Schilder

Veröffentlicht: 25. September 2013 in Allgemein
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Einst fühlte ich mich angegriffen, weil meine direkten – und in meinen Augen etwas schwierigen – Nachbarn auf ein kleines Stück Wiese, die direkt an und unabgegrenzt entlang des Weges verläuft, hinter ihrer Scheune Schilder aufstellten:

Dies ist kein Hundeklo!

Jaja, okay. Schon verstanden. Die Welt stirbt, wenn ein Welpe da mal eine Pfütze macht. Ich habe mich aufgeregt, aber das natürlich akzeptiert, auch wenn ich fand, dass sie ihr verdammtes Grundstück halt einzäunen sollen, wenn sie da so ein Geschiss drum machen.

Dann kam der Tag, an dem ich mich auf die einzige Bank am Waldrand setzen wollte, die sich hier findet. Das mache ich öfter. Einfach mal fünf Minuten hinsetzen und die Hunde Hunde sein lassen. Die Hunde waren schon vor gelaufen und während ich sie so beobachte, merke ich, dass sie fressen.
Ich mag es nicht, wenn meine Hunde Zeug fressen, das nicht von mir kommt. Nicht dass ich per se paranoid wäre – aber ich vermute doch immer erstmal etwas Fieses, wenn irgendwo einfach so Fressbares verstreut wird.

Und weil ich die kommenden Stunden Blut und Wasser geschwitzt habe und nach Vergiftungssymptomen bei Anti und Ixy Ausschau gehalten habe, habe ich noch am Abend ein Schild an diese Bank gemacht. So aus der Wut heraus. Und weil man, wenn man seine Hunde zu intensiv beobachtet, immer eine ganze Reihe von absonderlichen Verhaltensweisen beobachtet, die man sonst nie sieht. Keine Ahnung, warum das so ist, aber es ist so und es reibt einen auf.

Ich liess es ein paar Tage hängen, das Schild – man weiss ja nie, wann der dämliche Leckerli-Streuer wieder vorbei schaut. Ungünstigerweise passierte es genau in dieser Zeit, dass Anti und Ixy von einem Biber angegriffen wurden*. Was wiederum zur Folge hatte, dass ich telefonischen Kontakt zu einigen Behörden aufnahm, denn der Biber sass sehr dorfnah in einem Abwasserrohr und war dabei, sich dort häuslich einzurichten. Prinzipiell ist das natürlich begrüssenswert, aber wenn man schon mal von einem Biber angegriffen wurde (weil man so dämlich ist und unbedingt gucken will, was da in dem Rohr so lustige Geräusche macht), dann möchte man mitteilen, dass ein Kind, das dort möglicherweise spielen geht, nicht so gut wegkommt. Seitdem weiss ich auch, dass die Schweiz eine eigene, offizielle Biberstelle hat. Wer weiss, wofür es noch mal gut ist – der Herr dort war zumindest ein sehr netter.

Der Bibervorfall lockte – und ich weiss nicht wie, weil ich sicher keine Lokalpresse angerufen habe – einen örtlichen Journalisten auf die Felder vor dem hiesigen Dorf, der mein Schild fand und blitzgescheit kombinierte. Plötzlich wurde aus meinem Schild ein Selbstläufer, der mich verwundert hat und mich dazu brachte, in der kommenden Zeit überall verlauten zu lassen, dass mein Schild (Jaja, das hab‘ ich da hin gemacht.) rein gar nichts mit den Bibern zu tun hatte (Ja, doch, das waren auch meine Hunde, die angegriffen wurden.) und dass ich wirklich, ehrlich niemals geglaubt habe, dass der Bauer, dem die Felder an der Bank gehören (Ja, ich weiss natürlich, dass der Meier ein ganz ein Netter ist!), niemals Biber vergiften wollen würde. Wie es der Artikel schlussfolgerte, denn warum sonst sollte jemand an einer Bank an einem Spazierweg Hundeleckerli streuen, ausser um Biber zu vergiften? Es ist ein nicht unwesentlicher Haufen Arbeit, in einem Dorf die allgemeine Ansicht, dass man Bauern des Biber-Vergiftens bezichtigen würde, wieder gerade zu biegen.

Mit einem ähnlichen Bild erlangte die einzige Bank dieser Umgebung hier für einige Tage Berühmtheit in der regionalen Tageszeitung, Sonderausgabe in bunt – an einem Sonntag, wenn sie auch wirklich jeder liest:

Ich lebte mit diesem etwas peinlichen Vorfall und irgendwann hatte ich ihn auch wieder vergessen. Der Grund, warum ich jetzt kurz davon erzähle, ist, dass ich in letzter Zeit wieder viel über Schilder-Kommunikation nachdenke. Das Problem ist nämlich oft ein ähnliches: Man weiss, dass es (wasauchimmer!) ziemlich sicher jemand aus der Region war, aber man weiss nicht wer. Man weiss, dass derjenige das Schild ziemlich sicher lesen wird und muss nicht anfangen, vollkommen wahnsinnig jede Bewegung auf den Feldern und in der allgemeinen Umgebung zu beobachten oder hintenrum das halbe Dorf zu befragen. Das machen hier schon genug von den Alten und Vergrämten, die dann beispielsweise auch Müttern vorwerfen, sie bräuchten sich ja nicht zu wundern, wenn ihre Kinder immer zu spät zur Schule kämen – man würde ja sehen, wann Muttern morgens aufsteht (denn erst dann geht das Licht in der Küche an) und das wäre eben verantwortungslos zu spät. Ich treffe solche Mütter dann mit glühenden Wangen und tränengeröteten Augen auf den Feldern bei wütenden Spaziergängen. Oder der halben Nachbarschaft erzählen, dass es doch unglaublich verantwortungslos ist, den Grill nach der Saison – also Mitte September – noch vor dem Haus stehen zu haben. Der gehört weggeräumt… wer das nicht macht ist ein schlechter Mensch. Auf keinen Fall ist derjenige ein schlechter Mensch, der zu feige ist, dass der betroffenen Person selbst zu sagen (auch wenn sie zwei grosse Schäferhunde hat).
Manchmal finde ich auch ganz ohne das Aufhängen von Schildern heraus, warum plötzlich mitten im Winter anderthalb Kilo salziger Speck in groben Scheiben geschnitten in die Botanik geworfen werden. Wenn ich dann nämlich panisch zuschaue, wie meine vollgestopften Hunde unglaubliche Mengen Wasser saufen und der Bauer Meier (ja, der von oben mit den Bibern) mit seinen glitzernden Knopfäugelchen und der wettergegerbten Haut vorbeikommt und lachend ruft: „Aaach, der Speck war vor ’nem Jahr abgelaufen und den sollten eigentlich die Füchse bekommen. HahahaHAHAha!“ Haha. Hrm. Immerhin war der Speck nicht vergiftet – nicht im engeren Sinne zumindest. Und vermutlich war es sogar besser, dass ihn Anti und Ixy gefressen haben und nicht die armen Füchse, die schon genug mit der langen und recht extremen Kälteperiode zu tun haben.

In letzter Zeit habe ich also wieder viele Schilder-Phantasien. Zum Beispiel für die drei Schuljungs, die hier vorbei laufen, aber sich nicht erwischen lassen… und meinen Rosenstrauch offensichtlich für einen Mülleimer halten. Ich weiss jetzt auch, dass sie immer kleine Päckchen Süssigkeiten mit in die Schule nehmen. Das Schild würde lauten:

Ich bin ein Rosenstrauch. Ich bin KEIN Mülleimer. Know the Difference!

Vielleicht würde es helfen und ich müsste meine Hunde und ihre Leinen nicht immer wieder aus dem dorningen Rosenstrauch popeln.

Dann würde ich gerne ein Schild hier direkt am Anfang der Felder aufstellen. Die meisten Hunde lösen sich am Beginn oder Ende ihres Spazierganges, wie es scheint. Und – jetzt nagelt mich nicht darauf fest – das weiss man, wenn man seinen Hund ein wenig kennt. Ich mache es deswegen meist so, dass ich die Haufen, wenn sie denn gleich zu Anfang bereitgestellt werden, in ihren Kackbeutel packe, den zuknote, an den Wegrand lege und dann meine Strecke mit den Hunden so wähle, dass ich an diesem Weg wieder vorbei komme, bevor wir nach Hause laufen. In meiner Naivität habe ich mich anfangs immer gewundert, woher wohl all diese Hundescheisse kommt, wo ich doch immer alle die ihrer Hunde einsammeln sehe. Bis mir eines Tages der Superrentner auffiel, der hier eine inoffizielle Hundepension beschissen führt: Der drehte sich immer erstmal um seine eigene Achse, bevor er Haufen aufhob. Nicht alle sind so merkbefreit, verstand ich da… aber der eine oder andere hebt offensichtlich nur dann auf, wenn er sieht, dass er gesehen wird. Nicht dumm – Bauernschläue halt irgendwie. Ich hingegen leiste mir den Luxus Masochismus und hebe auch Fremdhaufen auf. Warum? In meiner romantischen Vorstellung sollten es alle so machen… man kann immer mal etwas verpassen und wenn alle einen Haufen mehr aufheben würden, als ihre Hunde machen, dann wäre die Welt ein wenig Scheisse-freier und die Bauern wären weniger schlecht auf die örtlichen Hundehalter zu sprechen. Tja. Und manchmal… möchte ich an das Schild am Anfang der Felder gerne schreiben:

Heute habe ich – wie jeden Tag mehrmals – Hundehaufen aufgesammelt.
Kacke eigener Hunde: 2
Kacke fremder Hunde: 6

Strengt euch mehr an, ihr stinkfaulen Ratten!

Bringen würde es vermutlich nichts. Aber manchmal würde ich der hiesigen Gemeinschaft doch gerne mitteilen, dass sie sich nur halb so ordentlich benehmen, wie sie das gerne vorgeben. Und dass das schlicht falsch ist. Entweder man ist ein Arsch oder man ist es nicht – man hat die Wahl. So zu tun, als wäre man kein Arsch, aber einer zu sein, ist dumme Energieverschwendung.

Meine Schilder-Phantasie wird fast täglich von irgendwelchen Ereignissen genährt, aber aus oben genannten Gründen halte ich mich lieber zurück. Die Journalisten hier sind mir einfach zu motiviert. Und es ist und bleibt ein kleines Dorf. Schon bei dem Leckerli-Schild kam einige Tage später ein Nachbar und sagte: „Ne? Das Schild hast du geschrieben? Wer sonst würde hier schon hochdeutsch schreiben und da Kommas rein tun? Hehe.“ Ich lasse es lieber und beschränke mich auf Phantasien. Die helfen mir zwar nicht wirklich weiter, aber sie schaden auch nicht.

Eine tiefere Botschaft hat dieser Artikel nicht – ich habe nichts gegen Schilder und bin auch nicht für sie. Es sind einfach Schilder. Es ist mein Grill und es ist mir egal, wann wer aufsteht, um seine Kinder auf die Schule vorzubereiten. Es ist mir wurscht, wenn jemand mich vom Küchenfenster aus beobachtet und es interessiert mich nicht, wer seinen Hunden welche Leckerli füttert. Allein sollte man bedenken, was für eine Wirkung das eigene Handeln haben kann. Vielleicht ist das eine Botschaft. Seid ehrlich, seid anständig – kehrt vor eurer eigenen Haustür und bewerft andere nicht mit Hundekacke Dreck.

* Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

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