Spaziergang mit einem Juristen 3

Veröffentlicht: 14. April 2013 in Antikram, Gehorche!
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Sehen wir es realistisch – wir sind jetzt anderthalb Stunden unterwegs, ein Viertel der Strecke liegt hinter uns. Von diesem Viertel war der Jurist allerdings ca. 75% der Zeit an der Leine. Aus zwei Regeln wurden bisher fünf:

Regel 1: Du entfernst dich nicht mehr als 20m von mir 

Regel 2: Ich gehe nicht weiter, wenn du diese Grenze überschreitest.

Regel 3 : Wenn du dennoch weiterläufst, drehe ich um und gehe in die andere Richtung.

Regel 4: Das ist nur ein Experiment – ich handle stets emotionslos, es wird nur positiv bestärkt. 

Regel 5: Die Distanz von 20m darf nur überschritten werden, wenn gespielt wird. Nur dann.

Der Jurist läuft in meiner Nähe, der unsägliche Misthaufen ist 100m entfernt als Ixy ihn wittert. Sie ist seelig, einen Ablenkung aus ihrem persönlichen Horror-Spaziergang zu finden und wackelt los. Der Jurist entdeckt die Zielstrebigkeit in ihrer Handlung und schaut mal, was sie entdeckt hat. Was mache ich denn jetzt? Muss Ixy jetzt auch die Regeln befolgen? Aber sie ist ja eigentlich nicht diejenige, die sich permanent zu weit von mir entfernt – ganz im Gegenteil: Ich bin ja froh, wenn sie mal weggeht. Aber jetzt lockt sie den Juristen… Das könnte alles ruinieren. Ein kurzer Anfall von Panik steigt in mir auf und sagt mir, dass das mit Regel Nr. 4 nicht so gut klappt, wie ich das gerne hätte. Ich entschliesse mich, Ixy abzurufen – auch ein stinkender Mali ist nicht das, was ich mir wünsche…

Der Jurist ist schon 30m entfernt, als ich stehen bleibe. Tja! Umdrehen! Ich stapfe dynamisch in die entgegengesetzte Richtung und nässe mich vor Freude fast ein, als mich schon nach wenigen Metern beide Hunde begleiten wollen. Mit einem glückseligen Grinsen mache ich kehrt, den Misthaufen im Visier. Ich beginne die erneute Tangierung des Stinkedings, versuche heimlich, Ixy mit Hilfe von Leckerli an meiner Seite zu behalten und bleibe stehen, als der Jurist die 20m-Marke überschreitet. Er bleibt stehen… und dann wendet er ganz langsam den Kopf. Ich stehe und warte. Ich bin optimistisch – inzwischen weiss ich ja, was passieren kann und wie ich mich dann verhalten werde. Konsequenz, du Bollwerk der Hundeerziehung!

Der Jurist betrachtet mich noch einen Moment… dann setzt er sich hin.

ixy portrait 020sm

Äh! Ja… toll. Aus meinem Innersten steigt eine Welle von Emotionen auf – eine wahre Springflut… Das kann der doch nicht machen! Wo sind denn unsere eingeübten Verhaltensweisen? Was soll das denn jetzt? Der Jurist, der testet aus, wie sich dieses Regelwerk denn interpretieren liesse, folgere ich. Er hat herausgefunden, was passiert, wenn er nun weiterläuft – und er hat herausgefunden, dass ich weiterlaufe, wenn er in meine Nähe kommt. Aber er WILL nicht in meiner Nähe sein… da war er schon, das ist nicht interessant. Nun hat er sich offensichtlich überlegt, dass niemand gesagt hat, dass er nicht einfach da warten kann, bis der Berg zum Propheten kommt (den Vergleich vom Knochen und dem Hund finde ich gerade unangemessen und abwertend, was meine Person betrifft). Geduldig beobachtet er mich.

„Dann schauen wir doch mal, wer den längeren Atem hat, du Arsch!“ denke ich. Inzwischen bin ich auf dem offenen Feld angekommen, es ist Winter und ich muss feststellen, dass es – wenn man da so rumsteht – schnell ganz schön kühl wird. Nein, eigentlich, wenn ich ehrlich bin, ist es scheiss kalt. Nicht nur meine Füsse melden akute Kälte – auch Oberkörper und Ohren weisen darauf hin, dass dem so ist. Ixy steht wie ein verlassenes Lamm hinter mir an meinen Beinen und ist verzweifelt. Und der Jurist? Der legt sich gemütlich ab.

WUT!

Regel 6: Warten auf Distanz ist KEINE Option, du Korinthenkacker!

Von meiner emotionslosen Wut getrieben drehe ich mich um und trete mit meinem ersten energischen Schritt fast das Ixy-Opfer über den Haufen. Sie springt wie ein geprügelter Hund vom Kriegspfad, folgt mir dann aber auf meinem Weg weg vom Juristen. Ich laufe… und laufe. Oh… Hallo, du blöde Drecks-Feldwegkreuzung! Lange nicht gesehen… Ich hasse dich!

Vom Juristen ist nichts zu sehen und da ich inzwischen schon fest wieder an der Kreuzung bin, beschliesse ich wutentbrannt zu schauen, wo der Jurist ist. Er steht 30m hinter mir – sein Kopf ist gesenkt und er lauert mich an. Er ist mir heimlich und leise gefolgt… der elende Paragraphenreiter. Einen Moment starren wir uns an, als nichts passiert, drehe ich mich wieder um und heisse die Kreuzung willkommen. Im nächsten Moment läuft der Jurist neben mir, schnuppert ein wenig hier und ein wenig da und tut, als wäre alles so wie immer. Ich wende und freue mich schon auf den Anblick des Misthaufens. Die völlig sinnbefreite und offensichtlich masochistische Regel 4 ist nun die beste Freundin meines Überichs geworden und so halten mich die beiden gemeinschaftlich dazu an, meine innere Mitte wieder zu finden.

Ich entscheide mich für ein Hilfsmittel: Auflösen. Ich beschliesse, dass es Zeit wird, mal etwas Anspannung aus der Situation zu nehmen – auch weil ich ein wenig Angst habe, dass ich die erste Hundehalterin bin, die es schafft, einen Mali zum weinen zu bringen. Ich leine den Juristen an und schicke Ixy fröhlich voraus und mache mich auf den Weg, den Misthaufen – das unüberwindbare Hindernis – zu passieren. Meine Seele atmet erleichtert auf… und als ich 50m hinter dem Misthaufen Anti ableine und ihn mit einem leicht überdrehten LaufLauf losschicke, füge ich noch ein ‚Geh spielen oder plantschen oder… ach… LaufLauf einfach!‘ an. Hauptsache, ich bin den Mistsack mal eine Weile los. „Achtung, Regel 4, innere Mitte und so…“ raunt mein Überich.

Anti und Ixy rennen über ruhende Äcker, spielen, schnuppern, markieren… ausgelassen rasen sie hier und dort hin – der Jurist schaut mich nicht mal mehr mit dem Arsch an und selbst Ixy hat nicht mehr das geringste Interesse an einem Kontakt zu mir. Eines wird mir klar: Spontan-Konsequenz funktioniert nicht – nicht in dem Ausmass, nicht mit dem Juristen.

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