Ausdrucksverhalten

Veröffentlicht: 31. Januar 2014 in Alltag
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Immer wieder merke ich, dass Menschen Probleme damit haben, das Verhalten von Hunden zu interpretieren. Ich nehme mich davon sogar gar nicht unbedingt aus, weil es auch Übung braucht, den Hund in seiner Ganzheit zu erfassen und die Signale, die er mit verschiedenen Körperteilen sendet, als Gesamtaussage zu erkennen. Ich glaube aber, dass es einen Unterschied macht, ob man sich bewusst ist, dass ein Hund nicht nur mit einem Körperteil die Botschaft sendet oder ob man – mehr oder weniger bewusst – glaubt, dass es reicht,  bspw. die Rute des Hundes zu beobachten. Oder die Zähne. Hinzu kommt, dass viele Menschen es nicht schaffen, das Verhalten des Hundes auch noch in den situativen Kontext zu packen – und dabei kommentiert der Hund seit Minuten die Situation, in der er sich befindet, und geht davon aus, dass er verstanden wird. „Plötzlich hat er zugeschnappt – und dabei war nichts! Er hat vorher auch nicht geknurrt… vollkommen unberechenbar!“ könnte dann das Ende einer kleinen dramatischen Geschichte lauten, die über einen Hund erzählt wird. Natürlich mag es Hunde geben, die tatsächlich so etwas tun und bei denen dann der Verdacht naheliegt, dass sie krank sind (und mit denen man dann dringend einen Tierarzt aufsuchen sollte). Aber in ganz vielen Fällen hat es der menschliche Zeuge der Szene einfach nicht geschafft, die Situation zu erfassen, in der der Hund sich befand, das Ausdrucksverhalten des Hundes korrekt zu interpretieren und darauf angemessen zu reagieren.

„Och schau, wie der sich freut! Der wedelt!“

Versuchen wir es mal mit einem kleinen Beispiel, das nicht direkt mit Hunden zu tun hat, damit deutlicher wird, was passiert, wenn man sich nur einen Körperteil eines Hundes vornimmt, um seine Botschaften zu verstehen. Das Ziel der Übung: Es gilt zu benennen, was es bei Antimensch am ersten Weihnachtsfeiertag zu essen gab. Also…. los geht’s!

Na? Was gab es zu essen?


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Keine Ahnung? Okay, zweiter Versuch:


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Hm. Pommes? Quatsch! War doch Weihnachten… Okay, hier noch ein Versuch:


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Hübsch, oder? War auch lecker… Was gab es denn nun? Immer noch keine Ahnung? Mann, Mann, Mann.


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Ich könnte jetzt weitermachen und weitere Bilder zeigen. Ich hätte es sogar noch abstrakter gestalten können und Bilder von Esskastanien, von Steinpilzen, Pflaumen, Bäumen (ja, tatsächlich!*), Kühen, Schweinen, Äpfeln zeigen können. Sie alle waren Teil der Situation ‚Weihnachtsessen‘, aber keines davon hätte als Einzelbild jemanden dazu befähigt, mir sagen zu können, was es zu Weihnachten zu essen gab. Es geht einfach nicht, weil eine Einzelkomponente nicht im Kontext zur Gesamtlage stehen muss und der Gehalt der Information sich auf ein uninformatives Minimum beschränkt.

Der Grund, warum sich dennoch viele Leute intuitiv darauf begrenzen, nur ein Körperteil eines Hundes zu betrachten, wenn sie seine Gefühlslage interpretieren wollen, liegt vermutlich hierin:


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Und hierin:


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Die Crux der Empathie! Es reicht dem Menschen völlig, einen lachenden Mund zu sehen oder traurige Augen (die Träne wäre nicht von Nöten gewesen)… er weiss, welche Emotion dahintersteckt. Ein Mensch, der den Mund derart aufreisst, die Zähne zeigt und die Mundwinkel nach oben zieht, hockt nicht wimmernd in einer Zimmerecke. Und ein Kind, das die Augenbrauen so verzieht, während es die Augen zusammenkneift… freut sich nicht über Zuckerwatte. Das ist so, das wissen wir, weil wir selbst so auch nicht reagieren würden.

Gleichzeitig sollte man aber auch nicht vergessen, dass der Mensch viele der kommunikativen Möglichkeiten, die der Hund hat, nicht (mehr) nutzen kann. Wir können die Nackenhaare aufstellen, aber wer sieht das schon? Und wann waren wir das letzte Mal in einer emotionalen Verfassung, die so eine Reaktion notwendig gemacht hätte? Die Ohren anlegen? Meine Güte… es gibt Menschen, die stolz darauf sind, wenn sie mit den Ohren wackeln können. Millimeterweise. Und tatsächlich kann das heute nicht mehr jeder – funktionell ist es sowieso nicht mehr. Das war aus Sicht der Evolution nicht mehr nötig und wurde abgeschafft. Mit dem Schwanz wedeln… An alle Männer, die jetzt dem spontanen Impuls folgen wollen, jemandem zu zeigen, wie toll sie mit ihrem besten Stück wedeln können… es geht um den anderen. Den hinten. Den, den nur noch ganz wenige Menschen überhaupt ausbilden, wobei er dann, weil dieser Atavismus immer als Missbildung angesehen wird, normalerweise schon beim Säugling operativ entfernt wird.


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Der Mensch hat gelernt, sich auf einen Punkt am Körper seines Gegenübers zu konzentrieren, wenn er versucht, dessen Verfassung oder Stimmung zu interpretieren: Das Gesicht. Der Ausdruck aller nonverbalen Kommunikation wird im Gesicht gesucht. Erst darüber hinaus werden weitere Informationen hinzugezogen… die Körperhaltung beispielsweise oder die Atmung, Durchblutung oder die Position und Bewegung von Armen und Händen. Meistens verlassen wir uns aber darauf, dass ein Mensch sich verbal mitteilt und uns sagt, was er fühlt. Schweigt einer, kann auch das reine Betrachten des Gesichtes zu Fehlinterpretationen führen, vor allem, wenn der Kontext unbekannt ist, in dem diese Person sich befindet.

Ein Hund „schweigt“ immer, weil ein Hund unsere Sprache nicht beherrscht. Und gerade deswegen ist es so wichtig, nicht nur die Rute zu beobachten oder die Ohren. Es reicht nicht zu schauen, ob man Zähne sieht oder ob das Fell zu Berge steht. Ein Hund wedelt aus einem erhöhten Erregungszustand heraus. Was ist ein erhöhter Erregungszustand? Es ist ein anderer Zustand als der, in dem der Hund nicht wedelt. Nicht mehr und nicht weniger. Ein Hund kann im Schlaf wedeln, wenn er spielen möchte, um zu beschwichtigen, wenn er sich freut, wenn er imponieren möchte oder wenn er gereizt ist. Eigentlich ist es schleierhaft, wie der Glaube entstehen konnte, dass Hunde sich freuen, wenn sie wedeln, denn sie wedeln in so vielen krass unterschiedlichen Situationen. Es ist, als würde man jedes Gericht, das aus Kartoffeln hergestellt wird, als Pommes bezeichnen…

* Pinien. Die Füllung des Puters enthielt Pinienkerne.

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