Die Beziehung zum Hund – Grundsätzliche Gedanken

Veröffentlicht: 26. November 2013 in Allgemein
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Seit einiger Zeit beobachte ich, dass es eine ganze Reihe an Hundehaltern gibt, deren Beziehung zum Hund auf mich irritierend wirkt. Wann immer ich über ihre Praktiken, ihre Denkweise oder ihre Ratschläge lese, bekomme ich das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Nur was? Auffällig ist für mich vor allem die stark moralisierte Herangehensweise… als würde ein Elternteil sein Kleinkind verteidigen. Und tatsächlich bin ich schon länger zu dem Schluss gekommen, dass besonders in der Hundehaltung Vermenschlichungen gang und gäbe und sogar darüber hinaus schwerer zu erkennen, einflussreicher und leichter vollzogen sind. Der Hund ist ein soziales Wesen – wie der Mensch. Daraus ergibt sich, dass der Mensch Parallelen nicht mehr als solche erkennt, sondern als Einheit. Aber der Hund ist ein Hund und kein Mensch…

Ich nehme an, dass viele Haltungsvarianten und Trainingsmethoden heute auf einigen wenig offensichtlichen, aber in ihrer Auswirkung umso gravierenderen Vermenschlichungen beruhen. Hier möchte ich eine davon diskutieren, später soll eine weitere folgen und dann werde ich versuchen, wieder zu dem aufzuschliessen, was ich in meinem letzten Artikel angesprochen habe.

Hier soll es um Beziehungen gehen und weil man sich erst einmal vor Augen halten muss, was Beziehungen ausmacht, greife ich auf Texte zurück, die ich besonders im englischsprachigen Ausland finde – vermutlich gibt es sie auch in deutscher Variante. Also… nähern wir uns der Definition einer zwischenmenschlichen Beziehung von hinten links und schleichen mal etwas um sie herum. Generell werden Beziehungen in diesem Zusammenhang als gesund oder ungesund definiert – es geht nicht darum, ob sie besonders romantisch oder eher pragmatisch sind, nicht darum, ob sie langweilig oder überaus gepfeffert sind, sondern eher darum, ob das Zusammenleben zweier Menschen physisch und psychisch wohltuend oder zerstörerisch ist. Vermutlich haben die meisten Menschen schon einmal eine Beziehung geführt, die sich früher oder später als nicht perfekt herausstellte. Wenigstens in unserer Jugend haben wir uns alle einmal an Eifersucht, dramatischen Liebesbekenntnissen oder weniger sinnvollen Meinungsdurchsetzungspraktiken versucht, um irgendwann festzustellen, dass das nicht das ist, was wir uns wünschen.

Beginnen wir mit den Indikatoren für eine ungesunde Beziehung:

  • Kontrolle: Ein Partner trifft alle Entscheidungen und bestimmt auch, was der andere darf und was nicht.
  • Unehrlichkeit: Ein Partner ist nicht ehrlich oder beklaut den anderen sogar.
  • Physischer Missbrauch: Ein Partner nutzt Gewalt, um seinen Willen zu bekommen (z.B. schlagen, knuffen, schubsen)
  • Kein Respekt: Ein Partner macht sich über die Wünsche, Meinungen und Bedürfnisse des anderen lustig, möglicherweise zerstört er auch dessen Eigentum.
  • Einschüchterung: Ein Partner versucht, das Leben des anderen komplett zu kontrollieren, ihm Freundschaften oder Kontakt zu seiner Familie zu anderen zu verwehren und droht gegebenenfalls sogar mit Gewalt, um das zu erreichen.
  • Abhängigkeit: Ein Partner meint, nicht ohne den anderen leben zu können und droht ggf. auch mit drastischen Mitteln, um das zu verdeutlichen.
  • Feindseligkeit: Ein Partner läuft immer wie auf Eierschalen, um den anderen nicht zu verärgern. Neckereien sind nicht gut- sondern böswillig.

Grundsätzlich wird eine Beziehung, die als gesund gilt, also dementsprechend so umschrieben:

  • Gleichberechtigung: Partner treffen Entscheidungen gemeinsam und teilen Verantwortung. Sie diskutieren, um sicherzugehen, dass sie sich gegenseitig fair und ebenbürtig behandeln.
  • Ehrlichkeit: Partner teilen Ängste, Wünsche und Bedenken. Sie erzählen sich, wie sie sich fühlen und teilen wichtige Informationen.
  • Physische Sicherheit: Partner fühlen sich beieinander sicher und respektieren die Grenzen und den Raum des anderen.
  • Respekt: Partner behandeln sich gegenseitig, wie sie selbst behandelt werden wollen und akzeptieren die Meinung, den Freundeskreis und die Interessen des anderen. Sie hören einander zu.
  • Behaglichkeit: Partner fühlen sich untereinander angenommen und respektiert. Sie können zugeben, wenn sie falsch lagen und auch einmal „Sorry“ sagen. Sie können sie selbst sein.
  • Unabhängigkeit: Kein Partner ist von seinem Gegenüber abhängig, sie haben einen eigenen Freundeskreis und jeder der beiden kann die Beziehung beenden.
  • Humor: Die Beziehung ist für beide Partner gleich angenehm. Partner lachen zusammen und haben Spaß.

Wer die Aufzählungen aufmerksam verfolgt hat und im Hinterkopf behalten hat, dass es hier um die Beziehung zu einem Hund geht und nicht um die Beziehung zu einem anderen Menschen, erkennt, worin meines Erachtens vielerorts der logische Konflikt besteht: Die gesunde Beziehung zu einem Hund definiert sich in manchen Aspekten ähnlich wie eine ungesunde Beziehung zu einem Menschen. Wenn ich das richtig nachvollziehe, dann ist die Ursache dafür auch, dass sich viele Menschen einen Hund anschaffen, weil sie Defizite in der Beziehung zu anderen Menschen erleben und nach einer ‚wahren‘ und damit gesunden Beziehung suchen. Das geschieht sicher zu einem gewissen Anteil unbewusst, aber all die vielen Sprüche rund um den Hund als den besten Freund des Menschen existieren nicht zufällig.

In dem Wunsch nach Anerkennung, Wertschätzung und Liebe, der in unserer heutigen Gesellschaft so stark geworden ist und so viele ungesunde Nebeneffekte hat, werden optimale Haltungsbedingungen für den Hund mit der Etablierung einer gesunden, aber menschlichen Beziehung verwechselt. Der Hund ist aber kein Mensch – er ist ein domestiziertes Raubtier, das sich in sehr vielen Aspekten vom Menschen unterscheidet, zB besitzt er keine Sprache und er hat keinen opponierbaren Daumen. Er besitzt auch keine moralischen Vorstellung, was sein Leben in der menschlichen Gesellschaft angeht. Aber es gibt Aspekte, die ihn prädestiniert machen, einer Vermenschlichung zum Opfer zu fallen: So nimmt der Hund den Menschen so, wie er ist – und schafft dadurch ein starkes Gefühl von Behaglichkeit. Er ist treu und ehrlich (weil er gar nicht anders kann) und normalerweise haben Hund und Halter zusammen Spaß. Nicht funktionieren werden aber bei vielen Hunden Ansprüche wie Gleichberechtigung, Unabhängigkeit und physische Sicherheit. In einem Raum aus Missverständnissen, Aggressionen, Grenzenlosigkeit und Überforderung können Hunde, die keine für sie greifbare Orientierung dazu erfahren, wie sie sich im Zusammenleben mit dem Mensch verhalten sollen, zu schwierigen Zeitgenossen werden. Da wird kontrolliert, eingeschränkt, verteidigt oder Konditioniertes abgespult und notfalls die Flucht ergriffen.

Heutzutage gibt es laut meiner Beobachtung einige Konzepte rund um das Hundetraining, die sich – absichtlich oder unabsichtlich – das tiefe Bedürfnis der Halter nach einer Beziehung zu Nutze machen und Dogmen verbreiten, die der optimalen Haltung eines Hundes nicht entsprechen. Interessanterweise funktionieren sie zu großen Teilen wieder nach den Prinzipien einer ungesunden Beziehung: Sie setzen unter Druck, kontrollieren, grenzen aus und diffamieren, sie schüchtern ein, drohen mit extremen Konsequenzen und erzeugen basierend auf dem psychischen Leid auch die Aufhebung persönlicher Grenzen, die es dem Menschen überhaupt erst erlauben, gesunde Beziehungen zu Menschen, aber auch zu Hunden, zu führen. Besonders deutlich wird das, wenn es um das Thema ‚Physischer Missbrauch‘ geht. „Gewalt!“ ist ganz schnell skandiert*, der Druck, etwas in der menschlichen Gesellschaft derartig moralisch Verpöntes am hilflosen tierischen Lebewesen nicht zu verüben, ist riesig und die Tatsache, dass der Hund keine Sprache für die Kommunikation nutzt – und was dieser Unterschied tatsächlich bedeutet – schnell vergessen.

Wer sich mit unterschiedlichen Erziehungsmethoden und Haltungsbedingungen auseinandersetzt, sollte möglicherweise im Hinterkopf behalten, dass dafür eine rationale Betrachtung der Hund-Mensch-Beziehung eine Voraussetzung ist.

* Dazu habe ich einst einen Artikel geschrieben… vor ein paar Jahren. Den werde ich vielleicht in diese Reihe über die Beziehung zum Hund nochmals überarbeiten und einstellen.

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Kommentare
  1. dberensmann sagt:

    Ich habe leider keine email Adresse gefunden. ich würde gerne etwas mehr über den Autor wissen. Erst seit 2007 mit Hunden in Kontakt, seit 2010 Hundehalter, und doch finde ich viele Artikel in diesem Blog die eine tiefe haben die mich fasziniert. Hundehaltung und Hundeausbildung mal von einer ganz anderen Seite beschrieben, …..finde ich sehr gut!

  2. susan beaucmp sagt:

    auch ich würde gerne etwas mehr über den Verfasser erfahren, stimmen mich die Inhalte seiner Artikel nachdenklich, seine Diktion begeistert. Herzliche Grüße Susan Beaucamp Tieranwältin

  3. aussteiger sagt:

    BEziehung halte ich für viel wichtiger als ERziehung.
    einen lieben gruss von hier.

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