Sind Hundetrainer Hunde-Trainer?

Veröffentlicht: 21. November 2013 in Allgemein, Gehorche!, Training
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„Ich mache das doch nicht, weil ich mit Menschen arbeiten will – ich trainiere Hunde!“ lautete die Aussage, über die ich nachdenken musste. Ist das so? Trainieren Hundetrainer tatsächlich Hunde? Ich gebe es zu, meine Erfahrungen mit Hundetrainern sind begrenzt – ich war, gezwungenermaßen, in zwei Welpenkursen und habe die zwei notwendigen Sachkundenachweise für meine Hunde abgelegt. Darüber hinaus habe ich hier und da mal mit einem Hundetrainer geredet… aber noch öfter habe ich eigentlich mit den Hundehaltern zu tun, die Hundetrainer aufsuchen. Nur die wenigsten davon gehen zur Hundeschule um die Ecke – in ganz vielen Fällen scheint es eine schiere Odyssee zu sein, die manche Halter hinter sich bringen, bis sie den Trainer gefunden haben, der zu ihnen passt, der ihre Ansichten teilt und den sie auch mögen und für kompetent halten. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich je gehört hätte, dass einer seine Entscheidung davon abhängig gemacht hätte, wie der Hund reagiert hat, als er den Trainer kennen lernen durfte. Eher ist es so, dass ich ganz oft höre: „ICH trainiere meinen Hund – die Leine gebe ich sicher nicht aus der Hand. Und wenn überhaupt, dann nur auf Nachfrage und nur, wenn ich mir sicher bin, dass derjenige weiß, was er da tut.“ Klingt für mich, als müsste es für einen Hundetrainer ganz schön schwierig werden, auf diese Art und Weise einen Hund zu trainieren und seinen Halter außen vor zu lassen.

Dann kommen mir noch all die Geschichten in den Sinn, wo Hundehalter unglücklich erzählen, dass sie jetzt schon so und so lange das machen, was der Hundetrainer ihnen gesagt hat, allerdings ohne Erfolg. Oft springen dann die in die Presche, die es besser wissen. Da werden Methoden kritisiert, für schwachsinnig erklärt oder die komplette Einschätzung des Problems für fehlerhaft gehalten. Auch gerne im Internet, ohne das Hund-Halter-Team überhaupt je gesehen zu haben und sich allein auf die paar Zeilen berufend, die der Halter aufgewandt hat, um das Problem zu schildern.

Natürlich geht es auch anders herum. Eines meiner liebsten Beispiele ist der Hundetrainer, bei dem ich den Sachkundenachweis für Anti machte. In der vorletzten Stunde konstatierte er plötzlich: „Aber denk daran: Irgendwann wird Anti außer Kontrolle geraten und gefährlich werden! Der ist ein Schäferhund.“ Wäre der zweite Satz nicht gewesen, hätte ich vielleicht nachgefragt, weil ich davon ausgegangen wäre, dass der Trainer irgendetwas sieht, was ich nicht sehe. Aber so stellte der Trainer eine Kausalität her, die ganz offensichtlich nicht gegeben war und ihn für mich unglaubwürdig machte. Eine Kundin verloren. Ich machte den SKN fertig, danach mied ich diesen Trainer – Hundetrainer mit derart dämlichen Vorurteilen sind nichts wert. Anti hätte vermutlich anders entschieden – er fand es in der Hundeschule prima, denn immerhin gab es da gleich einen ganzen Haufen Hunde, die man in sein Traumrudel hätte integrieren können.

Hundetrainer haben zu allererst und fast ausschließlich mit Hundehaltern zu tun. Egal, ob es um Erziehungsfragen oder Hundesport geht, direkt nach der Beurteilung des Problems bleibt dem Hundetrainer nur der Halter für die Kommunikation. Kläfft ein Hund oder pöbelt an der Leine, will er nicht schön bei Fuß laufen oder hält das Apportel nicht ordentlich, kann man ihm keine Pille verschreiben und ihn mit einer Krankmeldung heimschicken, auf dass er sich kuriere. Ein Hundetrainer wird das Problem idealerweise erkennen und danach ein Training vorschlagen, durch das das Problem behoben werden soll. Damit schickt er den Halter nach Hause, damit der es auch jenseits der 45 Minuten auf dem Hundeplatz durchzieht… das Training.

Nun könnte man es sich einfach machen und beispielsweise sagen: „Jaaa, der kläfft – aber das ist bei der Rasse einfach so. Die wurden ja dafür gemacht zu kläffen. Die sind einfach… gesprächig.“ Im ersten Moment erscheinen mir solche Erklärungen plausibel, aber gerade neulich durfte ich erleben, dass auch so eine Aussage oftmals nur die halbe Wahrheit ist. Ein Island-Hund kläfft in einem durch seine Halterin an. Er ist laut, renitent und es scheint, als könnte man da wirklich nichts machen – auch wenn mir aufzufallen schien, wie provokativ er kläffte. Bei einem Treffen, bei dem auch eine Hundesport-Kollegin dieser Halterin anwesend war, musste nun die Halterin kurz etwas erledigen und gab den Island-Hund an die Kollegin, um die Hände frei zu haben. Der Hund schaute sich die Kollegin an und fing an zu kläffen. Sofort und ohne große Aufregung erhielt er folgende Antwort: „Nein! Schluss damit!“… und der Hund war ruhig. Nicht eine Sekunde, nicht eine Minute… sondern komplett. Er legte sich entspannt an die Seite und verfiel erst wieder in sein altes Verhalten, als er an seine Halterin übergeben wurde. Wäff, wäff, wäff!

Die Art und Weise, wie ein Hund agiert, hängt meines Erachtens maßgeblich von seiner Haltung und damit von seinem Halter ab. Es hat etwas damit zu tun, wie der Halter im Alltag mit seinem Hund umgeht, wie er Situationen angeht, wie er Konflikte löst, wann er sich worüber aufregt und was ihn ange- oder entspannt werden lässt. Hunde merken das und Hunde reagieren darauf. Auch wenn uns das nicht immer bewusst ist, aber ein Großteil der Lebensstrategie eines Hundes als soziales Wesen hängt davon ab, Situationen zu erfassen und einzuschätzen. Droht Gefahr, auch wenn ich sie selbst gerade nicht erkenne? Sind wir gerade in Spiel- oder in Jagdlaune? Ist mein Gegenüber krank? Gehen wir jetzt das Revier abchecken? Welche Anzeichen sind da und wie sind sie zu interpretieren? Und: Wie viel Entscheidungsmacht habe ich? Wie viel Verantwortung trage ich jetzt gerade in dieser Situation?

Das sind alles Fragen, die ich in Worte übertragen als die Motivationen eines Hundes erkennen kann. Er denkt sie nicht, er handelt danach. Hunde erkennen Muster und nehmen Stimmungen wahr – anhand von Atemgeräuschen, Hormon-Ausschüttungen, Stimmlagen und Bewegungsabfolgen. Im Alltag werden sie sich, weil das der direkte Bezug ist, also immer an dem orientieren, was der Halter unbewusst mitteilt. Richtig? Frauchen sieht, dass sich ein junger Typ mit einem großen Rottweiler auf sie zubewegen. Sie hat Angst vor großen Hunden und Rottweiler sind vermutlich eben doch Kampfhunde und deswegen bissig. Oder es ist ein Schäferhund und sie ist als Kind mal von einem gebissen worden und das hat ein Trauma hinterlassen… das weiß sie zwar nicht mehr so genau, aber seitdem hat sie Schäferhunde eigentlich immer gemieden. Und wenn das nicht ging, ist doch immer der Puls irgendwie etwas hoch gegangen und es gab dieses seltsame Gefühl in der Magengegend und die Atmung wurde etwas schneller und flacher und die Muskeln angespannter. Der Körper hat sich immer irgendwie darauf vorbereitet, doch flüchten zu müssen. Und dann noch ein junger, großer Mann. Stärker als Frauchen, hat auch noch so einen Hund. Ist vermutlich kriminell. Vielleicht. Aber ziemlich sicher aggressiv. Oder der große Hund wird von einer Frau gehalten… Frauchen könnte so einen Hund nicht halten, also kann es diese Frau auch nicht. Oje. Anspannung.

Wenn ein Hund dann anfängt, an der Leine zu pöbeln, dann wird ein Hundetrainer möglicherweise Erfolg damit haben, wenn er dieser Halterin Übungen an die Hand gibt. Das hängt sehr davon ab, wie tief verwurzelt Ängste sind, wie gut sich die Halterin auf die Übungen konzentrieren kann und wie gut sie darin ist, diese Übung angepasst auf ihren Hund und sich selbst umzusetzen. Im Grunde wäre ein Übungsvorschlag eines Hundetrainers, der sich allein auf den Hund konzentriert, also ein Lotto-Spiel. Kann funktionieren, muss aber nicht. Wie hoch die Wahrscheinlichkeit eines Erfolges ist, hängt von dem Hund, aber vor allem vom Halter ab, der das Training umsetzen und durchziehen muss. Hunde erkennen den grösseren Rahmen nicht – denn dazu fehlt ihnen ein Bewusstsein für die Komplexität der Geschehnisse: „Mein Frauchen hat ein Kindheitstrauma, das mit Schäferhunden zu tun hat, und reagiert nun unbewusst irrational auf die Sichtung eines solchen. In so einem Fall muss ich nicht auch alarmiert sein.“ Unwahrscheinlich.

Trainiert ein Hundetrainer den Halter, dann muss er Ursachenforschung betreiben. Warum pöbelt der Hund an der Leine? Wann passiert das und wie hat es angefangen? Was hat der Halter sonst so erlebt (und im Rahmen eines assoziativen Gespräches wird ein Halter vermutlich nicht von seinem letzten Supermarkt-Einkauf erzählen, sondern jene Ereignisse aufrufen, die ihn in solchen Situationen tatsächlich beschäftigen)? Ein Training würde dann möglicherweise eher so aussehen: Angstbewältigung, Reflexion und Desensibilisierung, Stressbewältigungsstrategien, Training des Hundes im für den Halter möglichen Rahmen, angepasst auf den jeweiligen Hunde- und Menschencharakter.

Ja, natürlich – das erfordert mehr Wissen, als nur die Rutenposition zusammen mit der Stellung der Ohren abgleichen zu können. Es ist ein Missverständnis zu glauben, man könnte schlicht Geld damit verdienen, Hundehaltern die Rütteldose schmackhaft zu machen – ich schätze es im Moment eher so ein: Hundetraining ist ein hochkomplexer Beruf, mit dem auch noch ein nicht unerhebliches Maß an Verantwortung einher geht. In den meisten Fällen geht es nicht um Püppchen oder das Zusammenschrauben von Kugelschreibern. Es geht um ein Tier, das – rein hypothetisch – über ein gewaltiges Gefährdungspotential am Menschen verfügt… umso verwunderlicher ist es für mich, dass praktisch alle Berufe, die derart direkt mit der Gesundheit des Menschen verknüpft sind, reglementierte und lange Ausbildungen bedürfen, wohingegen das für Hundetrainer nicht zutrifft. Jeder kann sich Hundetrainer nennen. Das ist nicht verboten. Es geht aber ein enormes Wissen über Hunde UND Menschen dazu, verschiedene Problematiken erkennen zu können und eine Trainingsmethode entwickeln zu können, die für Hund und Halter funktionieren. Da können nicht immer nur die eigenen Erfahrungen mit den eigenen Hunden herhalten. Da bringt es nichts, wenn man der Überzeugung ist, das Gegenüber müsse einfach mal konsequenter sein. Nicht jede Methode ist für jeden Halter und für jeden Hund umsetzbar – und beide zusammen ergeben einen Komplex, der auch nicht außer Acht gelassen werden kann. Hundetraining ist eine faszinierende und vielseitige, aber sicher nicht einfache Aufgabe.

Und nein, um Himmels Willen, natürlich möchte ich damit nicht all den existierenden Hundetrainern ihre Fachkenntnis oder ihr Können aberkennen. Wer wäre ich? Möglicherweise richtet sich dieser Artikel eher an die Hundehalter, die auf der Suche nach einem Hundetrainer sind: Macht euch bewusst, was ihr von einem Hundetrainer erwartet und was ein Hundetrainer können sollte, um euch helfen zu können. Wie oft würdet ihr in eine Autowerkstatt gehen, deren Mechaniker es nicht hinbekommen hat, nach dem Reifenwechsel die Radmuttern anzuziehen, weswegen ihr neulich auf der Autobahn plötzlich von eurem rechten Vorderrad überholt wurdet? Wie oft würdet ihr zu einem Allgemeinarzt gehen, der euch sagt: „Aja, Sie sind halt fett – da kann ich nicht helfen, schmeissen Sie doch mal einfach die Schokolade weg und gehen stattdessen joggen, hähähä!“? Egal, ob ihr euch für komplett tick- und traumatafrei haltet oder ob ihr den Trainer eigentlich nur benötigt, weil das Apportieren nicht klappen will. Der Trainer muss mit euch kommunizieren, nachdem er den Hund gesehen hat – ihr wollt das Problem oder die Aufgabe meistern. Nicht der Trainer. Denn es ist euer Hund.

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Kommentare
  1. dberensmann sagt:

    Absolute Klasse dieser Artikel!!

  2. weinhandl waltraud sagt:

    habe auch hier in verschiedenen foren – auch listenhunde -Trainer erlebt,die alle Hundehalter für trottel halten und behaupten ein sog. listenhund kann NIE ein familienhund sein.solchen Trainern gehört sofort die Lizenz entzogen.mein amstaff war mit 11 Monaten 2x im Tierheim,weil er gebissen hatte,keiner fragte wieso,ist halt ein amstaff.gestern waren bei mir 3 fremde leute,weil wir garten und haus umgeräumt haben,der Hund war immer dabei.der ersatzpostbote ist irrtümlich in den garten,der Hund hat ihn beschnüffelt nachdem er ruhig stehen blieb,erledigt,lt.trainer hätte er nie eine Chance gehabt.

    • Nora sagt:

      Es ist sicherlich immer gut – und vor allem bei Rassen die vorbelastet sind – bei der Auswahl des Hundetrainers besonders sorgfältig zu sein. 🙂

  3. wanatu.de sagt:

    Aus der Seele gesprochen! Heute testen wir Menschen einen weiteren Hundetrainer 🙂

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