Das Über-Ich, das Über-Ich…

Veröffentlicht: 8. Oktober 2013 in Alltag
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… das ist ein arger Wüterich. (Lebensweisheit)

Wenn man das Internet auch nutzt, um sich mit dem Thema „Hund“ auseinanderzusetzen, kommt man nicht umhin, wesentlich mehr Meinungen und Tatsachen aufzunehmen, als man das im Alltag würde – vermute ich zumindest… wenn ich von meinem Alltag ausgehe. Grundsätzlich ist daran sicher nichts Verwerfliches, aber gestern ist mir etwas passiert, dass mir mal wieder zu denken gegeben hat. Vielleicht sollte ich weniger Dinge über Hunde im Netz lesen – oder noch besser lernen, mit ihnen umzugehen. 🙂

Vier Sätze, eine schlichte und rundum gut gemeinte Aussage:

Ich hatte gestern ein sehr schönes Erlebnis: eine alte Dame stand am Feldweg mit ihrem Jack-Russel-Terrier und lächelte seelig vor sich hin. Der Grund: ihr Hund suchte Mäuse, sah zwischen drin lachend auf und strahlte seinen Mensch an. Wunderschön! So einfach kann Spaß mit Hund und Halter sein!

Während ich die vier Sätze las, schlug mein bekanntermassen recht hysterisches Über-Ich in allen Tonlagen Alarm. Der Dialog lief ungefähr folgendermassen ab – die Beteiligten an dem Gespräch waren meine Augen, meine linke, rationale und meine rechte, emotionale Hirnhälfte und dieses dämliche Über-Ich.

Augen: „Sende zur Verarbeitung: ‚Ich hatte gestern ein sehr schönes Erlebnis:…‚“
Hirnhälfte (rechts): „Och guck – das ja nett… Jetzt bin ich mal gespannt…“
Über-Ich: „Mh… Naja. Ich erwarte Furchtbares…“
Hirnhälfte (links): „Verarbeitung beginnt – Danke.“
Augen: „Sende zur weiteren Verarbeitung: ‚… eine alte Dame stand am Feldweg mit ihrem Jack-Russel-Terrier….‚“
Hirnhälfte (rechts): „Och jööö… die erinnert mich an die alte Dame, die wir mal auf dem Feld getroffen haben, die so verliebt in Anti war und die sich nicht mehr traute, einen Hund zu halten und die so traurig deswegen war…“
Hirnhälfte (links): „Alte Dame. Check. Feldweg. Check. Jack-Russel-Terrier. Check.“

Über-Ich: „Öhhhm! Öhm?! Hab‘ ich es doch gewusst! Furchtbar! Hallo? Entschuldigung bitte, wenn ich hier mal kurz eingreife, aber… wieso hat eine alte Dame einen Jack Russel? Das geht doch nicht  – das haben wir doch gerade am Wochenende im Seminar wieder praktisch permanent unter die Nase gerieben bekommen! Jack Russel sind voll die Bestien und jagen und sind Arbeitstiere. Ich meine… sorry, aber… die Dame ist alt! Alt! Der Hund wird bestimmt nicht richtig ausgelastet… wie auch? Und jagdlich gearbeitet wird der sicher auch nicht. Und wir wissen ja, dass die gearbeitet werden müssen. Und…“

Hirnhälfte (rechts): „Äh ja, halt die Klappe.“
Hirnhälfte (links) räuspert sich: „Danke für den Einwand, Über-Ich. Ist ins Protokoll aufgenommen. Augen?“
Augen: „Sende zur weiteren Verarbeitung: ‚…  und lächelte seelig vor sich hin.‚“
Hirnhälfte (rechts): „Jööö. Die geniesst das voll. So toll! Hach, das freut mich. Seelig Lächeln ist was Tolles. Mach‘ ich auch immer!“
Hirnhälfte (links): „Ja, wissen wir. Lächeln. Check.“

Über-Ich: „Siggst? Die ist bestimmt schon ein wenig… Na, ihr wisst schon… Ne? Alt halt! Ts. Und dann so einen Hund. Ist bestimmt ein Tutnixler. Höhö. Ein Willnurspielen. Muss ich hier jetzt wieder davon anfangen, wie schwierig solche unerzogenen Hunde in Hundebegegnungen sind, wie die rechtliche Lage da aussieht und dann noch die Sache mit dem Beissen? Boah, die nervt mich jetzt schon!“

Die Augen rollen und geben weiter: „Sende zur weiteren Verarbeitung: ‚Der Grund: ihr Hund suchte Mäuse, sah zwischen drin lachend auf und strahlte seinen Mensch an.‚“
Hirnhälfte (rechts): „Hahahaaaa… das macht Anti auch immer! Also wenn er buddelt. Dann freuen wir uns auch immer voll… und wisst ihr noch die Dina? Die hat das auch immer gemacht! Haben wir da nicht sogar ein paar gute Fotos von? Erinnerung? Weisst du mehr? Naja, egal jetzt. Einfach grandios, wenn ein Hund so einen Spass hat. Ich würde mich da auch freuen… wie bolle!“ und kichert, während es sich mit der Erinnerung verknüpft und  schwelgt.
Hirnhälfte (links): „Check. Hier lautet der Befehl: ‚Wo is das Mäuskes?‘. Ixy ist zu blöd dafür. Übrigens rechte Hirnhälfte: Dina hat nicht gelacht oder gestrahlt – sie hatte einfach immer irre viel Erde zwischen den Zähnen hängen und bekam das Maul nicht mehr zu. Sah aber ähnlich aus – das gebe ich zu. Ich weise darüber hinaus darauf hin, dass Lächeln bei Hunden ein erlerntes Verhalten ist und – meines Wissens nach – kein tatsächlicher Ausdruck von Emotion in diesem Bezug ist.“

Über-Ich: „OMG! Ich meine… WTF! WeeeTeeeeEfff! Wie seid ihr denn drauf? Aaach du Sch… eibenkleister. Also bitte! Wir erinnern uns jetzt mal: Wir haben gelesen, dass Hunde nicht nach Mäusen buddeln sollen. Einerseits, weil das zu einem Suchtverhalten werden kann und andererseits, weil das Löcher in den Boden macht und da können dann andere Hunde oder sogar Kinder – ich meine: Kinder! – stolpern! Und überhaupt ist das ein Jagdhund – den lässt man doch nicht unkontrolliert jagen! Und schon gar nicht so. Der ist ja prädestiniert, im nächsten Bau zu verschwinden oder Rehe oder Katzen zu hetzen und wenn der im Garten mal anfängt, nach Mäusen zu suchen, weil er ein Suchti geworden ist und dann sieht der Vermieter den zerstörten Garten und dann gibt’s Ärger. Oder wenn das Kind sich das Bein gebrochen hat, weil es in das Buddelloch gefallen ist! Und was heisst hier überhaupt Lächeln?! Der zeigt die Zähne bis zum Zäpfchen! Das ist doch keine Freude! Das ist STRESS! S T R E S S ! Der arme Hund hat bestimmt den ganzen Tag nichts zu tun bei der alten Dame und dann ist der Suchti geworden und nu hat der die ganze Zeit Stress. Und wir wissen ja wie ungesund Stress für Hunde ist. Die Hormone! Die bleiben eeewig im Blutkreislauf! Wie hiessen die noch? Corti… Corti…“

Hirnhälfte (links): „Cortisol, Über-Ich.“

Über-Ich: „Ah, ja, genau. Danke. Also bitte! Der arme Jack Russel ist voll mit Cortisol und total im Stress und macht Stolperfallen – die üüübrigens auch die Bauern nicht toll finden werden! Jawoll. Haben wir mal in einem Forum gelesen! Wisst ihr das nicht mehr? Bekommt ihr eigentlich irgendwas mit? Und dann wollen wir doch mal auf die Beobachterin da eingehen, ja? Also… Der Hund ‚lächelt‘? Haha! Das ist sooo voll die Vermenschlichung, ey! Die hat bestimmt auch nen Tutnixler! Und Vermenschlichungen sind krass gefährlich, weil wir wissen ja, dass man so Hunde immer falsch einschätzt und dann kann das für die Umwelt super krass in die Hose gehen. Jahaaa!“

Hirnhälfte (rechts): „Meine Güte… bist du jetzt fertig? Ich würde irgendwann gerne noch den Rest vom Text mitbekommen. Danke. Blöde Kuh.“
Über-Ich: „Du kannst mich nicht einfach ‚Blöde Kuh‘ nennen! Das ist unfair! Wenn ich nicht hier wäre, wäre das hier voll die Blumenkind-Veranstaltung mit Kindergarten, weil du überhaupt nicht in der Lage bist, sauber zu denken!“
Hirnhälfte (rechts): „HaltdieKlappeBlödekuh!“
Hirnhälfte (links): „Es reicht. Wir können später weiterdiskutieren – die Augen warten. Augen? Bitte…“
Augen: „Äh? Ah… ja. Moment. Also: Sende zur weiteren Verarbeitung: ‚Wunderschön! So einfach kann Spaß mit Hund und Halter sein!‚ Ende der Übertragung. Wir machen mal Pause. Bis später.“

Hirnhälfte (rechts): „Ach… Das ist eine schöne kleine Geschichte! Ist es nicht toll, wenn man seinen Hund einfach nur geniessen kann? Wenn man seinen Hund einfach Hund sein lassen kann? Ich bin so froh, dass wir da hinten am Feld diesen riesigen Erdhaufen haben – können wir Anti da nachher bitte wieder buddeln lassen und dann zuschauen, wie er das geniesst und glücklich ist? Sonst zickt ihr ja immer rum wegen der Löcher, aber wir haben uns ja darauf geeinigt, dass der Erdhaufen da bebuddelt werden kann, wenn nicht zu viel Erde auf die Wiese nebenan fliegt. Ich werfe dann auch wieder Ixy Erdklümpchen – dann hat sie auch Freude und geht nicht Anti die Buddellöcher klauen. Versprochen!“
Hirnhälfte (links): „Spass mit Hund und Halter. Check. Wollen wir auf diese Worte antworten?“

Über-Ich: „Ja, suuuper! Da auf dem Erdhaufen liegt immer irgendwelche Kacke und wir wissen nicht, von welchen Tieren die ist. Da könnten sich Anti und Ixy Würmer und sicher noch vieeel Schlimmeres holen! Aber auf mich hört ja keiner!“
Hirnhälfte (rechts): „Stimmt – und das ist so, weil wir festgestellt haben, dass Anti und Ixy diesen Häufchen ausweichen. In der Abstimmung hast du 1:3 verloren.“

Über-Ich: „Ja und was ist, wenn Anti jetzt wie dieser arme, unterbeschäftigte Jack Russel ein Junkie wird? Dann haben wir nämlich den Salat mit dem Cortizeugs. Jawoll! Also ICH habe euch gewarnt – nur damit das mal im Protokoll steht. Wenn wir da antworten, dann weisen wir bitte darauf hin, dass alte Leute keine Hunde mehr haben sollten – und schon gar keine Terrier. Und auf das mit dem Jagen. Und auf die Löcher. Und die Sache mit der Vermenschlichung!“

Hirnhälfte (links): „So ein Quatsch! Wegen Typen wie dir ist die Hundehaltung so scheiss unentspannt geworden, ey! Das macht mich SO wütend! Man kann doch nicht in jedem Furz ein Omen sehen. WIR werden auch noch einen Hund halten, wenn wir 80 sind! Damit das mal klar ist, ja?! Du hast hier NIX zu melden – ich weiss sowieso nicht, warum du hier stimmberechtigt bist. Du laberst nämlich immer nur Müll. So sieht’s aus! Weisste was? Besuch doch mal einen Kurs über Medienkompetenz! Die rechte Hirnhälfte kann dir da sicher weiterhelfen… Man kann doch nicht alles im Netz für bare Münze nehmen und aus ein paar Worten sofort ein riesiges Drama machen, verdammt nochmal. Weisst du was über die Beobachterin? Nein! Weisst du was über die alte Dame? Nein. Oder über den Jack Russel? Auch nicht! Meine Güte… freu dich doch einfach mal über eine kleine Geschichte, die von einem glücklichen Hund und seiner Besitzerin erzählt.“

Hirnhälfte (rechts): „Höhö… man merkt ja schon, dass die linke Hirnhälfte irgendwie mit mir verwandt ist, ne? Höhöhö. Ich gebe ihr recht, Überich. Wir wissen nichts über die Hintergründe, wir haben die Szene nicht miterlebt – in einem solchen Fall sollte man nicht zu viel in die wenigen Sätze interpretieren. Ich formuliere jetzt eine Antwort. Danke euch beiden für eure Teilnahme an der Weiterverarbeitung.“

Über-Ich: „Wenn die Welt von Typen wie euch regiert würde, würden wir im CHAOS LEBEN! Ohne meine mahnende Stimme herrschte Anarchie in der Hundehaltung. Da bin ich mir sicher! Ich werde mich von euch sicher nicht zum Schweigen bringen lassen – einer muss ja die Wahrheit auf den Tisch bringen. Rettet die Gesellschaft! Rettet die Harmonie! Und die Moral!“

Hirnhälfte (rechts): „Danke… für deinen… Einwurf, Über-Ich. Ich nehme für die nächste Sitzung in das Protokoll den Punkt ‚Benötigt unser Über-Ich doch Medikamente und sollten wir noch mal über die Sache mit dem Therapeuten nachdenken?‘ auf. Nichts für ungut, Über-Ich. Unsere Antwort lautet demzufolge:“

Hier wäre man angepöbelt worden, weil man den Hund Löcher buddeln lässt. (Und das wäre nur einer von einem ganzen Chor an Unkenrufen, die in meinem Kopf gerade ein Konzert beginnen.) ^^

Über-Ich: „Ich gebe zu Protokoll, dass ich – mal wieder! – mit der Relativierung meiner Argumente überaus unglücklich bin. Ich verzichte aber auf eine Abstimmung, weil ich eh schon weiss, wie das ausgeht. Danke auch!“

Hirnhälfte (links): „Hihiii… ja, schön geantwortet – wollen wir nicht noch schreiben, wie nett wir die Geschichte, die alte Dame und den glücklichen Hund finden und dass Anti…“

Über-Ich: „NEIN!“

Hirnhälfte (rechts): „Ich bekomme gerade gemeldet, dass wir auf Toilette müssen. Ich schicke das jetzt so ab, sonst beschweren sich die Nieren und die Blase wieder… und ich bin dankbar, dass das eigentlich zwei ganz umgängliche Zeitgenossen sind.“

Über-Ich: „Das war ein gemeiner Seitenhieb! Ich protestiere!“

Hirnhälfte (links): „Oooooh, schaut mal! Da hat jemand aber ein wirklich süsses Foto von einem superhübschen Hund gepostet! Oooch, ist der nieeeedlich! Können wir da Herzchen drunter malen, bitte?! ❤ ❤ <3“

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Kommentare
  1. Verena sagt:

    YEAH !

  2. Daisy sagt:

    Dieser Artikel ist richtig Klasse – 🙂

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