Ist mein Hund pervers?

Veröffentlicht: 11. April 2013 in Allgemein
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Es geht doch nichts über einen reisserischen Titel! Wobei… als ich für diesen Artikel Input gesucht habe, bin ich hauptsächlich über sehr wilde Foreneinträge gestolpert, die mich teilweise wirklich schockiert haben. Meine Frage an Google war: „Hund Urin lecken“ und die Antwort war: „Hilfä! Mein Rüde ist voll pervers!“

Tatsächlich haben offensichtlich einige Hundehalter beobachtet, wie ihr Rüde (und manchmal war es auch die Hündin) den Urin eines anderen Hundes aufleckte. Die Reaktion reichte von blankem Ekel über beschämtes Entsetzen, totalem Verbot dieses Verhaltens bis hin zur Kastration des betroffenen Perversen.

Auslöser für meine Google-Anfrage war übrigens ein Ereignis, das sich seit einiger Zeit zwischen Anti und Ixy abspielt: Sie pinkelt, er leckt daran, macht ‚komische‘ Kieferbewegungen und fängt an zu sabbern – dabei schaut er, als hätte er sich gerade fünf Joints parallel reingepfiffen. Und weil Anti ganz grundsätzlich ein sehr pragmatischer Hund ist, hat er diese ganze Aktion noch optimiert: Er wartet gar nicht, bis Ixy gepinkelt hat… er fängt den Urin gleich vor Ort ab. Und da Ixy damit kaum Probleme zu haben scheint (oder sich aus Unerfahrenheit nicht dagegen wehrt), wurden vor einigen Wochen einige Fremde Beobachter dieser hündischen Perversion. Die angeekelten Blicke bleiben unvergesslich – schlussendlich verliess einer der Anwesenden gar den Garten. Es war also offiziell: Meine Hunde sind abstossend.

So – und jetzt kommen wir mal zu den biologischen Hintergründen dieses Verhaltens, das alles andere als unnatürlich ist: Viele Wirbeltiere und damit auch der Hund haben neben ihrer Nase noch ein weiteres Riechorgan, das Jacobsonsche Organ oder Vomeronasale Organ.

Jacobsonsches Organ
Das Jacobsonsche Organ (4 & 5) befindet sich  bei Hunden direkt vorne im Schnauzenbereich – seine Verbindung zur Aussenwelt funktioniert über eine Öffnung in der Mundhöhle. Quelle

Die meisten von uns kennen sogar ein Verhalten, das direkt mit diesem Organ verknüpft ist: Das Flehmen. Pferde machen das besonders gerne, indem sie die Oberlippe hochreissen und den Kopf hochstrecken. Das Pferd – und meist sind es die Hengste – nehmen so Geruchsstoffe aus der Luft auf und buchsieren sie so in das Organ, um sie dort weiter verarbeiten zu können.

Der Hund sieht dabei nicht ganz so edel aus… denn anders als das Pferd muss er, um an die Informationen zu gelangen, auf die er aus ist, Urin aufnehmen und den mit der Zunge in die sensorische Öffnung des Jacobsonschen Organs vorne in der Mundhöhle schieben. Das Vomeronasale Organ ist ein paariges Organ, dessen neuronale Verknüpfungen Pheromone detektieren können und diese direkter und damit schneller an den Hypothalamus des Hundehirns weitergeben können als das eigentliche olfaktorische System.

Wofür ist denn nun die Aufnahme der Pheromone so wichtig? Soweit man heute weiss, können Tiere darüber erkennen, ob das beschnupperte Gegenüber ein geeigneter Sexualpartner ist. Pheromone übermitteln Informationen über den Status des Sexualzyklus, über die genetische Zusammensetzung des Immunsystems (und wir wissen: Je unterschiedlicher zwei Immunsysteme sind, desto besser passen sie zueinander) und den MHC-Komplex (= Hauptgewebeverträglichkeitskomplex). Pheromone sind etwas wirklich wichtiges…

Für Hunde und besonders Rüden scheint dafür der Urin noch wichtiger zu sein, als jene Geruchsstoffe, die über das Analdrüsen- oder die Vaginalsekrete ausgeschieden werden. Stellt man einen Rüden vor die Wahl, entscheidet er sich für Pipi. Und das ist auch überhaupt nicht schlimm, denn Urin ist – anders als man in Foren oftmals liest – eine ziemlich reine Substanz und kein Hort von Krankheiten. Tatsächlich wurde sie im alten Rom und wird sie auch heute noch von Urvölkern zum Reinigen verwendet, weil sie so toll ist (wiki). Insgesamt sollte der geneigte Hundehalter nicht vergessen, dass ein grosser Teil der Kommunikation bei Hunden über Urin passiert – es ist ja nicht so, als wäre es mit dem Auflecken von Urin schon getan… und das weiss jeder Rüden-Halter: Markieren ist eine tägliche Aufgabe, die je nach Hund bis zum Exzess betrieben wird.

Mir ist natürlich klar, dass es in der heutigen Zeit und bei einem Haustier, das nicht mehr selbst darüber bestimmt, mit wem es sich verpaart, praktisch irrelevant ist, ob es sein Jacobsonsches Organ für das verwendet, für was es gemacht wurde – fraglich bleibt aber, ob der Mensch sich und dem Haustier damit einen Gefallen tut, wenn er natürliche Mechanismen zur Partnerwahl ausser Kraft setzt. Und wer meint, dass nur Haustiere mit ihrem Verhalten auf Probleme stossen, der kann sich mal diese zwei Studien anschauen:

Die Auswirkung des Sexualzyklus auf die Einnahmen von Lapdance-Tänzerinnen – Die Studie zeigt, dass verschiedene Abschnitte des Sexualzyklus bei Tänzerinnen einen signifikanten Effekt auf die Spendierhosen der angetanzten Männer haben. Denn ja, auch wir Menschen haben ein Vomeronasales Organ – und nehmen damit Sexualpartner wahr und prüfen sie auf ihren reproduktiven Status und ihr Immunsystem.

Nun könnte man natürlich sagen: Wer ist schon Lapdancer? Dann ist vielleicht dieser Spiegel-Artikel interessant… Frauen, die die Pille nehmen, erhalten dank ebendieser falsche Informationen über ihren Partner. Wer seinen Mann unter dem Einfluss der Pille kennengelernt hat, muss sich nicht wundern, wenn die Beziehung zerbricht, weil man Mann plötzlich nicht mehr riechen kann, obwohl man das Verhütungsmittel abgesetzt hat, um endlich Kinder zu bekommen. Ich bin mir übrigens ziemlich sicher, dass mir das schon passiert ist…

ada 132sm

Hier mein Fazit: Lasst eure Hunde schnuppern und auflecken… sie sind nicht pervers, sie sind nicht krank und werden es auch nicht – eure Hunde folgen ihren natürlichem Verhaltensspektrum. Nicht mehr und nicht weniger!

Sonstige Literatur:
Katherine A. Houpt: „Domestic Animal Behavior for Veterinarians and Animal Scientists“, John Wiley & Sons; 5. Auflage (28. Oktober 2010)

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