Spaziergang mit einem Juristen 5

Veröffentlicht: 21. April 2013 in Antikram, Gehorche!
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An der Wegkreuzung brodelt in mir schon eine Wut. Ich gehe jetzt wieder Richtung Dorf – ich sehe es vor mir und es ist wie das Symbol meines Scheiterns: Wenn ich dort angekommen bin, habe ich verloren und der Jurist hat gewonnen. Mein Ego bäumt sich auf und kreischt: Verdammt nochmal! Mach dich nicht zum Affen – wenn hier einer konsequent ist, dann du! Zeig’s ihm!

Ich rufe den Juristen heran, der freudig zu mir gehoppelt kommt. Doch was nun? Ich muss das doch jetzt irgendwie einleiten… Moment… Wie waren nochmal die Regeln?

Regel 1: Du entfernst dich nicht mehr als 20m von mir.

Regel 2: Ich gehe nicht weiter, wenn du diese Grenze überschreitest.

Regel 3 : Wenn du dennoch weiterläufst, drehe ich um und gehe in die andere Richtung.

Regel 4: Das ist nur ein Experiment – ich handle stets emotionslos, es wird nur positiv bestärkt.

Regel 5: Die Distanz von 20m darf nur überschritten werden, wenn gespielt wird. Nur dann.

Regel 6: Warten auf Distanz ist KEINE Option, du Korinthenkacker!

Ich füge im Geist eine Regel hinzu, deren gedankliche Grundlage ganz offensichtlich mein emotionaler Zustand ist:

Regel 7: Ich habe recht, du hast unrecht – du machst, was ich sage, und wenn nicht, dann mache ich so lange weiter, bis du machst, was ich sage!

Ich schnaufe und lächle den Juristen an… dann säusele ich: „Üben?!“ und füge erklärend hinzu: „Langsam!“, was im Grunde der Befehl ist, die Geschwindigkeit zu reduzieren. Wir haben keinen Befehl für Lauf-20-m-in-meinem-Umkreis und ‚Ran‘ scheint mir gerade nicht das Richtige – ‚Ran‘ ist der Befehl, neben mir zu laufen und der klappt und ist positiv belegt und irgendwo in meinem Inneren ruft eine vernünftige Stimme: „Versau wenigstens nicht ein Kommando, das super funktioniert, während du deine bescheuerten Experimente machst…“

Der Jurist schaut mich skeptisch an… ‚Langsam‘? Aber er sitzt doch vor mir, langsamer geht ja nun wirklich nicht. Als ich ein schiefes und wenig überzeugendes Lächeln aufsetze und „LaufLauf“ flöte, geht er zwar, aber wirft mir diesen einen vielsagenden Blick zu. Als er 20 m überschreitet, bleibe ich stehen… als er weitertrabt, drehe ich um.

In den kommenden Minuten sehe ich einen Teil des Weges immer wieder. Einmal laufe ich vom Dorf weg, dann wieder darauf zu. Noch weniger motivierend ist die Tatsache, dass ich immer auf dem Weg in Richtung Dorf auf die Kirchturmuhr schaue und so sehe, wie lange ich schon hin und her laufe – und jedes Abwenden vom Dorf steigert sich immer mehr zu einem Sinnbild des Verlierens. Der Jurist zieht das komplette Programm durch: Er watschelt zu weit, er setzt sich hin, er schleicht hinter mir her. Ich beginne, mich auf einen bestimmten Fussabdruck zu fixieren, den ich immer wieder passiere… ja, im Geiste fange ich an, ihn zu grüssen: „Hallou, duuu…“ denke ich und warte darauf, dass ich ihn wieder sehe, wenn ich das nächste Mal die Richtung wechseln muss. Aber tief innen drin hoffe ich, dass ich ihn nie wieder sehe, nie wieder. Das Scheissding.

Die Zeit vergeht, der Jurist weiss worum es geht – hat er die Nase von einem Wegabschnitt voll, läuft er eine Zeitlang in meiner Nähe und überschreitet dann wieder die 20 m. Wenn man es genau betrachtet, führt er mich über die Feldwege – und zwar so, dass er wirklich mehr als genug Zeit hat, sich jeden Quadratmeter genaustens zu erschnuppern. Als mir dieser Gedanke kommt, verzweifle ich halb – ein Kloss bildet sich in meinem Hals und ich frage mich, was falsch läuft. Warum respektiert er mich nicht? Warum hört er nicht auf mich? Was habe ich falsch gemacht? Vielleicht bin ich diesem Juristen nicht gewachsen… meine Augen brennen, als sich ein paar Tränen ihren Weg bahnen.

Wieder muss ich kehrt machen, die Kirchenglocke läutet in meinem Rücken… Es ist kalt und besonders dieser Abschnitt, auf dem ich gerade in einer schrecklichen Schlaufe festhänge ist sehr windig. Ich friere, ich fühle mich elend und allein – ich fühle mich dumm und ich verzweifle. Wütend starre ich auf den Weg und da ist er wieder… der Fussabdruck, den ich schon so oft begrüsst hatte. „Hallou, du…“ murmele ich und frage mich, warum ich wieder hier bin. Wir waren doch schon ein ganzes Stückchen weiter gekommen – warum muss ich jetzt schon wieder so weit zurück laufen? Ich werde hier noch laufen, wenn es dunkel ist – meine Füsse tun weh, meine Jeans ist inzwischen so nass, dass meine Beine vor Kälte und Feuchtigkeit weh tun.

Wieso fehlt mir auch immer das nötige Kleingeld? Ich müsste mal einen Hundetrainer engagieren – jemanden, der wirklich einschätzen kann, was bei uns schief läuft. Alles habe ich mir selbst zusammen gelesen und mir versucht, zusammen zu reimen. Aber offensichtlich hat das gar nicht funktioniert. Wir haben keine Bindung, keine Beziehung, der Jurist achtet mich nicht. Bestimmt gibt es jemanden, der mir sagen kann, was ich anders machen muss. Es hat sicher etwas mit Konsequenz zu tun – mit all den Sachen, von denen immer berichtet wird und an die ich mich nicht halte, weil ich sie so unlogisch finde. Aber möglicherweise müsste der Jurist doch immer hinter mir laufen und sollte nach mir ins Haus gehen. Sicher darf er auch nicht auf der Couch schlafen oder im Bett. Dieses ganze Wiederholen von Befehlen… vermutlich hat es nichts mit seinem Dasein als Halbwolfhund zu tun – es ist einfach meine Unfähigkeit.

Während meine Ohren vor lauter Verzweiflung zu rauschen anfangen, frage ich mich, wo der Jurist eigentlich ist. Ich drehe mich um und da steht er hinter mir. Sein Gesicht ist angespannt, aber sein Blick ist eher fragend als trotzig. Seine Rute hängt schlaff, aber er ist bei mir und wartet auf mich. Anders kann man es nicht sagen…

schnee 058sm

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Kommentare
  1. verena sagt:

    Sehr interessant deine Denkweise. Natürlich genial, dein Überich und du…selten so geschmunzelt. Habe viele Gedanken die ich mir in letzter Zeit gemacht hab, hier in deinem Text wiedergefunde. Wäre sicher ein interessantes Diskussionsthema 😉

  2. Anti-Mensch sagt:

    Lies erst noch den letzten Teil, Verena… dann können wir gerne diskutieren. 🙂

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