Über wissenschaftliche Veröffentlichungen – Eine Einleitung

Veröffentlicht: 15. April 2014 in Allgemein
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Ich schreibe das jetzt wirklich ungern, aber offensichtlich muss das auch mal sein: Nicht jede Veröffentlichung, die wissenschaftlich aussieht, ist auch so wissenschaftlich, wie sie sein sollte. Oder so. Ich habe darüber nachgedacht, wie ich diese Aussage begründe, aber man kann sich auf diesem weiten Feld schnell verlieren. Wenn man in den Wissenschaften veröffentlicht, geht es nicht nur darum, wertvolle Erkenntnisse mit der Öffentlichkeit zu teilen – es geht auch um Reputation, Karriere, Publikationsnachweise, Politik, Quoten, Vitamin B und um Verlage, ihre Redakteure, deren Budget, wie oft das Journal gelesen und vor allem die Artikel darin zitiert werden. Das ist so ein wenig wie ein Öko-Siegel – nur weil Öko drauf steht, ist noch lange nicht ausschliesslich Öko drin. Wenn ein wissenschaftliches Journal damit wirbt, dass Manuskripte vor der Veröffentlichung durch einen langen Begutachtungsprozess gehen… kann das auch einfach bedeuten, dass die angefragten Reviewer sich nicht gemeldet haben, die Annahme der Begutachtung abgewiesen haben oder sie herumtrödeln = Besseres zu tun haben.

Dazu muss man wissen, wie so ein Reviewing-Prozess abläuft: Ein Autor reicht sein Manuskript bei dem Wissenschaftsjournal seiner Wahl ein. Je nach Masse der Manuskripte, die da so wöchentlich oder monatlich bei der Redaktion hereinflattern, entscheidet eine Redaktion, ob das Thema überhaupt etwas in der Zeitschrift zu suchen hat, ob es oberflächlich schon nach Bullshit aussieht oder… sie reichen es – froh über ein paar weitere Seiten, die sie füllen können – an die Gutachter weiter. „Gutachter für wissenschaftliche Manuskripte“ ist keine Berufsbezeichnung, es ist eine unentgeltliche Zusatzarbeit, die alle Wissenschaftler für die Journals erledigen, aber dem Moment, wo sie selbst veröffentlicht haben und sozusagen im System erfasst sind. Ab da werden sie von allen möglichen und unmöglichen Journalredaktionen angeschrieben und um die Begutachtung von Manuskripten gebeten. Welche Manuskripte man erhält hängt von zwei Dingen ab: 1. Autoren eines Manuskripts haben einen Wissenschaftler als Gutachter vorgeschlagen. Dabei geht es häufig wenig um Spezialwissen, als viel mehr um taktische Angelegenheiten… man nennt da tunlichst nicht den ärgsten Konkurrenten im eigenen Feld, weil man damit rechnen muss, dass der a) sehr pingelig sein wird und / oder b) die Veröffentlichung der Arbeit maximal lange hinauszögert. 2. Die Redaktion schaut sich im Internet an, wer auf dem Gebiet schon mal was veröffentlicht hat und damit vermutlich Ahnung von dem hat, was da in dem Manuskript steht. Beide Varianten sagen wenig über die Kompetenz des Gutachters aus – dieser Aspekt kommt erst bei den Journals ins Spiel, die es sich leisten können, darauf Wert zu legen… im Gegenzug können Gutachter dieser Journals dann auch wieder für sich werben, indem sie von sich sagen dürfen, dass sie Gutachter für diese Zeitschrift sind.

Man darf dabei nicht vergessen, dass die Begutachtung von Manuskripten mitunter ein Heidenaufwand ist. Meist geht man es so an: Man überfliegt das Manuskript und überlegt sich als allererstes, ob es prinzipiell Sinn macht, das Geschriebene zu veröffentlichen. Dann überlegt man sich, ob es in dem Journal gut untergebracht ist. Meiner Erfahrung nach fliegen irgendwo zwischen diesen beiden Gedanken schon 60% der Manuskripte raus, aber auch das hängt dann noch einmal sehr von dem Journal ab, das um Begutachtung gebeten hat. Bei einem Gutachten kann man nicht schreiben: „Klasse Idee, mach mal noch das und das und rechne das nochmal durch und dann schreib neu und meld dich wieder.“ Gewöhnlich ist ein Manuskript das Ergebnis einer monatelangen und oftmals kostspieligen Untersuchung, alles Relevante an Daten wurde ausgereizt und der Wissenschaftler, der es niedergeschrieben hat bereitet sich mal wieder auf einen Stellenwechsel vor und benötigt jetzt dann eine Veröffentlichung (ja, das ist jetzt etwas überzogen gewesen, ich gebe es zu). Nimmt man also ein Manuskript per se an, muss man sich mit dem ganzen Ding auseinandersetzen:

Zu was für einem Ergebnis kommt die Studie? Wie relevant ist das Ergebnis? Wie ist die Datenlage und welche Statistik wurde angewandt? Ist die Statistik korrekt? Wie viele Macken im Datensatz wurden hinter blumigen Worten versteckt? Ist alles so wiedergegeben, dass man – rein hypothetisch – anhand der Veröffentlichung das Experiment wiederholen kann? Setzt die Einleitung die Ergebnisse in das notwendige Licht, klärt genügend auf und spricht die richtigen Wissenschaftler an? Sind die Schlussfolgerungen angemessen, zu mutig oder zu wenig oder zu stark generalisiert? Wie ist es mit der Sprache? Rechtschreibung? Interpunktion? Stimmen die Grafiken mit den Werten im Text überein? Wie neutral ist die Wiedergabe der Ergebnisse? Wurden alle wichtigen Untersuchungen zum Thema zitiert, so dass sich andere Wissenschaftler eingehend informieren können? Gibt es Behauptungen oder Unterstellungen, die nicht belegt oder falsch ausgelegt wurden? Und so weiter und so fort.

Das ist scheiss viel Arbeit, wenn man bedenkt, dass die Zeit dafür nicht im eigenen Arbeitsvertrag festgehalten ist und auch keiner darauf Rücksicht nimmt, dass es zur wissenschaftlichen Arbeit dazu gehört, solche Gutachten zu erstellen. Täte es keiner, würde das System nicht funktionieren. Es geht um Ruhm und Ehre… und genau da liegt das Problem. Denn: Viele Wissenschaftler schrammen fast durchgehend an ihrer Maximalleistung entlang – und es gibt einen Punkt, da sind Ruhm und Ehre einfach nicht relevant. Gewöhnlich hat man sechs Wochen Zeit (wobei auch das wiederum von der Zeitschrift abhängt), um ein Gutachten zu erstellen und meist findet man die Zeit notgedrungen maximal 24 Stunden vorher, nach dem Abendessen auf der Couch, am Sonntag.

Weil aufgrund der Arbeitsumstände der Gutachter immer wieder eine gewisses Schlampigkeit Laissez faire in die Begutachtung Einzug hält, bemühen sich Redaktionen gewöhnlich, mindestens zwei, aber lieber drei Gutachter für jedes Manuskript zu organisieren. Damit hat man Wissens- und Zeitdefizite hoffentlich halbwegs ausreichend abgedeckt und – blumig ausgedrückt – die Qualität des Manuskriptes durch Betrachtung aus verschiedenen Perspektiven angehoben. De facto ist es so, dass gerade kleinere, wenig zitierte Journals meist bei den „Anfängern“ im Wissenschaftsbetrieb hängenbleiben – oder bei denen, die nicht von wichtigeren Journals angeschrieben werden, was immer auch etwas darüber aussagt, wo sie selbst veröffentlichen (können).

Hat man das Gutachten fertig gestellt, hat man meist drei Optionen:
1. Dat Ding ist Quatsch. Abgelehnt.
2. Joah, aber ich will das noch mal sehen, bevor das publiziert wird!*
3. OMG! Geilo! Sofort drucken!

*In Anbetracht meiner obigen Ausführungen kreuzt man diese Option echt ungern an, obwohl viele Journals aus taktischen Gründen schreiben, dass das Manuskript noch mal von „einem Gutachter“ angeschaut werden soll. Das ist meist dann doch man selbst. Wie auch immer… man kreuzt es ungern an – aber in den allermeisten Fällen, in denen man nicht direkt ablehnt, ist das die Option der Wahl, denn es gibt so viele perfekte Manuskripte wie geflügelte Einhörner auf diesem Planeten.

Die Gutachten gehen an den Erstautor zurück, der sich nach einer Fluchorgie und wilden Theorien darüber, wer das Manuskript wohl begutachtet haben könnte (was natürlich anonym abläuft), daran macht, die Gutachter-Korrekturen abzuarbeiten. Hat er das getan, muss er das erst wieder all seinen Co-Autoren zeigen, die den Korrekturen zustimmen müssen, bevor er das Manuskript erneut einreichen kann. Manchmal nimmt eine Redaktion ein Manuskript dann an, manchmal hat man es dann als Gutachter wieder im Postfach und manchmal muss man es nach der zweiten Runde leider ablehnen… oder eben sagen: „Ja, um Himmels Willen… wenn keiner was dagegen hat, druckt es halt!“

So… funktioniert im weitesten Sinne die Auswahl von Manuskripten, die sich zur Veröffentlichung eignen.

Diese Einleitung war notwendig, um zu verstehen, warum ich eine wissenschaftliche Veröffentlichung, auf die vor einigen Tagen eine Bekannte verwies, am heutigen Tage auseinander genommen habe. Sie hat mich ein wenig stinkig gemacht, denn solcher Mist sollte auch bei einem Gutachter nicht durchgehen. Nicht in Zeiten, wo dank Internet immer mehr Menschen mehr oder weniger direkten Zugriff auf wissenschaftliche Veröffentlichungen haben und sich darauf verlassen können müssen, dass ihnen kein Scheiss als Gold verkauft wird. Wenn man sich eine Meinung bilden möchte, dann sollte das Fundament meines Erachtens Wissenschaft sein (wo es angebracht ist)… und es liegt in der Verantwortung der wissenschaftlichen Magazine, die Spreu vom Weizen zu trennen, damit die Wissenschaften nicht um ihren Ruf bangen müssen. Jaja, das ist sehr romantisch gedacht – aber irgendein Ideal muss man ja haben.

edit [17. April 2014]: SWR2 hat ausgerechnet gestern eine Sendung zu diesem Thema gebracht, die praktisch alle hier angesprochenen Aspekte aufgreift – wer sich also das Ganze noch mal dort anhören möchte – bitte…SWR2: „Die Kosten des Wissens“

edit [18. Juli 2014]: Dieser Artikel macht gerade eine kleine Runde durch die Netzwelt. Um es den Lesern einfacher zu machen, sich durch die verschiedenen Teile zu robben, ist hier eine kleine Übersicht mit Verlinkungen zu den weiteren Teilen.

Teil 1 – Einleitung (diese Seite)
Teil 2 – Halsband vs. Geschirr
Teil 3 – Das Paper und seine Methoden
Teil 4 – Das Paper und seine Ergebnisse
Teil 5 – Ein Fazit

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