Spaziergang mit einem Juristen 4

Veröffentlicht: 20. April 2013 in Antikram, Gehorche!
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Stolz beobachte ich meine beiden Wildfänge, wie sie ausgelassen spielen. Man sieht, wie sie ihre Umgebung geniessen. Anmutig wehrt der Jurist die Attacken von Ixy ab – und die stellt mal wieder ihre Renitenz in Sachen ‚Gewalttätige Spielanfragen‘ unter Beweis. Gemeinsam wird an spannenden Flecken geschnuppert, es werden olle Sonnenblumenstengel aus dem Acker gerupft und dann dem anderen weggenommen, um sie in Sonnenblumenspäne zu verwandeln. Der Misthaufen ist Geschichte – dafür nähern wir uns einem Graben, der Wasser führt. Plantschen, an den schrägen Ufern des Grabens entlang rasen, wilde Sprünge springen und Hasenhaken schlagen.

Ich ziehe mein Halstuch enger und wickele es bei der Gelegenheit auch gleich um die untere Hälfte meines Gesichtes. Die Kapuze ziehe ich tiefer und versuche, meine Ohren so gut wie möglich zu bedecken: Es ist echt windig und der Wind ist winterlich kalt. Die vergangenen (Kilo?)Meter haben mich gelehrt, auch kleine Dinge zu schätzen – beispielsweise den nun gekiesten und deswegen nicht mehr ganz so übel matschigen Feldweg. Ich muss die Welt hinter mir nicht im Auge behalten und auch der Jurist und seine gewaltige Freundin sind mir gerade egal – sollen sie doch machen, was sie wollen. Ich atme tief durch und merke, dass ich ganz schon verspannt bin.

Es ist schon unheimlich, wie anstrengend Emotionslosigkeit doch ist. Ich bewege die Arme, lasse die Schultern kreisen und richte meinen Kopf mal wieder ordentlich aus. Habe ich den tatsächlich die ganze Zeit so tief getragen? Mein Nacken ist ja schon ganz verhärtet… Nach einigen gymnastischen Übungen habe ich mich wieder auf meine vollen 1.71m aufgerichtet, meine Füsse und Beine werden wieder wärmer, mein Rücken schmerzt nicht mehr und ich sehe, dass ich mich langsam wieder einer Strasse nähere. Hier ist alles übersichtlich und wie so oft bin ich die einzige, die unterwegs ist. Egal ob zu Fuss oder mit dem Auto – hier hinten gibt es kaum erstrebenswerte Ziele, also treibt sich hier auch keiner rum.

Ich rufe die Hunde ins ‚Ran‘, die zwei hoppeln fröhlich heran und wir passieren gemeinsam die Strasse in Reih und Glied. Danach gibt es ein LaufLauf! und die beiden wackeln von dannen. Zufriedenheit macht sich breit – die Hälfte der Strecke liegt hinter uns, der Abschnitt vor uns ist einer, den ich besonders mag. Während meine Seele rumbaumelt, entsteht in meinem Inneren eine Diskussion.

Überich: „Aja, verloren, wa?“

Ich: „Wie bitte? Wir machen gerade Pause, ja?“

Überich: „Jaja, is klar. Eine konsequente Pause, hm?“

Ich: „Halt die Klappe – du hast doch keine Ahnung!“

Überich: „Also… von hier sieht es aus, als hättest du verloren… oder, sagen wir anders: Der Jurist hat dich ganz feini erzogen. Hatter gut gemacht!“

Ich: „Arsch! Also erstma: Konsequenz wirkt nicht an einem Spaziergang… das ist ein Prozess, ja?“

Überich: „Sicherlich. Und er hat das dafür, dass es nur ein halber Spaziergang war, ziemlich gut hinbekommen, finde ich…“

Ich: „EY! Das ist doch keine souveräne Sache mehr, wenn ich mich voll aufrege – ich brauchte eine Pause!“

Überich: „Opfer.“

Ich: „Geht’s? Was willst du mir denn damit sagen?!“

Überich: „Du kennst diesen Hund seit über zwei Jahren… Das ist keine Pause – der hat dich einfach voll im Griff. Ist doch nicht schlimm – gib einfach zu, dass du verloren hast!“

Ich: „Hab ich gar nicht! Gleich machen wir weiter – das ist ein Experiment!“

Ich versuche, diesen inneren Konflikt wegzuatmen – ich möchte doch nicht, dass mein Experiment keinen Spass mehr macht, auch wenn ich das Gefühl nicht loswerde, dass der Jurist es nur halb so anstrengend findet wie ich. So ein Blödsinn – der Jurist hat mich gar nicht erzogen! Oder doch? Und wenn ja… ist das dann so schlimm? Ich habe ihn ja auch ein wenig erzogen, oder? Kommen wir nicht eigentlich total gut klar im Alltag? Okay, er ist jetzt nicht so der Ich-wackel-neben-Frauchen-her-Hund… ach, sind wir ehrlich… er hat schon einen ziemlich grossen Aktionsradius… Aber! Immerhin kann ich ihn abrufen inzwischen – ist ja auch nicht so, als wäre das immer so gewesen. Und das ist doch eine ganz gute Erziehungsleistung, oder? Kann doch nicht jeder Hund perfekt sein. Oder? Auch wenn man sich noch so anstrengt? Oder gerade deswegen? Und immerhin ist er ein Rüde, der Jurist. Und jung. Und intakt. Und dann auch ein halber Wolfhund. Und überhaupt.

Die Zweifel nagen an mir, ich kann die schöne Strecke entlang des Wassergrabens nicht mehr richtig geniessen. Die Hunde laufen entspannt, schnuppern hier und markieren da… Ich sehe sie kaum noch – ich versinke in meinen Gedanken, ärgere mich über meine Unfähigkeit, mein totales Unvermögen, dem Juristen in den letzten Jahren etwas vermitteln zu können – das ist doch Mist! Ich habe mich immer so bemüht, verdammt… Mein Innerstes bäumt sich auf: Also bitte jetzt! Du bist doch nicht doof… nu reiss dich mal am Riemen, lass dich nicht zermürben! Gleich starten wir einen letzten Versuch – diesmal klappt das! Der Jurist wird gehorchen!

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