Spaziergang mit einem Juristen 1

Veröffentlicht: 12. April 2013 in Antikram, Gehorche!
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Manchmal habe ich total bescheuerte Ideen – weil es mir Spass macht. Ich gebe zu, meist entstehen solche Ideen, wenn ich zu viel Hundemagazine oder -foren lese… oder Hundetrainer-Sendungen schaue.

Vor einiger Zeit kam ich auf die Idee, mal so richtig konsequent zu sein. Aber so richtig! Wenn man ganz klare Grenzen und Regeln hat, dann kann man auch mit einem Juristen spazieren gehen. So die These!

Regel 1: Du entfernst dich nicht mehr als 20m von mir (was auch immer 20m sind – 10x ein ausgewachsener Mann aneinandergereiht oder so… )

Regel 2: Ich gehe nicht weiter, wenn du diese Grenze überschreitest.

Ich habe gedacht, ich bin ein ganz schlaues Kerlchen und stelle so wenig Regeln wie möglich, aber so viele wie nötig auf. Und dann nahm ich Ixy und den hauseigenen Juristen und ging los. Ich entschied mich für eine Strecke, die möglichst übersichtlich ist, aber abseits unserer gewohnten Wege (Fehler!). Im Grunde war passables Wetter, wobei es die Tage davor in Unmassen geregnet hatte – die Wege sind mehr Pfütze als alles andere.

Ich beschliesse, das Experiment ab dem Moment des Ableinens beginnen zu lassen. Mal schauen, was passiert. Der Jurist verfällt nach meinem LaufLauf-Befehl in seinen beliebten Trab… immerhin geht es darum, so schnell wie möglich so viel wie möglich Strecke abzuschnuppern. 20m sind überschritten, ich bleibe stehen – es interessiert niemanden. Okay… vielleicht sollte ich die ersten Male noch auf die neuen Regeln hinweisen? Oder lasse ich ihn das jetzt einfach allein rausfinden? Och ja… der ist ja nicht doof, der Jurist… ich entscheide mich für letzteres. Es dauert einige Minuten bis sich der Herr wundert, warum es nicht weitergeht. Aus einer Entfernung von 100m starrt er mich entgeistert an:

„Entschuldigung? Du musst schon weiterlaufen, ne? Hallo?“

Gutmütig beschliesst er, zu seinem dummen Menschen zurückzukehren – als er die 20m Grenze unterschreitet, laufe ich weiter. Sofort macht er kehrt und ich sehe nur noch sein hübsches Hinterteil. Ich beschliesse, dass ich, um den Effekt zu verstärken eine dritte Regel einführe:

Regel 3 (grosser Fehler!): Wenn du dennoch weiterläufst, drehe ich um und gehe in die andere Richtung.

Ich bleibe stehen, weil der Jurist die 20m-Marke überschritten hat – da ihn das überhaupt nicht interessiert, laufe ich in die andere Richtung. Ixy hat inzwischen den Braten gerochen und findet mein Verhalten alarmierend. Vorsichtshalber schleicht sie ab jetzt wie ein Schatten hinter mir herum – da ist es sicher. Weil der Jurist noch nicht mit Zeitunglesen fertig ist, kann er mir nicht sofort folgen – ist ja auch nicht schlimm, findet er – so viel Biomasse sieht man eine ganze Weile am Horizont.

Inzwischen habe ich den Ausgangspunkt, an dem ich ursprünglich abgeleint hatte, überschritten und muss mir die Frage stellen, was ich in so einem Fall mache. Ich hatte vorher nicht abgeleint, weil auf dem Nachbargrundstück eine Wollschwein-Sau mit ihren Frischlingen als natürliche Egge eingesetzt wird und ich wenig Lust habe herauszufinden, ob die ihre schnuckeligen Babies gegen Hunde verteidigt. Während ich also ursprünglich vor hatte, in bestimmter Art und Weise vor mich hin zu schreiten, bis der Jurist mir folgt, schreite ich jetzt bestimmt im Gänseschritt. Es hilft nichts… ich muss mich umdrehen und schauen, wo der Jurist ist. 10m hinter mir.

Dynamisch ändere ich die Richtung wieder und merke mir, dass ich unauffällig hinter mich schielen muss, um zu sehen, was da passiert. Der Jurist ist erfreut, macht sofort wieder kehrt und hat innerhalb von allerhöchstens drei Schritten die 20m-Marke wieder überschritten. Ich bleibe stehen – und zweifle daran, ob 20m vielleicht etwas zu knapp gewählt waren? Der Konsequenz-Alarm schrillt hell! Das will der verflixte Jurist doch – lass dich nicht erweichen! 20m!

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Nach 40m hält der Jurist an und schaut, ob ich immer noch unpässlich bin. Nachdem ich mich nicht mehr rühre, findet er, dass er ja mal schnuppern gehen kann – und ich mache kehrt und laufe bestimmt in die andere Richtung. Diesmal folgt er schneller… ich mache kehrt, er trappelt von dannen. Wir machen eine Weile weiter – inzwischen hat sich ein matschiger Trampelpfad entwickelt, der beweist, dass ich diese 30m schon ein paar Male gegangen bin. Inzwischen merkt sogar der Jurist, dass seine Erziehung so wohl keine Früchte trägt und kommt zu mir. Er versucht es mal mit einem lockeren bei Fuss und schielt mich derweil misstrauisch an. Ixy hat Stress – sie findet die ganze Situation wirklich unannehmbar.

Ich beschliesse, dem armen kleinen Mali-Tier ein paar aufmunternde Worte zuzustecken… was der Jurist sofort als ‚Mach-was-du-willst‘-Befehl interpretiert und davon prescht. Inzwischen sind wir auch tatsächlich 10m über die Strecke, die ich jetzt zig mal abgewatschelt bin, hinaus und es lohnt sich wieder, Zeitung lesen zu gehen. Während Ixy mir vor lauter freudiger Erleichterung fast ins Gesicht hüpft, nachdem ich ihr ‚Das machst du super, Bibi‘ zugeraunt habe, hat der Jurist die 20m-Marke schon wieder überschritten und ich bleibe stehen. Er auch.

Er starrt mich an und ich ihn. Er macht einige Schritte, ohne mich aus dem Blick zu lassen. Ich… weiss nicht so richtig, wie ich da jetzt reagieren soll… Ihn im Auge behalten und warten? Oder konsequent die andere Richtung einschlagen, wie ich es mir vorgenommen hatte. Konsequenz-Alarm! Energisch drehe ich mich um und marschiere in die entgegengesetzte Richtung… und marschiere und marschiere. Ja, verflixt nochmal… inzwischen bin ich bei der Schweinemutti, der Jurist ist nicht zu sehen und nicht zu hören… verflixt. Der wird doch jetzt nicht irgendwo einen anderen Hund gesehen haben und ist stiften gegangen? Unruhe macht sich breit. Oder ist der jetzt zu den Schweinen? Argh… das wäre aber wirklich Mist. Ich schiele nach rechts und versuche, unauffällig das Schweinegatter abzuscannen – kein Hund. Verflixt! Ich marschiere weiter… jetzt kommt der Elektrozaun – eigentlich müsste ich die Hunde längst wieder angeleint haben, was tun?!

Ich verliere die Nerven und drehe mich um: Und da steht er, der verflixte Jurist… lautlos ist er mir im 10m-Abstand gefolgt. Super. Auch wenn ich erleichtert bin, wird mir klar, dass es so für ihn schwierig wird zu verstehen, worum es eigentlich geht und wie die Regeln lauten. Ich lobe ihn, auch wenn es mich nervt, dass er nicht zu mir aufgeschlossen hat, so dass ich ihn sehen konnte – und frage mich, ob das Absicht war. In diesem Moment entsteht Regel 4.

Regel 4: Das ist nur ein Experiment – ich handle stets emotionslos, es wird nur positiv bestärkt. 

So eine blöde, wirklich blöde Regel! Wirklich maximal blöd! Aber das merke ich erst viel, viel später. Im Moment stelle ich fest, dass mir langsam warm wird und dass ich inzwischen schon eine gute Wegstrecke gelaufen bin, ohne auch nur einen Meter Spazierweg gewonnen zu haben. Der Jurist sitzt in 10m Distanz vor mir und beobachtet mich. Er ist völlig gelassen – mit erzieherischer Souveränität wartet er, dass Mensch wieder zu sich kommt und sich normal verhält. Ich könnte das als Beleidigung auffassen, berufe mich aber sofort auf Regel 4, atme tief durch und gehe wieder in die ursprüngliche Richtung.

Fortsetzung folgt…

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