse Umschweife legt die Autorin los: „An erster Stelle steht hier die Ernährung von Lebewesen.“ Da. Einleitung. Aber anstatt sich mit der faszinierenden Wechselwirkung von Nahrung und Organismus zu befassen, wird gleich die ganz grosse – und fundamentlose – Keule geschwungen:

Deshalb kann man sich gut vorstellen, dass ebenfalls die Möglichkeit besteht, dass einige der heute üblichen Nahrungsergänzungen, wie bspw. Konservierungsstoffe, Geschmacksverstärker, synthetische Vitamine, Farb- und Duftstoffe, Antibiotika, Insektizide, Pestizide, Hormone, etc. bei der  Steuerung der Gene eine Rolle spielen könnten.

Natürlich können einige dieser Stoffe gesundheitsschädlich sein – das bezweifle ich nicht, auch weil ich Forschung dazu kenne. Aber Insektizide und Pestizide als Nahrungsergänzungen zu bezeichnen, ist schon gewagt. Ausserdem findet sich in Vitamin-A-Synthesedieser Aufzählung einer meiner liebsten Hass-Begriffe: „synthetische Vitamine“. Synthetisch? Klingt schlimm. Dieses Vitamin wurde also von Menschen gemacht… es ist also irgendwie… Plastik, nicht natürlich. Ich habe mir aus wiki mal eine Grafik geholt, die zeigt, wie Vitamin A in seiner Strukturformel aussieht (und in diesem Fall seine Derivate). Die heutige Biotechnologie kann solche Gebilde ohne weiteres bauen – es ist eine Frage der Zutaten. Auch DNA kann „gebaut“ werden und wird es tagtäglich… Molekularbiologen nutzen das, um ihre Arbeit erledigen zu können – für jede Vaterschaftsanalyse, jeden Rassenachweis und auch in der Epigenetik wird synthetische DNA verwendet, um kontrolliert arbeiten zu können. Synthetische und natürliche Vitamine sind in ihrer Strukturformel genau gleich – wären sie es nicht, wären sie unterschiedliche Stoffe. Das, was möglicherweise (!) synthetische Vitamin-Zusätze von natürlichen unterscheidet, ist, dass sie in besonders reiner Form beigemengt werden – es wird ja nur diese Struktur tatsächlich gebaut und keine andere. In der „natürlichen Gewinnung“ kann man nur aufreinigen und extrahieren, kann aber nicht garantieren, dass nicht irgendwelcher anderer Schmonz mit in der Sosse hängt.

Schlimm, wa? Schlimm ist auch, dass die Autorin vergisst zu erwähnen, dass neben all den ach-so-bösen Inhaltsstoffen auch Sinnvolles und Gesundes in kontrollierten Mengen in Futter geraten kann… und zwar in kontrollierten Mengen. Stattdessen schlägt sie einen nicht nachvollziehbaren Haken zu Medikamenten gegen Herz- und Krebserkrankungen und verkettet so zwei Aspekte, die nichts miteinander zu tun haben. Beim Überlesen bleibt bei dem Lesenden allerdings hängen: Zusatzstoffe -> Krebs. Solche stilistischen Mittel sind… unfein. Und weil Frau Miekeley es so witzig fand, macht sie es im folgenden Absatz gleich noch mal:

Auch Hundehalter sollten darauf achten, dass das Hundefutter möglichst frei von den oben genannten Ergänzungsmitteln ist und dass es frische natürliche Vitamine und Mineralien enthält. Es ist ganz wichtig, dass die Mitochondrien in den Zellen, die eine eigene Erbsubstanz (mtDNA) besitzen, leistungsfähig bleiben, damit  ausreichend Energie (in Form von ATP) zur aeroben Zellatmung vorhanden ist.

Ergänzungsmittel -> keine Energie. Aber… was haben Ergänzungsmittel und Mitochondrien miteinander zu tun? Gibt es einen Hinweis darauf, dass Mitochondrien in ihrer Energieproduktion beeinträchtigt werden, wenn „Ergänzungsmittel“ (egal welche, wie viele, wie auch immer) im Futter sind? Nein. Mitochondrien produzieren ATP, Adenosintriphosphat. Das tun sie in uns Menschen, in Hunden, in Wasserflöhen und in Kakerlaken, die auf Müllhalden leben. Adenosintriphosphat hat eine Strukturformel, wie es Vitamin A auch hat – die Energie entsteht, wenn die Phosphate, die in dieser Struktur gelagert sind, abgespalten werden. Ein erwachsener Mann von 80 kg Körpergewicht verbraucht an einem Tag 40 kg ATP. Vierzig Kilogramm. Jeder von uns weiss, wie viel Nahrung wir am Tag zu uns nehmen… was ist die logische Schlussfolgerung? Richtig, ATP wird im Körper gebildet und aus den vorhandenen Stoffen generiert.

Die Epigenetik misst der gesunden Ernährung/Fütterung nicht nur eine besondere Bedeutung zu, sondern sie sieht in den natürlichen Farbstoffen (Pigmenten), die sich in der Nahrung/in dem Futter befinden, eine direkte Verbindung zur Gesundheit.

Ich weiss nicht, worauf sich dieser nächste Satz bezieht. Keine Ahnung. Er endet in einer für mich vollkommen unlogischen Erklärungskette: Pigmente müssen natürlich sein, weil dann sind Pigmente toll und Hunde, die Pigmente haben sind auch toll, aber auch Hunde, die kaum Pigmente haben oder weiss sind, ausser sie sind zu weiss, weil dann sind sie krank. Alles klar? Wenn mir jemand die Zusammenhänge erklären kann und dazu noch eine Studie liefert, die sagt, dass die Epigenetik vom (guten) Pigmentanteil des Futters abhängig ist – bitte! Ich freue mich…

Als nächstes konstatiert Frau Miekeley, dass „Eine Zucht mit schwer traumatisierten Hunden“ von der Epigenetik abgelehnt wird. Ich wüsste nicht, dass sich ein Forschungsgebiet der Biologie, das erstens sehr jung und zweitens noch an seinen ersten Forschungsergebnissen kaut, zur Hundezucht geäussert hätte. Ich kann mich aber irren, finde aber natürlich keine Referenz zu dieser Aussage in dem Artikel. Ich finde allerdings wieder die einseitige und damit schlicht falsche Interpretation von epigenetischen Prozessen in dem Text: Wenn einer Hündin schlechtes widerfahren ist, gibt sie das an ihre Welpen weiter und deswegen sind alle nachfolgenden Generationen genetisch mit diesem Stempel behaftet. Wie unlogisch dieser Gedankengang ist, scheint ihr nicht klar zu werden: Wenn dem so wäre, gäbe es heute nicht einen Hund, der dank ca. 15’000 Jahren der Hunde-Existenz, unbelastet wäre. Tatsächlich müssten wir umgeben sein von hochparanoiden, hysterischen und suizidalen Viechern. Nur den Labradoren hat das niemand erzählt.

Der letzte Abschnitt dieses Artikels beschäftigt sich mit der genetischen Grundlage von Immunsystemen… das ist hier jetzt zu gross. Ich greife dennoch auf, wenn die Zeitschrift SitzPlatzFuss damit wirbt, dass das ein interessantes Thema sei: Ja, ist es. Aber nicht in diesem Artikel. Dieser Artikel nutzt meines Erachtens das Wort „Epigenetik“ nur, um ohne Kontext, Sinn und Verstand gegen Nahrungsergänzungsmittel zu wettern und sich über die Praktiken von Züchtern auszulassen. Natürlich kann man solche Texte verfassen – die BILD macht das am laufenden Band. Aber interessant ist anders. Finde ich zumindest.

Und jetzt noch ein kleiner Tipp einer Wissenschaftlerin – manchmal kann es sich lohnen, nachzuschauen, worin jemand seinen Doktor gemacht hat. Dabei geht es nicht darum, seine Leistung zu schmälern… es geht darum, zu verstehen, was das Fachgebiet dieser Person war, womit sie sich über Jahre auseinandergesetzt hat und worin sie deswegen vermutlich ihren grössten Wissensanteil hat.

Dissertationen und Habilitationen in Biologiedidaktik:
MIEKELEY, MAGRIT: Aquarien und ihre Relevanz für Unterricht und Freizeit im Wandel der Zeit – Untersuchungen unter besonderer Berücksichtigung der Schulbücher und der fachdidaktischen Literatur mit einer empirischen Studie zu heutigen Bedeutung von Aquarien im Biologieunterricht der Sekundarstufe I. Universität Münster.

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Kommentare
  1. Iris Jacobs sagt:

    Guten Morgen,
    recht interessant, geb ich zu, aber mir ein Bißchen zu allgemein gehalten. Ich habe dabei das gleich ungute Gefühl wie bei einem österreichischen viel zu hoch gelobten Dr.Dr., der seit Jahren über Hunde alles zu wissen glaubt und mir seinen (rundherum gekupferten) Büchern Geld macht. Und, wie witzig, auch seine vorherigen „Arbeiten“ beschäftigen sich mit Aquaristik. Beide recht weit weg von der rudimentären Praxcis von seriösen Züchtern und beide …….
    Danke und liebe Grüße aus Tirol, Iris

    • Anti-Mensch sagt:

      Aquarianer sind offensichtlich vielseitig. 😉 (Ich habe keine Ahnung, um wen es geht – ich habe es nicht so mit Namen und Titeln, sorry.)

      Natürlich ist der Artikel hier allgemein gehalten. Das ist ein Blog und kein Buch über Genexpression beim Hund. Aber gerade weil seriöse Züchter (von was auch immer) richtige und gute Informationen benötigen, eignet sich weder der hier besprochene noch mein Artikel, um vernünftig zu folgern. Ich gehe einfach davon aus, dass sich seriöse Züchter selbst in diesem Gebiet weiterbilden, wenn sie dazu eine Veranlassung sehen.

  2. Tina sagt:

    Ich finde du urteilst zu hart. Ich bin auch Biologin und habe mich mit der Epigenetik etwas beschäftigt. Es wird immer deutlicher, dass Traumata mit allen Begleiterscheinungen (z.B. hohe Stresshormonwerte) Einfluß auf die Entwicklung der Nachkommen haben. Und nicht nur auf z.B. die Stressresistenz der nächsten Generation, sondern auch auf deren Keimzellen, was dann wiederum die übernächste Generation beeinflußt. Daher ist der Rat, nicht mit traumatisierten Hunden zu züchten durchaus legitim.

    • Anti-Mensch sagt:

      Das ist er sicher – ich bin deiner Meinung. Dennoch bleiben Fragen offen: Was wäre das für ein Trauma? Wie wirkt sich das auf die Nachkommen aus? Ist es falsch, wenn ein Hund eine gewisse Prädisposition für gefährliche Situationen hat (wie auch immer das aussehen mag)? Keine Frage – man muss da nichts riskieren. Aber es ist nun wirklich nicht so, als wären die Nachkommen traumatisierter Lebewesen nicht lebensfähig. Wenn man in Bezug auf die Verbindung von Stress und Genen eine Aussage treffen möchte, sollte man sie als Wissenschaftler anders formulieren… vor allem, wenn es zu dem angesprochenen Tier noch keine Untersuchungen gibt.

      Epigenetik & Co. sind für mich momentan mit die spannendsten Forschungsgebiete – es zeigt sich, dass DNA nicht nur dafür da ist, aus Mutti und Vati Nachkommen zu bauen. In welcher Art und Weise Gene funktionieren und welchen Einfluss sie auf das Sein haben, ist aber erst am Anfang, vollends geklärt zu werden. Das Potential ist gross – aber noch nicht geeignet für fixe Schlussfolgerungen.

  3. frdrseltsam sagt:

    Ha. Großartig. Bin grad durch den „Gewaltfrei“-Artikel auf deinen Blog gestoßen. Gleich gefolgt. Mag ich. (nix gegen Biodidaktik, aber solche „pseudowissenschaftliche“ Ergüsse stoßen mir doch sehr auf. Feine „Rezension“. 😉

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