Spaziergang mit einem Juristen 6

Veröffentlicht: 23. April 2013 in Antikram, Gehorche!
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Ich schaue Anti in die Augen… die Iris seiner Augen hat überraschend viele Farben. Aussen sind sie rostrot, der Ring weiter in der Mitte ist ein dunkles Gelb, ein Sonnengelb, dass man eigentlich nur sieht, wenn seine Pupillen ganz verengt sind, und der Ring direkt um die Pupille ist dunkelbraun. Und dann sehe ich es – ich sehe, wie gross seine Pupillen sind, ich sehe keine Sonne mehr, seine Augen glänzen dunkel. Und dann fällt mir überhaupt erst auf, dass er trotz der Kälte hechelt, nicht stark… aber er hechelt. Überhaupt rührt er sich nicht, während ich ihn betrachte, er schaut mich einfach an. Es sieht aus, als erwarte er gar nichts mehr, er wirkt nicht so ungeduldig, wie er wirken kann, wenn er zum Beispiel Hunger hat und ich mit seiner Schüssel hantiere. Er sieht auch nicht trotzig aus, wie er es tut, wenn ich ihm verbiete, auf der Couch zu schlafen, weil er total verdreckt oder triefend nass ist. Er ist auch nicht entspannt… Anti, der Jurist, ist angestrengt, er ist total verwirrt und es kostet ihn sichtlich Mühe, sich zusammen zu reissen.

Und plötzlich wird mir bewusst, was ich da gerade für einen totalen Blödsinn baue… und es tut mir unendlich leid.

Ich habe mich in diesem Moment hingekniet, habe Anti zu mir gerufen, habe ihn mit Leckerchen vollgestopft, habe Ixy geknuddelt, die sich mir leicht jappsend an den Hals geworfen hat und habe mich entschuldigt. Für mich. Es war mir egal, ob die Hunde das verstehen – es ging um die Botschaft. Ich habe Anti durchgerubbelt, habe ihm drei Erdklumpen geworfen und habe die beiden dann einfach losgeschickt. Zwei unglaublich gelöste Hunde trabten von dannen… vielleicht 50, vielleicht 100 m weg – schnuppernd, markierend, horchend… Ich habe sie auf diesem Spaziergang nicht mehr belangt, ausser einer kam freiwillig zu mir oder eben an einer Kreuzung, die nicht einsehbar ist, oder an dem Elektrozaun, von dem ich weiss, dass er sehr schmerzhaft für die Hunde ist, wenn er angeschaltet ist… oder eben kurz bevor wir wieder ins Dorf kommen, um zum Haus zu gelangen.

Inzwischen ist es eine Weile her, seit ich diesen Spaziergang mit dem Juristen unternahm, und ich habe mich immer wieder gefragt, wieso diese ganze Situation so eskaliert ist. Im Grunde komme ich mit meinen Hunden super klar: Sie jagen (fast) nicht und wenn doch, kann ich sie gut genug abrufen, wenn wir spazieren gehen, hat Anti einen grossen Radius, aber er ist inzwischen praktisch immer abrufbar – und selbst wenn er nicht abgerufen werden kann, so bewegt er sich doch auch nicht weiter von der Stelle. Anti läuft auf Befehl neben mir, wenn wir an eine Kreuzung oder eine Strasse kommen… und ja, er wechselt oft Seiten, bleibt hier und dort stehen… aber meine Güte… er ist ein intakter, junger, selbstherrlicher Rüde, der sich in seinem Revier bewegt – ich bin froh, dass er seine Umwelt so wahrnimmt und mit ihr umgeht. Anti muss nicht mehr jeden Hund besuchen gehen, den er am Horizont zu sehen meint und Anti hat auch ein ganz, ganz schlechtes Gewissen, wenn er Katzenscheisse frisst.

Was wollte ich eigentlich mit dem Experiment erreichen? Was wollte ich von diesem Hund, dem ich seit geraumer Zeit zeige, dass wir uns in einem grünen, entspannten Bereich befinden, dass ich alles in Ordnung finde und der sich seines Daseins erfreut?

Was hat mich dazu bewegt, urplötzlich meinen Umgang mit den Hunden ändern zu wollen? Vor allem mit Anti, dem Juristen? Vor einigen Tagen habe ich dann in einem anderen Blog einen Artikel gelesen – und ein Satz sprang mir förmlich entgegen:

Fragwürdig wird es für mich dann, wenn es beim Training gar nicht mehr um ein Trainingsziel oder die wirklichen Bedürfnisse des Tieres geht sondern die dahinterstehende „Philosophie“ derart in den Vordergrund rückt, daß sie alles andere umspannt. Wenn die Philosophie zur Bürde für das Tier wird und wir ihm unsere emotionalen und ideologischen Werte derart überstülpen, daß der eigentliche Gedanke, dem Tier etwas Gutes zu tun ad absurdum geführt wird.

Der Satz ist vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen – in dem Artikel geht es um Intermediäre Brücken, also um ein Hilfsmittel, das genutzt wird, um ein Verhalten über einen längeren Zeitraum auszudehnen und die Signale dafür. Aber diese Bürde trägt nicht nur der Hund – auch sein Besitzer trägt sie.

Letztendlich habe ich mich – mal wieder – von der unendlichen Weisheit anderer verarschen und derart verunsichern lassen, dass ich plötzlich den fixen Gedanken hatte, die Art, wie ich meine Hunde halte, wäre falsch. ‚Der Hund soll sich im Radius des Halters bewegen‘, ‚Der Hund ist gegenüber seinem Besitzer immer aufmerksam‘ und ‚Der Hund erkennt Konsequenz und wird dankbar dafür sein‘. Bullshit. Alles Bullshit. ‚Der Mensch soll …‘ – setzt ein, was ihr wollt… es funktioniert niemals! Der Hund ist kein Mensch? Ja… korrekt. Und? Will hier jetzt irgendwer behaupten, alle Hunde wären gleich? Gleich in ihren Ansprüchen, in ihrer charakterlichen Konstitution oder in ihrem Verhältnis zum Menschen?

Ich muss immer wieder feststellen, dass auch ich – egal, wie sehr und wie oft ich Dinge kritisch hinterfrage – immer wieder schnell verunsichert bin. Verunsichert durch allgemeine Aussagen, die in ihrer Allgemeinheit schädlich wirken. ‚Wer seinen Hund mit Leckerchen trainiert, hat keinen gehorchenden Hund, sondern einen fressenden Hund.‘ *verunsichert* ‚Wer seinem Hund Sprüche ans Geschirr bappt, ist doof.‘ *verunsichert* ‚Oh, bist du dir sicher, dass du ein Stöckchen werfen willst?‘ *verunsichert* Der Hund muss dieser, der Hund soll jenes… auf keinen Fall darf der Hund dies oder das. Der Hund. ‚Ah, also ICH würde einen Befehl NIE wiederholen…‘ *verunsichert* ‚Mh, der zieht aber schon an der Leine, wa?‘ *verunsichert* ‚Trockenfutter tötet Hunde!‘ *verunsichert*

Hin und wieder passiert mir das – dann verunsichern mich diese allgemeinen Aussagen derart, dass ich das Gefühl habe, hier läuft alles falsch. Und es braucht eine überraschend lange Zeit, bis mir wieder in den Sinn kommt, was wichtig ist: Dass ich an den Baustellen arbeite, die tatsächlich vorhanden sind – und dass ich dabei niemals vergesse, wer wir sind: Anti-Mensch und Antixy. Die sind wir – die und keine anderen… weder sind wir Der Mensch noch sind wir Der Hund. Wenn ich also überlege, welche Methode in welchem Fall für alle Beteiligten (!) die sinnvollste ist, dann muss ich dabei immer bedenken, wer wir sind. Wie unser Leben abläuft, wie unser Zusammenleben abläuft, wie Anti ist, wie Ixy ist und wie ich bin. Und vor allem muss ich nicht aus etwas eine Baustelle machen, das hier für uns in diesem Leben keine ist.
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Und dann noch etwas… zur Konsequenz. Konsequenz ist eine tolle Sache. Ich bin sehr konsequent in Dingen, die mir wichtig sind – das liegt praktisch in der Natur der Dinge: Beim Autofahren will ich keinen Ton hören – ausser es ist ein wirklicher, echter Notfall. Keiner rührt sein Futter an, bevor ich es sage. Ich werde zur Begrüssung nicht angesprungen. Leckerchen werden vorsichtig aus der Hand genommen. Aber Sachen, die mir am Arsch vorbei gehen, kann ich nicht überzeugend konsequent verbieten – oder bestärken: Rumgebelle vor dem Spaziergang ist mir egal, gemässigtes an der Leine ziehen ist mir egal, Stöckchenspiele sind mir egal. Wem das nicht gefällt, hat nicht genügend eigene Probleme – ich muss in dieses Zusammenleben nicht noch mehr Konflikte packen, als da sind… und habe es – wie man hier sieht – trotzdem schon getan.

Hoffentlich lerne ich nie aus…

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Kommentare
  1. frdrseltsam sagt:

    Sehr guter Artikel. Und ich wette, dass es jedem Hundehalter mit Verstand ab und an genauso geht. Ich bilde mir auch gelegentlich ein, dass mein Dreibein mit Stöcken und Bällen spielen sollte. Und nicht immer nur mit meiner Hand. Und wieso kann er eigentlich so wenig Kommandos? (Dass die, die er kann, total ausreichen, um im Alltag mit ihm umzugehen, vergisst sich dann auch ganz leicht.) Und eigentlich kann man sowieso eigentlich überhaupt nix richtig machen…

    • Anti-Mensch sagt:

      Ich habe diesen Artikel, den ich ja nun doch schon vor einiger Zeit verfasst habe, nach deinem Kommentar wieder gelesen. Ich habe gelacht und ein klitzekleines Tränchen wegwischen müssen – weil ich mich an diesen Tag wieder erinnern musste und was für ein bemerkenswert seltsames Experiment das war. Im Nachhinein würde ich behaupten: Es war ein voller Erfolg, das Experiment. Nicht dass ich die ursprüngliche Zielsetzung jemals erreicht hätte, aber ich habe irre viel über mich und meine beiden Hunde gelernt – über die Art, wie wir ticken, und wie subtil manche Kommunikationsversuche sind. Und darüber, mit welcher Lebenseinstellung und welchen Prinzipien Anti auf Feldwegen wandelt. Heute würde ich behaupten, dass diese Erkenntnis viel, viel wertvoller war, als der missratene Versuch, konsequent sein zu wollen. 🙂

  2. frdrseltsam sagt:

    Ich habe mir erlaubt dich in meinen Blogroll aufzunehmen und dann mal wieder einen Wau-Wau-Artikel zu verfassen. 😉

  3. gabi b sagt:

    Mich hat vor solchen „Experimenten“ immer mein innerer Schweinehund geschützt, der sich Bequemlichkeit nennt :-); aber gedanklich durchexerziert habe ich auch schon die eine oder andere Variante der via Internet erlesenen Optimierung in der Hundeerziehung. Und wenn ich dann frisch gestählt mit dem neuen Wissen über Hundeerziehung an die frische Luft trat und feststellen musste, dass doch eigentlich alles ganz easy ist, wars auch schon wieder vorbei mit der Lust auf Wunderhunde.

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