Über wissenschaftliche Veröffentlichungen – Ein Fazit

Veröffentlicht: 2. Mai 2014 in Allgemein
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Hier ist die Einleitung, hier ein wenig Geplänkel, hier zerrupfe ich die Methoden und hier die Ergebnisse des Papers, mit dem ich nicht so ganz einverstanden bin.

Wissenschaftler sollen dazu beitragen, diese Welt ein wenig besser und richtiger zu verstehen. Sie schaffen Wissen, nicht Glauben. Das ist der gravierende Unterschied. Nun ist aber der Mensch ein Glaubenstier und davon sind Wissenschaftler auch nicht ausgenommen… aber das wiederum wissen sie und tun somit ihr bestmögliches, um sich selbst auszutricksen. Je objektiver man Daten aufnehmen kann, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Ergebnisse den Tatsachen entsprechen. Wie mächtig der Glaube sein kann, zeigen Placebo-Studien.

Aber am Ende des Tages… muss ein Wissenschaftler noch in den Spiegel schauen können und sein Tun und Handeln vor sich selbst rechtfertigen können. Das ist etwas, das man als Wissenschaftler immer im Hinterkopf behalten sollte. In dem Moment, wo man anfängt, seine eigene Forschung zu veröffentlichen, übernimmt man eine Verantwortung. Sich gegenüber… und – und das ist letztendlich ja das Ziel aller Wissensgewinnung – der Menschheit gegenüber. Das klingt gross – aber es ist auch der effektivste Weg, sich bei allem Druck, bei all den zeitbefristeten Verträgen und der von Anzahl der Publikationen abhängigen Karriere und mit der allgemeinen Angst vor der Zukunft, selbst zur Raison zu rufen. Es wird oft niemanden geben, der sagt: „Das kannst du so nicht schreiben!“, denn die, die die Manuskripte lesen, sind meist Co-Autoren und selbst daran interessiert, dass daraus eine möglichst hochwertige Publikation entsteht.

Einer der Werte, die für die Qualität eines Papers herangezogen werden, ist der Impact Factor. Obwohl nicht unumstritten, so soll er wiedergeben, wie oft ein Paper nach seiner Veröffentlichung von anderen Wissenschaftlern zitiert wurde. Das soll ein Hinweis darauf sein, a) wie viele Wissenschaftler das Paper überhaupt gelesen haben und b) wie wichtig das Paper für die Forschung anderer Leute war. Es ist klar, dass es unendlich viele wissenschaftliche Journale gibt und oft sind sie hochspezifisch. Diese Journale bekommen dann aber auch nur extrem wenige andere Forscher in die Hand – Journalisten scheren sich gar nicht um sie. Das ist der Grund, warum in der Presse dann nur Studien auftauchen, die in Nature oder Science oder PNAS erschienen sind. Wer es in die Presse geschafft hat, hat schon viel gewonnen. Öffentliche Aufmerksamkeit bedeutet, dass das Thema tatsächlich relevant ist (deswegen berichtet SpOn ja auch ausgiebig über das Dschungelcamp)… und was relevant ist, muss weiter gefördert werden. Wer es als Naturwissenschaftler mit seiner Forschung in Nature oder Science schafft, hat sich gerade einen grossen Teil des Weges in die Zukunft planiert und asphaltiert.

Andererseits können auch Paper einen hohen Impact Factor bekommen, wenn sich eine Reihe anderer Forscher dazu genötigt fühlt, irgendwo zu hinterlassen, dass das dort Publizierte totaler Bullshit ist. Denn auch dann wird dieses Paper ja zitiert. Grosse Journale mit einem hohen Anspruch an ihre Reputation achten möglichst sorgfältig darauf, dass bei ihnen veröffentlichte Manuskripte auch Substanz haben. Und weil mit so einer Publikation so viel Ruhm einhergeht, erhalten sie so unglaublich viele Manuskripte, dass sie sich wirklich die Goldkörnchen aus dem Kubikmeter Sand picken können.

Um mal einen Überblick zu liefern:
Der Impact Factor von Nature ist momentan 38.6 – der von Science 31.2 und der von PNAS 9.7.
Das Paper, das ich hier besprochen habe, wurde im „Journal of the American Animal Hospital Association“ publiziert. Auch das hat einen Impact Factor, nämlich… 0.76.
Elsevier ist so ein Verlagshaus, das auf räuberische Art und Weise seine Journals an den Mann bringt. Mit ihrem „The Veterinary Journal“ bringen sie es auf 2.42.

Der Impact Factor kann trotz allem eine enorm gute Orientierungshilfe sein, wenn man herausfinden möchte, wie wichtig und richtig ein Paper ist. Ein Wissenschaftler kann heute einfach nicht in einem unbekannten Journal publizieren, wenn er hervorragende und bahnbrechende Ergebnisse hat – das verbietet ihm sein befristeter Vertrag. Als Forscher wird man sich immer genau überlegen, wie hoch man ansetzt, wenn man sein Manuskript einreicht… und dann reicht man noch bei einer Wertigkeitsstufe darüber ein und hofft, dass es keinem Gutachter auffällt. Den Impact Factor eines Journals findet man am einfachsten, wenn man bei Google den Namen des Journals und dann eben „impact factor“ angibt. Und weil die Seite doch sehr gut organisiert ist, gebe ich dann noch „researchgate“ an. Für ein Fachgebiet wie die Veterinärmedizin ist ein Impact Factor von 0.76 ein Indikator dafür, dass hier jemand einfach nur irgendetwas rausgehauen hatte, weil die Daten da waren.

Wer darüber hinaus kritisch sein möchte, der findet in den anderen Teilen dieses Textes Anhaltspunkte dafür, woran man erkennen kann, wie „richtig“ eine Publikation ist. Normalerweise würde ich hier auch anführen, dass „peer-reviewed“ (Vorabauswahl durch Gutachter) ein Anhaltspunkt für etwas Vernünftiges ist – aber dieses Beispiel zeigt, dass das nicht immer der Fall ist. Ansonsten: Sind in einer Grafik riesige, sich überschneidende Standardabweichungen oder -fehler angegeben… oder noch schlimmer: gar keine Fehlerangaben gemacht, würde ich skeptisch werden. Wurde das Signifikanzlevel auf 95 oder 99% oder gar darüber angelegt? Je mehr, desto besser. Und dann gibt es noch die Klassiker-Frage: Wie hoch war das N? Und wie setzt es sich zusammen? Was wäre wohl herausgekommen, wenn für diese Versuche 30 Deutsche Schäferhund-Rüden aus vergleichbarer Haltung, bei gleichem Futter und alle aus der selben Alterskategorie gewählt worden wären? Hätte bei einem hochsignifikanten Unterschied wohl irgendwer moniert: „Jaaa, bei Deutschen Schäferhund-Rüden mag das so sein… aber ob das wirklich bei allen Hunden so ist?“ Eher nicht. Und wenn überhaupt, hätte man als Forscher geantwortet: „Ja, das ist eine spannende Frage… meinst du, es gibt eine Rasse, auf die das nicht zutrifft? Wenn wir genügend Tiere zusammen bekommen, können wir das überprüfen. Das wäre super!“ Aber dann hätte man ja von vorne herein sehr viel mehr Wert darauf gelegt, die Erkenntnisse zu den eigenen erhobenen Daten nur zwischen den Zeilen zu verallgemeinern.

So läuft halbwegs ehrliche Wissenschaft.

edit [18. Juli 2014]: Dieser Artikel macht gerade eine kleine Runde durch die Netzwelt. Um es den Lesern einfacher zu machen, sich durch die verschiedenen Teile zu robben, ist hier eine kleine Übersicht mit Verlinkungen zu den weiteren Teilen.

Teil 1 – Einleitung
Teil 2 – Halsband vs. Geschirr
Teil 3 – Das Paper und seine Methoden
Teil 4 – Das Paper und seine Ergebnisse
Teil 5 – Ein Fazit (diese Seite)

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Kommentare
  1. Ariane sagt:

    Sehr geil. Gefällt mir super. Endlich mal eine vernünftige Herangehensweise und keine Pseudowissenschaft, weil es gerade in den Kram passt. Dankeschön. Und jetzt gehe ich mal nachschauen, wer der Schreiber ist.

  2. Dr. C. Rittner sagt:

    Gott sei Dank mal jemand, der das Halsband nicht verteufelt !…Als Mediziner -zugegeben Menschenmediziner – finde ich die Argumente gegen das Band an den Haaren herbei gezogen und…der Hit sind die „neuen“ Geschirre, die jetzt so in Mode sind, wo sich der Anleinring weit hinter der Körpermitte des Hundes befindet und der Bauchgurt nicht mehr mittig am stabilen Brustkorb liegt, sondern dahinter !!, also praktisch in den Weichteilen des Hundes. Abgesehen von der zwangsläufigen „Unführbarkeit“ des Hundes – vorne kann er machen was er will – habe ich schon etliche arme Rüden gesehen, die mit hochgezogenem Bauch dem Druck/Zug an ihrem Geschlechtsteil entgehen wollten. Und noch ein schöner Schwachsinn: habe ich doch in einem Zoo-Fachgeschäft einen Hundenapfständer gesehen, deren Schüsseln nach vorne geneigt waren, damit sich der Hund beim Fressen nicht so die Speiseröhre abquetscht. Geht’s noch??!!

    • Anti-Mensch sagt:

      Das klingt nach einem Zuggeschirr? Allerdings nach einem sehr schlecht angepassten, wenn es ein Rüdenproblem erzeugt…

  3. Iris Jacobs sagt:

    Guten Morgen,
    ja, das ist ein guter Morgen, an dem ich endlich soi was lesen darf! Vielen Dank.
    Es ist zu hoffen, daß die Halsbandgegner sich auch durch alles „durchlesen“, damit dort ein Fünkchen Verständnis (von Verstand wage ich nicht zu sprechern) aufkeimen kann…..

  4. Barbara Wachtendorf sagt:

    Danke für diese spannenden und amüsanten Ausführungen. Da ich beruflich täglich mit falsch verstandener Tierliebe und mangelndem Sachverstand zu tun habe, begrüße ich Ihre Artikel aufs „Herzlichste“. Mögen sie zur Aufklärung beitragen.

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