Über die Populationsbiologie von Strassenhunden

Veröffentlicht: 18. Dezember 2013 in Allgemein
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Ein heikles Thema – Strassenhunde im Ausland. Bewegt man sich mehr oder weniger oft auf Facebook, dann stolpert man in regelmässigen Abständen über Nutzerprofil-Bilder mit einer weissen Pfote auf rotem Grund und dem Aufruf, die Tötungen von Strassenhunden in Rumänien zu stoppen. Ich habe mich nie weiter zu dem Thema geäussert, ausser dass ich auf den Reisebericht von Stefan Hack verwiesen habe, weil ich es unglaublich fand, dass Menschen hierzulande fröhlich und unbekümmert „Unkraut“ und „Ungeziefer“ vergiften, abfackeln oder anders vernichten, aber einen riesigen Bohei um die Menschen eines Landes machen, die sie nicht kennen – weder ihre Lebensumstände, noch ihre Kultur oder auch nur das Land an sich.

In den letzten Tagen habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was es mit Strassenhunden eigentlich auf sich hat. Ich gehe davon aus, dass es einen Grund gibt, warum in Rumänien so viele Strassenhunde unterwegs sind. In einem FAZ-Artikel findet sich dazu folgende Aussage:

Stets korrelierten Zu- und Abnahmen der Hundepopulation mit der gesellschaftlichen Verfassung. Wurde das Land einigermaßen gut verwaltet und stieg der Wohlstand, gab es weniger Streuner. Versagte die Verwaltung und verarmte die Bevölkerung, landeten auch mehr Hunde auf der Straße.

Ich frage mich aber auch, ob die Hilfeaufrufe, von denen ich von namen- und zahllosen Tierschutzgruppen lese, wirklich sinnvoll sind. Dabei geht es mir in erster Linie ehrlich gesagt nicht um das Wohl des einzelnen Strassenhundes, sondern um die Problematik der Strassenhunde im Allgemeinen.

Soweit ich das momentan überblicke, umfassen die häufigsten Aufrufe entweder Sachspenden in Form von Hundebetten, Leinen oder Futter, oder Geldspenden für Tierheime vor Ort, Kastrationskampagnen und medizinische Hilfe sowie Pflege- oder Endplätze für dann ehemalige Strassenhunde. Im Grunde geht es immer um Hilfe direkt am Hund. In der letzten Zeit habe ich mir ein paar Gedanken dazu gemacht, ob und was diese Aktionen meinem Verständnis nach bewirken. Um diesen Gedanken ein Fundament zu geben, begab ich mich auf die Suche nach wissenschaftlichen Studien, nach Forschungsarbeiten oder einfach nur ein paar Daten, die einerseits über die Zustände in Rumänien und anderen osteuropäischen oder auch mediterranen Ländern berichten – und die einen Aufschluss darüber geben, welchen Effekt der Bau von Tierheimen und Hundestationen, die Kastrationskampagnen oder der Export solcher Strassenhunde hat. Das war – und ich muss zugeben, dass mich das wirklich überrascht hat – die mit Abstand erfolgloseste Netzrecherche, die ich je gemacht habe: Unter den verschiedensten Begriffen sowohl in Deutsch als auch in Englisch bin ich ausschliesslich auf Bilder verletzter, halb verhungerter oder misshandelter Hunde gestossen, auf panikartige oder wenigstens hochdramatische Aufrufe, Plädoyers und Meinungsbilder. Nirgends konnte ich auch nur eine verifizierte Zahl finden* – ja, sogar die in dem oben verlinkten FAZ-Artikel Zahlen zu den Strassenhunden in Bukarest werden an anderer Stelle als komplett falsch und auf Korruptionsbasis erfunden dargestellt.

In der Not frisst der Teufel fliegen – und so habe ich mich letztendlich für eine Art Meta-Analyse entschieden: Obwohl man zu Hunden schlicht keine Daten findet, gibt es sogar eine ganze Reihe von Untersuchungen zu Katzen. Und – wenn man es genau nimmt – die Situation von verwilderten Hauskatzen unterscheidet sich zu der der Hunde nicht gravierend. Beides sind domestizierte Tiere. Die Population setzt sich aus wildlebenden Tieren und solchen, die ein Zuhause haben und von Menschen betreut werden, zusammen. Die Tiere ernähren sich von dem, was sie von den Menschen bekommen und, im Falle der Katzen, von Nagern und Singvögeln, was in hiesigen Breiten immer wieder zu Konflikten mit Vogelfreunden führt. Aus den USA gibt es zu Strassenhunden ein paar Daten, die ich finden konnte – und dort sind die Schäden, die Strassenhunde an Nutztieren wie Schafen, Kühen, Schweinen und Geflügel verursachen, nicht unbeträchtlich.

Die Problematik rund um Strassenhunde lässt sich meines Erachtens nicht sinnvoll betrachten, wenn man natürliche Prozesse nicht in die Überlegungen mit einbezieht. Ein Teilgebiet der Ökologie ist die Populationsbiologie… und genau um deren Erkenntnisse geht es hier letztendlich, wenn man versuchen will, der Problematik der Strassenhunde Herr zu werden.

Um zu verstehen, welchen Einflüssen Strassenhund-Populationen unterworfen sind, muss man sich mit Populationsdynamiken beschäftigen, weil Strassenhunde – genau wie alle anderen Tierarten – Gesetzmässigkeiten folgen, die schlicht ein biologisches Fundament haben: Überleben und vermehren, darauf kommt es an… unter allen Umständen. Ich habe dazu mal eine vereinfachte Grafik gebastelt:

PopulationsdynamikEine Population ist eine Gruppe Tiere gleicher Art, die in einem Areal zu finden sind und dort eine Fortpflanzungsgemeinschaft bilden. Nach dieser Definition ist es egal, ob ein Mensch auf einzelne Individuen der Gemeinschaft einen Anspruch erhebt, solange das Individuum weiter in unkontrolliertem Kontakt zu dem Rest der Population steht. Und genau das scheint – gleich den Katzen anderenorts – bei den Hunden in Rumänien und anderen Ländern der Fall zu sein. Ob man in die USA, nach Frankreich oder Rumänien schaut, ist eigentlich egal: Die Hunde werden aus dem Haus gelassen und – wie hier Katzen – können sich selbst vergnügen, bis Fütterungszeit ist. Ich habe mich als mehr oder weniger fiktives Beispiel für die Hunde Bukarests entschieden – von denen heutzutage 60’000 Strassenhunde sind, wenn man dem FAZ-Artikel vertraut (immerhin gibt es hier irgendeine Zahl, die man für Gedankenspiele verwenden kann). Die Anzahl der Hunde mit Besitzer ist unklar. Sie zusammen ergeben für mich und für diesen Artikel eine Population. Diese Population ist sicher nochmals in Subpopulationen aufgeteilt, die mit der Struktur des Biotops Bukarest zu tun haben würden.

Ganz grundsätzlich werden Populationen durch Zu- und Abnahmen von Tieren beeinflusst. Es kommen Tiere durch Geburten und durch Einwanderung (das wäre auch: Kauf durch einen Menschen oder Aussetzen) hinzu und durch Tod und Abwanderung verliert die Population Tiere. Klar. Das war einfach. Aber es ist noch ein wenig komplizierter:

Eine Population wird durch verschiedene natürliche Faktoren beeinflusst – und Biologen unterscheiden dabei solche, die in Wechselwirkung mit der Dichte der Population stehen und solche, die unabhängig davon auftreten. Die Gesamtheit der wirkenden Faktoren bestimmt die Kapazität eines Biotops. Die Populationsdichte ergibt sich aus der Anzahl der Individuen eines definierten Areals – oder anders gesprochen: Es macht einen Unterschied, ob in Bukarest hundert oder 100’000 Hunde herumlaufen. Zu den dichteabhängigen Faktoren zählen deswegen zum Beispiel Infektionskrankheiten, Parasiten, aber auch Nahrung, Konkurrenz und Stress. Dichteunabhängige Faktoren sind zum Beispiel das Wetter, Naturkatastrophen, Konkurrenz mit anderen Arten (wie im Fall der Hunde auch der Mensch, was diese Beziehung zu etwas Besonderem macht und eindeutig mit der Domestikation des Hundes verknüpft ist) oder nichtinfektiöse Erkrankungen oder durch den Menschen eingebrachte Umweltgifte (Pestizide, Chemikalien, hormonaktive Substanzen, Medikamente etc.), die auf Hunde als relativ weit oben in der Nahrungskette stehende Tiere durch Akkumulationseffekte einen Einfluss haben.

Wie ein Biotop beschaffen ist, gibt seine Kapazität wieder, Tiere einer Population das Überleben zu ermöglichen. Das bedeutet auch folgendes: Wird ein Tier aus der Population entfernt, wird es durch ein neues ersetzt, weil das Biotop die Möglichkeit bietet, dass es dort leben kann. Das ist ein natürlicher Vorgang – hier findet sich ein netter kleiner Artikel zum Thema „Wiederbesiedlung nach Naturkatastrophen“, einer extremen aber auch eindrücklichen Form der Populationsdynamik. Und genau diese populationsdynamischen Aspekte sind es, die mich so verwundert zurücklassen, wenn es um die Aktionen der Tierschützer geht, über die ich so lese. Betrachten wir verschiedene Aktionen:

Fütterungsaktionen:
Was gedacht ist, um kranke und schwache Hunde in Bukarest zu unterstützen, führt insgesamt vor allem dazu, dass mehr Nahrungsressourcen für die Strassenhunde zur Verfügung stehen. Würden in einer natürlichen Population zu schwache oder zu kranke Tiere sterben, weil sie nicht genügend Nahrung finden und nicht abwandern, erhält man in Bukarest solche Individuen. Eine Studie aus den USA über verwilderte Katzen ergab in diesem Zusammenhang, dass 8-10% aller Haushalte diese Katzen füttern – und das unabhängig davon, ob es in den Haushalten selbst Katzen gab oder auch nur ein anderes Haustier. Die Studie zeigte auch, dass zwischen fütternden Menschen und verwilderten Katzen von Seiten des Menschen eine Bindung aufgebaut wird (auch wenn die Katzen sich nicht einmal anfassen liessen) und diese auch dazu führte, dass diese Menschen Fang- und Tötungsaktionen sabotierten.

Medizinische Unterstützung:
Im Grunde gilt hier etwas Ähnliches wie bei Fütterungen – in einer natürlichen Population würden kranke oder schwache Tiere früher oder später verenden. Das wäre ein ganz normaler Prozess, der insgesamt einen evolutionär gesehen positiven Einfluss auf die Entwicklung und Anpassung einer Population hat. Ich kann im Moment keinen Unterschied zwischen einem Haus- und einem Wildtier erkennen, der eine Einflussnahme bei Hunden rechtfertigen, aber eine Einflussnahme bei Wildtieren verbietet. Wenn man möchte, dass die Population der Hunde in Bukarest auf lange Sicht gesund ist, dann muss man aus biologischer Sicht die alten, schwachen und kranken Individuen sterben lassen, damit sie eben nicht die Ressourcen jener verbrauchen, die gesund und fit sind. So oder so ergibt sich daraus allerdings keine Lösung des Problems „Strassenhund“.

Der Tod ist, wenn man die Grafik weiter oben betrachtet, ein natürlicher Prozess und ein wichtiger Faktor in einer Population. Der Mensch versucht hier, diesen Faktor auszuhebeln. Interessanterweise tut er an anderer Stelle genau das Gegenteil und gleicht so möglicherweise wieder etwas aus. Anstatt also der Natur der Dinge entgegen zu wirken, bringt er sich voll ein und wird selbst zu einem Faktor in der Populationsdynamik der Strassenhunde.

Tierheime:
Steckt man Strassenhunde in Tierheime, entfernt man Individuen aus der Population der Strassenhunde Bukarests. Das fiele, weil die Tiere nicht getötet werden (okay, wenn man verschiedenen Tierschutzseiten glaubt, stimmt das natürlich nicht und ist sowieso nur Alibi), unter den Prozess der Abwanderung. Natürlicherweise würden Individuen, sobald die Populationsdichte einen kritischen Wert erreicht, durch verschiedene Motivationen wie Hunger durch Nahrungsmangel, Stress durch intraspezifische Konkurrenz oder das Fehlen von Unterschlüpfen aus dem Biotop vertrieben werden oder freiwillig abwandern, um anderen Orts Nahrungsquellen und Unterschlupf zu finden. Hier übernimmt der Mensch das anteilsmässig – denn wer nicht auf den Strassen wandert, verbraucht dort auch nicht die verfügbaren Ressourcen und macht somit erneut Platz für neue Individuen.

Export:
Das Gleiche in Grün – aus der biologischen Warte ergibt es schlicht keinen Sinn, Tiere aus der Strassenhund-Population Bukarests zu entfernen, um sie in westeuropäischen Haushalten unterzubringen. Was wäre, wenn das Ausland beginnen würde, unsere Massentierhaltungskühe und -schweine aus dem Land zu schmuggeln, weil sie hier unter so unmenschlichen Bedingungen gehalten werden, wo sie doch eigentlich so liebe, intelligente und zutrauliche Tiere sind, die auf eine Weide bzw. in eine Matschpfütze gehören? Wir würden neue machen. Glaubt irgendwer, dass ausländische Tierschützer uns genügend Kühe und Schweine wegnehmen könnten, damit wir irgendwann keine mehr massenhalten könnten? Wieso sollte Herr Popescu seine Hündin nicht einfach ein paar Welpen bekommen lassen, wenn dem Nachbarn, dem guten Herrn Radu, doch gerade sein Hund abhanden gekommen ist? Wieso sollte Bauer Schmidt nicht einfach ein paar Kühe kalben lassen und die Kälber weitergeben, wo doch dem Massenbetrieb von Herrn Müller gerade wieder ein paar Kühe geklaut wurden?

Abwanderung ist ein natürlicher Prozess, der in einer Population ausgeglichen wird: durch das Fehlen der Tiere werden Ressourcen frei, die von neuen Tieren, die durch Geburt oder Einwanderung (auch: Aussetzen) verfügbar sind, sofort in Beschlag genommen werden. So überlebt man…

Und damit kommen wir zu einer Variante, die im Moment von Tierschutzorganisationen bevorzugt angewandt wird, um die Populationen von Strassenhunden zu dezimieren.

Kastrationen:
Viele haben offensichtlich das Gefühl, dass Kastrationen die humanste Herangehensweise an das Problem der Strassenhunde ist. Man fängt den Hund, narkotisiert ihn, führt den Eingriff durch und entlässt ihn relativ schnell wieder in die Freiheit. Einerseits hat man sich so nicht die Beendigung eines Lebens aufgebürdet, andererseits schafft man sogenannte „Platzhalter“. Die Rechtfertigung eines Platzhalters mutet biologisch an – wenn der Hund nicht getötet, sondern nur kastriert wird, verbraucht er weiterhin die verfügbaren Ressourcen an Nahrung und Unterkunft. Ob diese Methode bei Strassenhunden erfolgreich ist, kann ich – wie geschrieben – nicht sagen… denn es gibt dazu keine im Netz veröffentlichten Studien. Zu Katzen hingegen findet man dazu einiges. So weist diese Dissertation darauf hin, dass das Zusammenbringen verschiedener verwilderter Katzen zum Zweck der Kastration zu einer Übertragung von Krankheiten führen kann, wie da sonst nicht der Fall wäre. Überhaupt zeigt diese Studie an zwei relativ kleinen Katzenpopulationen in Berlin schön verschiedene Aspekte populationsbiologischer Natur – leider waren die untersuchten Populationen in vielen Aspekten zu klein und die gefundenen Ergebnisse konnten statistisch nicht gewichtet werden. Aber auch hier wird schon darauf hingewiesen, dass eines nicht funktioniert: Einfach mal ein paar Tiere kastrieren. Denn Kätzinnen, die weiterhin Nachkommen produzieren, liefern sofort das „Material“, das die neu verfügbaren Ressourcen ausfüllt.

Auch wenn Katzen wie Hunde zu den K-Strategen gehören, produzieren sie mit jedem Wurf mehr Nachkommen, als natürlicherweise das fortpflanzungsfähige Alter erreichen. Während R-Strategen wie zB Frösche tausende von Eiern produzieren und sich dann aber nicht weiter um die Nachkommenschaft kümmern, so dass allein die Masse der Nachkommen dafür sorgt, dass der Population genügend neue Individuen zur Verfügung stehen, umsorgen K-Strategen ihre Jungtiere, produzieren dafür aber wesentlich weniger. Das Resultat ist das selbe: Es stehen immer genug Individuen zur Verfügung, um alle Ressourcen eines Biotops auszuschöpfen. In beiden Strategie-Varianten existiert ein Überschuss, der das Risiko, den eigenen Genotyp nicht weiterzugeben, reduzieren soll. Es ist – biologisch – egal, ob eine Kaulquappe vertrocknet oder ein Welpe verhungert, ob eine junge Kreuzspinne von einem Grünfink gefressen oder ein Miezekätzchen von einem Auto überfahren wird, die Hauptsache ist, am Ende des eigenen Daseins hat man einen Beitrag zur Population geleistet. Je grösser der Beitrag, desto höher ist die biologische bzw. reproduktive Fitness. Ein Hund wird sich also im Sinne der Nachhaltigkeit nicht nicht produzieren – das schafft nicht mal der Mensch. Kastriert man einen Hund, nimmt man ihm seine reproduktive Fitness und seine Möglichkeit, seine Gene weiterzugeben – egal, wie super oder miserabel sie sind. Betrachtet man es populationsgenetisch, tötet man den Hund. Deswegen benötigt es hier auch keinen weiteren Absatz über Tötungen von Strassenhunden. Der Text wäre – meiner Meinung nach – grösstenteils redundant.

Bildschirmfoto 2013-12-16 um 08.04.24 In der o.g. Dissertation werden auch Überlebensraten der Katzen in dem untersuchten Gebiet angegeben: in den ersten zwei Jahren sterben 70% aller Jungtiere, bis zum fünften Lebensjahr sind es immer noch fast 60% der verbliebenen Tiere, die sterben. Ein Drittel der Katzen zwischen sechs und acht Jahren stirbt und danach steigt die Sterberate wieder etwas auf knapp 40%. Mitten in Berlin. Trotz Tierschützern, die sich laut Dissertation um die Tiere kümmern, indem sie sie füttern. Das ist einfach so – so funktionieren Populationen: Tiere werden geboren und Tiere sterben. Da geht es dem (freilebenden) Hund wie der verwilderten Katze wie der Amsel und dem Ohrkneifer.

Studien über Katzen haben auch versucht, den Erfolg sogenannter TNR (trap-neuter-release; fangen-kastrieren-freilassen) Aktionen zu berechnen. Eine Studie verglich die Erfolge der TNR-Methode mit der des Einschläferns (wobei die Autoren explizit erwähnen, dass es im Grunde egal ist, ob die Katzen eingeschläfert oder vermittelt werden, weil – wie erwähnt – beide Vorgehensweisen die Tiere aus der Population entfernen) – ausgehend von  eher konservativen Wurfgrössen zwischen 1.98 und 3.78 Jungtieren pro Jahr und Katze, kamen sie zu dem Schluss, dass Euthanasie die wirksamere Vorgehensweise zur Reduktion freilebender Katzenpopulationen ist. In dieser Studie, weiteren drei darin zitierten Studien, sowie in einer weiteren, wird deutlich, was es braucht, damit Kastrations-Aktionen tatsächlich dazu führen, dass die Population nicht mehr wächst:

Über lange Zeit müssen permanent zwischen 71 (wobei eine andere Studie bei einer Rate von 75% immer noch ein Wachstum der Katzenpopulation feststellte) und 94% aller Tiere kastriert werden.

Sind wir mal optimistisch und nehmen 75% als die notwendige Kastrationsrate zur Populationsverkleinerung als Ausgangsbasis für eine platte Rechnung über die Strassenhunde Bukarests: Bei 60’000 Strassenhunden in Bukarest wären das 45’000 in einer Saison, die kastriert werden müssten. Okay, sagen wir, wie an anderer Stelle behauptet, diese Zahl stimme nicht, und es wären in Wirklichkeit nur 30’000 Strassenhunde unterwegs. Dann wären es 22’500 Kastrationen pro Saison und nur in Bukarest. Schaut man nun in den Geschäftsbericht einer der grössten Tierschutzorganisationen „Vier Pfoten“, die in Rumänien unterwegs ist, dann findet man dort für das Jahr 2012 folgenden Wert: „Vier Pfoten“ hat in ganz Rumänien – nicht nur in Bukarest – 1939 Kastrationen bei Hunden vorgenommen. Sagen wir, davon wurde ein relativ grosser Anteil tatsächlich in Bukarest vorgenommen, weil es eine Stadt ist, weil es dort viele Strassenhunde gibt und die Infrastruktur besser ist: Wenn 500 der Kastrationen in Bukarest stattfanden, fehlen immer noch 22’000!

Warum muss die Kastrationsrate so hoch sein? Einerseits ist die Idee des Platzhalters im Biotop eine falsche Annahme, denn sie ignoriert, dass langfristig auch kastrierte Tiere sterben – ich vermute, dass im Schnitt ein Strassenhund sogar früher stirbt als eine verwilderte Katze, wenn man die Lebenserwartung von Hunden und Katzen als Haustiere auf diese Tiere überträgt. Einer Population ist es erst einmal vollkommen egal, ob sie eine Ressource morgen oder in fünf Jahren neu besetzt. Die Wachstumskurve wird also höchstens etwas gestreckt, aber was ist das schon, wenn man bedenkt, wie lange es schon Katzen respektive Hunde gibt? Andererseits scheint die Idee der Kastrationsaktionen vollkommen zu vergessen, dass immer noch Tiere geboren werden – morgen und in fünf Jahren… und dass zusätzlich neue Tiere einwandern UND von der Bevölkerung angeschafft UND ausgesetzt werden. 60’000 oder 30’000 Strassenhunde fallen nicht vom Himmel. Sie sind irgendwo entstanden, haben die hohe Sterblichkeit der Jugend überlebt und existieren nun nicht ohne Grund.

Fakt scheint doch zu sein: Das, was an Kastrationen durchgeführt werden müsste, ist – soweit ich das einschätzen kann – personell und finanziell nicht realisierbar. In grossem Stil versucht der Mensch seit Dekaden in seinen Wohnräumen Ameisen, Motten, Mücken und Wespen auszurotten, geht mit Gift und Feuer gegen Unkraut vor und was hat es gebracht? Hatte je einer das Gefühl, dass im kommenden Sommer weniger Mücken im Schlafzimmer und weniger Wespen in der Cola waren? Nein. Warum auch? Rumänien ist nicht von einer vier Meter hohen Mauer umgeben… was soll es bringen, in einem Biotop eine Art auszurotten, wenn die Lebensbedingungen für sie dort gegeben sind? In der Ukraine, in Bulgarien, in Ungarn und weiteren Nachbarländern gibt es Strassenhunde. Was soll die daran hindern, immer wieder das Biotop Rumänien zu besetzen und seine Ressourcen zu nutzen?

Und damit sind wir wieder am Anfang und dem Zitat aus der FAZ, dem ich diesmal den vorhergehenden Satz hinzufüge:

Als Carol I. (Karl Eitel Friedrich Zephyrinus Ludwig von Hohenzollern-Sigmaringen) 1866 bei seinem ersten Aufenthalt in Bukarest aus dem Fenster blickte, soll er als erstes streunende Hunde gesehen haben. Stets korrelierten Zu- und Abnahmen der Hundepopulation mit der gesellschaftlichen Verfassung. Wurde das Land einigermaßen gut verwaltet und stieg der Wohlstand, gab es weniger Streuner.

1866! Das sind fast 150 Jahre. Hundertfünfzig. Strassenhunde gibt es nicht erst seit vorgestern in Bukarest – sie sind kein rezentes Problem. Ich kann ja hier meine Gedanken nicht einfach mit ein paar biologischen Ansätzen enden lassen, denn das Argument, das immer wieder angeführt wird, schallt schon seit geraumer Zeit lautlos durch den Raum: „Irgendetwas MÜSSEN wir ja tun!“ Ja. Von mir aus.

Mein Vorschlag wäre es dann allerdings, an den Stellen anzusetzen, die einen nachhaltigen Effekt haben… und das wäre in diesem Fall die Veränderung des Biotops hin zu einem, das keine Strassenhunde mehr aufnehmen kann. Dieses Biotop ist die menschliche Gesellschaft, wenn man so will. Tierschutzorganisationen müssten demnach für Bildung in der Bevölkerung sorgen – und zwar nicht nur, was ihre Hunde anbelangt, sondern Bildung en gros, damit das Land sich kulturell und wirtschaftlich weiterentwickeln kann. Es benötigt sinnvolle politische Strukturen und eine Verwaltung, die sich um Mülldeponien, leerstehende Gebäude und andere Unterschlüpfe kümmert, die von Strassenhunden als Ressource verwendet werden können, die Armut der Bevölkerung bekämpft und Gesetze erlässt und auch durchsetzen kann, die Hunde Haltern zuordnen und Halter in die Verantwortung nehmen. Wenn verwilderte Hunde keine Nahrung mehr finden und auch keinen Unterschlupf, dann überleben sie den kommenden Winter nicht – das ist nicht grausam, das ist natürlich. Wenn Halter für die Hunde, die sie haben und produzieren, verantwortlich sind und damit rechnen müssen, belangt zu werden, wenn der Hund Schaden anrichtet, werden sie sie nicht mehr frei laufen lassen und sie kastrieren. Das sind die Unterschiede, die ich zwischen Ländern wie der Schweiz oder Deutschland und Ländern mit Strassenhunden sehe. Und das sind die Massnahmen, die mir einfallen, um das vermeintliche Elend der Strassenhunde zu beenden.

Man kann einfach nicht alles wollen: Keine Strassenhunde und keinen Tod. Es geht einfach nicht. Das ist wie mit den Einhörnern: Pferde ja, Hörner ja – Einhörner nein.

Und damit schlage ich ausserdem vor: Es lohnt sich, sich mit natürlichen Vorgängen auseinanderzusetzen und sich bewusst zu machen, dass auch eine Strassenhund-Population nichts anderes als eine Population ist – und dass sie von natürlichen Prozessen gelenkt wird: Geburt, Einwanderung, Auswanderung und Tod. Menschen sind Teil der Natur und können nicht aus deren Gesetzmässigkeiten ausgehebelt werden – viele Tierarten leben in ihrer Peripherie und nur, weil eine Art einst domestiziert wurde, heisst das nicht, dass sie nicht ohne uns leben kann. Wenn wir eine besondere Verantwortung für diese Arten haben – und damit beziehe ich mich auf eines der vielen Argumente für kopflose Hilfsaktionen -, dann gilt es umso mehr, sich mit Populationsdynamiken zu beschäftigen und solche Aspekte in die Planung mit einzubeziehen.

So sieht es für mich im Moment aus und mir ist bewusst, dass es so klingen mag, als wäre ich gegen Tierschutz. Nein, das bin ich nicht – aber ich bin dagegen, Herzblut und Gelder wie Perlen vor die Säue zu werfen. Tierschutzaktionen müssen nachhaltig geplant sein und dafür müssen die Organisatoren sich fachliche Expertise suchen, die effizienten und richtigen Schritte planen und diese Ziele verfolgen. Wütend macht mich – nach meinem jetzigen Wissens- und Überzeugungsstand – die Kopflosigkeit der Aktionen, von denen ich lese und von denen ich befürchte, dass sie oftmals vor Ort nichts anderes verursachen, als Öl ins Feuer zu kippen. Denn offensichtlich werden sich auch die Rumänen der Problematik immer mehr bewusst – nur kommt das, was durch Tierschutzorganisationen an Aktionen durchgeführt wird, dort falsch an. Die Bemühungen der Bevölkerung (s. bspw. im hiesigen Link die Ausführungen zu den ‚private shelters‘) führen dann tatsächlich zu einem Leid, das niemals im Sinne der Natur ist und war und ganz sicher nicht im Sinne der vermeintlichen Tierschützer gewesen sein kann.


* Man bedenke, dass Rumänien, Bulgarien und Ungarn EU-Länder sind. Man bedenke auch, wie viel Geld in den Tierschutz fliesst. Man bedenke, wie geizig die Deutschen sein können, wenn es beispielsweise darum geht, an billiges Fleisch zu kommen. Es überrascht mich immer wieder, wie diese Aspekte in einer Gesellschaft parallel existieren können.

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Kommentare
  1. ocwm sagt:

    Dies ist ein Projekt, dass sich mit Streunern in Kanada befasst.

    http://dogswithnonames.com/project/

    • Anti-Mensch sagt:

      Hallo ocwm,

      danke für den Link. Allerdings finde ich auch auf der Seite keine Angaben, die irgendwie helfen würden, um einschätzen zu können, ob Kastrationen einen tatsächlichen Effekt auf die Population haben. Anzuführen, wie viele Tiere man kastriert hat, sagt nichts darüber aus, wie gross die Gesamtpopulation ist und wie sie sich in den Folgejahren entwickelt hat.

  2. carymahony sagt:

    Nach dem Lesen deines Textes frage ich mich, was du nun wirklich vorschlägst. Denn Länder wie Rumänien und Bulgarien sind, wie du schon sagst, Teil der EU. Die EU lässt Gelder für Bildungseinrichtungen, Infrastruktur etc. in diese Länder fließen – nur kommen diese Gelder nie in den gedachten Einsatz. Du vergisst, dass wir es hier mit einer korrupten Politik zu tun haben, wie man es vom Schlag Putin und Konsorten kennt. Nennst du das dann auch Perlen vor die Säue werfen?
    Die Menschen, die sich für Tierheime und den Tierschutz vor Ort einsetzen, sind meistens nicht diejenigen, die sich das Billigschnitzel beim Discounter kaufen, also gilt der Vorwurf m.E. an der Stelle nicht.
    Das Problem ist, dass die Menschen in Rumänien so wenig Geld wie noch nie hatten und sich daher natürlich darum reißen, wenn es darum geht, 50 Euro (was im Durchschnitt ein viertel Monatsgehalt ist!!) für das Einfangen nur eines einzigen Streuners zu bekommen! Dafür kann es kein Verständnis geben und das ist auch alles andere als im Sinne der Menschen. Wie du sagst, leben die Menschen dort schon sehr lange mit Hunden auf der Straße. Für die wenigsten ist das jemails ein Problem gewesen. Da muss dann auch kein Tierschutz aktiv werden. Nur wenn es um haushohen Betrug geht, ist es gut, wenn man nicht komplett die Augen davor verschließt.

    • Anti-Mensch sagt:

      Ich werde mir nicht anmaßen, etwas Spezielles vorzuschlagen – dazu kenne ich die Situation viel zu wenig. Mir ging es hauptsächlich um die mir bekannten Maßnahmen, die momentan ergriffen werden, und dort ging es mir um den populationsbiologischen Aspekt von Tötungen und Kastrationen. Übrigens hat der SPIEGEL das Thema diese Woche auch aufgegriffen.

      Ich fürchte schlicht, dass es ein sehr grossrahmiges Umdenken zu Taktiken, Herangehensweisen und Aktionen braucht, um von Seiten des Tierschutzes aus etwas zu bewirken. Und dabei sollte meines Erachtens die Dynamik von Populationen und soziologische Aspekte mehr Einfluss haben, als sie das bisher zu haben scheinen.

  3. […] warum wir hunde lieben, schweine essen und kühe anziehen curse of sanity zum thema tierschutz über die populationsbiologie von strassenhunden […]

  4. […] Map of Hope – Karte der Hoffnung für Hunde in Rumänien Über die Populationsbiologie von Strassenhunden […]

  5. […] der mensch “benutzt” exzessiv und permanent hochsoziale, angst- und schmerz-empfindliche lebewesen. mehrere millionen tiere werden täglich allein in unserem land einer institutionalisierten ausbeutung unterzogen. nicht zuletzt folgt die abartige vernichtung sogenannter “nutztiere” in speziellen tötungsanstalten. die systematisierte unterdrückung funktioniert, weil die mehrheit schweigt, unbekümmert konsumiert, in sich hineinschlingt und skrupellos mitmacht. wir müssen uns entscheiden !!! warum wir hunde lieben, schweine essen und kühe anziehen curse of sanity zum thema tierschutz über die populationsbiologie von strassenhunden […]

  6. Imelda Bergauer sagt:

    Der ganze Text ist Theorie, die Praxis ist eine andere! Was ich auch gänzlich vermisse ist das Massaker welches in Rumänien wegen den Strassenhunden angefangen hat. Durch ein völlig falsche Berichterstattung (kürzlich wurde eine Richtigstellung veröffentlicht) über die Tötung eines kleines Buben in Rumänien, eben angeblich durch Strassenhunde wurden die meist gut sozialisierten Hunde erschlagen, vergiftet, brutal eingefangen, vergast usw.! Die Hundefänger haben Geld dafür bekommen (EU-Gelder = unser aller Steuergeld) und haben dafür alles was kreucht und fleucht eingefangen oder vernichtet! Auch Hunde die einen Besitzer hatten! Die Population auch der Strassentiere (Strassentiere sind keine Wildtiere) kann man in den Griff bekommen! Siehe Mittel- oder Nordeuropa da gibt es diese Strassenhunde auch nicht! Das ist von den Menschen gemacht worden und muss auch von den Menschen wieder in Ordnung gebracht werden!

  7. Imelda Bergauer sagt:

    Wenn das mit der Populationsbiologie so einfach wäre, warum sterben dann viele Tierrassen aus?

    • Anti-Mensch sagt:

      Das Aussterben von Arten (ich nehme an, dass du Arten und nicht Rassen meinst) hängt von mehr ab. Hier habe ich mich explizit auf Hunde bezogen, die wiederum zu den Arten gehören, die enorm anpassungsfähig sind und wenig spezialisiert auf bestimmte Lebensumstände.

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