Der unfreundliche Hund

Veröffentlicht: 8. April 2013 in Ixykram
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Der Hund ist der Freund des Menschen, heisst es. Und im Grunde ist diese Aussage auch sicherlich nicht falsch, wenn man von den Momenten absieht, wo Hund am frühen Morgen über das Bett hüpft und seine vollen 25 kg in die menschliche Magengrube rammt. Und dennoch wird diese Aussage oft zu wenig differenziert: Nicht jeder Hund ist Freund aller Menschen. Je nach Rasse und Charakter ist der Hund bestenfalls der Freund seines Menschen – nicht mehr und nicht weniger.

Der Anlass für diesen Artikel war ein Besucher, der dieses Wochenende viel Zeit hier verbracht hat. Schon auf der Heimfahrt vom Flughafen erklärte ich: „Mit Ixy kommst du am besten klar, wenn du sie mehr oder weniger ignorierst.“

Dahinter steckt keine Bestrafung – vielmehr ist es schlicht die einfachste Variante, um Ixy davon zu überzeugen, dass der Fremde im eigenen Haus keine Bedrohung ist. Das häufigste Problem, das ich beobachte, ist, dass nicht zu diesem Haus gehörende Menschen sehen, wie schmerzhaft herzlich Ixy mit ihren Besitzern umgeht, und sich nicht vorstellen können, dass sie dabei nicht aufgrund von Haarfarben oder gar Persönlichkeiten entscheidet, wen sie sympathisch findet – ist einer fremd, wird er mit der für einen Schutzhund angemessenen Vorsicht behandelt.

Ixys Regeln sind da ganz einfach: Starr mich nicht an, fass mich nicht an – wir kennen uns nicht.

Und Ixy springt, ganz ihrer Rasse entsprechend, auf die einfachsten Auslöser an: Wird sie beobachtet oder gar angestarrt, ist das ein Affront. Beugt der Fremde sich über sie, weicht sie lieber mal aus. Beugt sich der Fremde über sie und versucht, sie auch noch am Kopf zu tätschelt, starrt sie erst, dann knurrt sie und zeigt – falls das nicht reicht, um den Fremden in seine Schranken zu weisen – all ihre hübschen Zähne. Ixy möchte nicht von Fremden angefasst werden und da ist sie stur. Seit sie hier ist – und das sind inzwischen immerhin 1.5 Jahre – bekommt sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit von einem Nachbarn Leckerchen. Die nimmt sie auch sehr gerne, keine Frage. Das heisst aber noch lange nicht, dass sie dieser Nachbar dann einfach auf den Kopf tätscheln darf… seit 1.5 Jahren weicht sie dieser Berührung konsequent aus und Nachbar überprüft das konsequent bei jeder Leckerchen-Gabe.

Eigentlich wäre es ganz einfach: Denn je mehr ein Fremder sie ignoriert, desto eher hat sie das Gefühl, dass von ihm keine Bedrohung ausgeht und wird den Kontakt dann sogar von allein suchen. Nur die wenigsten schaffen das allerdings. Ganz häufig beobachte ich, wie Menschen offensichtlich das Gefühl haben, sie müssten Ixy davon überzeugen, dass sie nicht böse sind. Im Sinne einer Vermenschlichung verwechseln sie Ixys Misstrauen mit der bewussten Unterstellung, bösartig zu sein. Die anschliessende ‚Diskussion‘ des Menschen mit Ixy kann dann interessante Ausmasse annehmen: Da werden Unmassen an Leckerchen verfüttert, auf den Hund eingeredet, gesingsangselt, es wird freundlich geschaut (ist und bleibt Anstarren in Ixys Augen), die Berührung gesucht, weil streicheln beruhigt und überzeugt… und hinterher gelaufen. Am besten noch, wenn Ixy an der Leine ist und nicht weg kann. Der Mensch mutiert zum Labrador – und ja, bei Hunden handhabt es Ixy genau gleich: Je weniger Interesse an Ixy besteht, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass Ixy den Kontakt sucht (es hilft, ein Rüde zu sein).

Schon in der Welpenschule, die ich laut Schweizer Gesetz besuchen musste, zeigte sie ganz deutlich, was sie von anderen, fremden Hunden hält – und wie viel Wert sie auf den Kontakt zu den ihr fremden Trainern legt: Die kleinen, superfreundlichen und wuseligen Welpen wurden verscheucht… und die Menschen, die sich über sie beugten und auf sie einsingsangselten, während sie mit Leckerchen herumwedelten, kassierten überdeutliche Signale der Bitte-verpiss-dich-Klasse. Ixy konnte schon damals wirklich ganz wunderhübsch den Kopf wegdrehen und beschwichtigend über ihre Nase lecken, um sich letztendlich hinter mich zu retten.

Ich überlasse Ixy in solchen Fällen natürlich nicht ihrem Schicksal – wenn ich sehe, dass das Mass voll ist, unterstütze ich sie, denn das Letzte, was ich möchte, ist einen Hund, der meint, er müsse das selbst regeln. Glücklicherweise erkannte auch die Hundetrainerin Ixys Anliegen und nahm es als das hin, was es ist: Ixys unfreundliche Art, Fremdes nicht zu mögen.

Nun könnte man meinen, ich wäre mit Ixys Art unglücklich – aber dem ist nicht so. Ich habe hier schon einen überaus selbstherrlichen Hund, der für meine Begriffe viel zu freundlich ist und darüber hinaus vermutlich mit anderen Hundehaltern einfach mitgehen würde, wenn er das Gefühl hätte, so ein grösseres Rudel akquirieren zu können. Immerhin ist Anti ja bekanntlich der schönste, tollste und einzig wünschenswerte Rudelinhaber dieser Galaxie. Ixys Art, mit Fremden umzugehen, macht sie sicher nicht beliebt, aber das ist mir auch nicht wichtig: Wichtig ist mir, dass sie mir vertraut und zu mir kommt, wenn ich sie rufe. Wichtig ist mir, dass sie alle ihr verfügbaren Mittel abseits des Beissens nutzt, um zu erklären, was sie nicht möchte. Und wichtig ist mir, dass sie weiterhin so offen bleibt, Fremde, die sich hier länger aufhalten, als mögliche Bekannte anzusehen – und das hat sie bisher eigentlich immer geschafft.

Nicht jeder Hund ist Freund aller Menschen – und diese Eigenart sollte man ihm auch lassen. Man muss nicht alles therapieren wollen, nur weil es nicht in die undifferenzierte Norm passt.

Hier geht es zum zweiten Teil von „Der unfreundliche Hund“.

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