Über die Erhaltung der begünstigten Rassen…

Veröffentlicht: 30. März 2013 in Allgemein
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… im Kampfe um’s Dasein. Oder: the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life.

So ist der Untertitel zu Darwins grossem Werk: Die Entstehung der Arten. Und tatsächlich geht es in diesem Buch überraschend viel um Taubenrassen, denn Darwin erkannte, dass der Mensch durch seine Zuchtwahl das Aussehen von Tauben nach seinem Gusto verändern kann, indem er Eigenschaften, die ihm gefallen oder missfallen selektiert.

Ist das nicht toll? Was der Mensch so alles kann? Er hat die Macht eines Gottes und kreiert, was ihm gefällt.

Nur was er da kreiert… das gefällt mir bei Hunden nur in den wenigsten Fällen. Tatsächlich habe ich, je länger ich mich mit Hunderassen beschäftige, festgestellt, dass es ganz viele herausgezüchtete Merkmale gibt, die den Hund in seinem Sein behindern. Es gibt krasse Deformierungen, die herausgezüchtet wurden und inzwischen überall diskutiert werden – wie zum Beispiel die Schnauzen, die aussehen, als wäre der Welpe direkt nach der Geburt ein paar Mal in einem gravierenden Auffahrunfall verwickelt gewesen. Einen Sinn hat diese Deformierung nicht, sie bewirkt hauptsächlich, dass der Hund nicht mehr richtig atmen kann. Dann haben wir die krassen Zwergformen, deren Physognomie derart an ihre Grenze gebracht wurde, dass ihnen die nicht mehr kleiner züchtbaren Augen fast aus dem Kopf fallen… und aus einem Grund, der mir unklar ist, bleiben Dackel mit ihren verkrümmten Stummelfüsschen weiter im Trend, deren Gelenkbeschaffenheit sicher nicht darauf ausgelegt ist, einen solchen Körper zu tragen.

Nimmt man die Natur als Vergleichsmaterial, dann fällt einem auf: Dackel gibt es dort nicht. Bulldoggen auch nicht.

Für mich gleich relevant ist es allerdings, dass so vielen Rassen ihre Kommunikationsmöglichkeiten genommen oder beschränkt wurden, nur damit sie nett aussehen. Nehmen wir die allseits beliebten Schlappohren – einen Sinn erfüllen sie nicht, aber nachdem die Ohrmuschel schlapp über dem Gehörgang liegt, kann das Gehör weniger Schall empfangen als solche, deren Ohrmuschel aufrecht steht.

Das Gehör des Hundes

Hinzu kommt, dass einige Hunderassen (zB Cocker), deren Ohrmuschel schlaff über dem Ohr hängt, weder das Ohr so zum Schall drehen können, wie das einem gesunden Hund möglich ist, noch kann er seine Ohren so als Kommunikationsmittel einsetzen, wie es für diese Art nötig wäre. Die Ohren sagen so viel über die Gefühlslage eines Hundes aus und darüber, was er im Begriff ist zu tun. Sind die Ohren angelegt? Praktisch nicht mehr zu sehen? Sind sie aufgestellt und nach vorne gerichtet? Flackern sie hin und her? Werden sie schlaff an den Seiten des Kopfes gehalten oder treffen sich die Ohrmuscheln fast oben an der Stirn? Zusätzlich gibt es noch die sogenannten Rosenohren, die nicht nach vorne kollabieren, sondern eher permanent zusammengefaltet und damit zurückgelegt aussehen.

Es ist gut möglich, dass ich mich beim Lesen von Hunden, die keine Stehohren haben, schwerer tue als andere – und damit meine ich Menschen und Hunde – aber einen Sinn ergibt es dennoch nicht, eine derartige Verformung eines der primären Sinnesorgane und Kommunikationsmittel herauszuzüchten.

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Hier kommuniziert Ixy gerade einer jungen DSH-Hündin, wie wenig sie von über ihre Gegenwart erfreut ist – allein die Ohren verraten, dass sie ein wenig selbstbewusster tut als sie tatsächlich ist. An diesem Tag und während dieses Spaziergangs hatte Anti (hier im Hintergrund beim Steine-im-Fluss-jagen) aber alle Pfoten voll zu tun, die Streitigkeiten der beiden Zicken zu schlichten.

Eine weitere, beliebt zur Deformierung gezüchtete Extremität des Hundes ist die Rute. Unter den Canini findet sich keine Gattung oder Art mit Stummelrute oder mit Kringelrute. Nicht nur benötigt der Hund seine Rute, um während des Rennens zu steuern, auch verwendet er sie um sein Gleichgewicht beim Klettern zu halten. Und sie ist bekanntermassen ein wichtiges Kommunikationsmittel: Hunde wedeln nicht nur – und ihre einzige andere emotionale Äusserung ist auch nicht das Einklemmen – die Rute erzählt von Unsicherheit, von Sicherheit, Erregung und Zuneigung.

frostig2 005smRute oben: Ixy möchte Anti zu einem Jagdspiel auffordern: Dafür bringt sie ein Stöckchen als Anreiz und provoziert mit hoch erhobener Rute.

Gerade Hunde mit einer permanent aufgestellten, weil gekringelten Rute wirken immer sehr selbstbewusst – oder kommt nur mir das so vor? Sie stolzieren fast… Aber ob sie das damit tatsächlich ausdrücken wollen? Ich kann nicht sagen, ob das Signal von anderen Hunden so aufgenommen wird, dafür fehlt mir die Erfahrung. Letztendlich bleibt, dass es Kringelruten in der Natur nicht gibt. Stummelruten sind dann natürlich das Nonplusultra – weder kann der Hund sie noch als Teil des Bewegungsapparates verwenden, noch kann er damit kommunizieren. Einen Sinn hat die Stummelrute nicht.

Eine Erweiterung seltsamer Zuchtwahl ist auch der Ridge – im Grunde bezieht sich dieses Phänomen auf zwei Hunderassen: den Thai und den Rhodesian Ridgeback. Bei beiden Rassen verläuft der Strich des Fells entlang der Wirbelsäule praktisch verkehrt herum – und diese Felleigenschaft ist auch ansonsten nicht ohne, denn sie geht oftmals einher mit Kanälen, die sich durch die Haut bis in das Rückenmark ziehen. Der Ridge ist eine Abstufung der Spina bifida, der Offenen Wirbelsäule. Nur für’s Aussehen. Bei einem normal befellten Hund wird die gleiche Fellregion für den sogenannten Unsicherheits- und Erregungskamm genutzt, den man auch von Katzen kennt. Bei Gefahr, wenn er sich erschrocken hat oder unsicher ist, aber auch wenn er allgemein erregt ist, stellt der Hund diese Fellpartie auf, um grösser zu wirken:

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Ixy stellt ihren Kamm häufig während Rangeleien oder Jagdspielen mit Anti auf. Antis Kamm macht aus diesem sowieso schon eher eindrucksvollen Hund dann das, was ich gerne Mähnenwölfchen nenne. Da er aber sowieso ein sehr selbstsicherer Hund ist, sehe ich ihn fast nie mit aufgestelltem Kamm.

Mir stellt sich die Frage, worin der Sinn besteht, so eine Eigenschaft weiter herauszuzüchten. Erfahrungswerte von einigen wenigen Besitzern solcher Hunde scheinen aber schon dort hin zu gehen, wo ihre Hunde tatsächlich Probleme mit der Kommunikation bekommen und oftmals schneller aggressiv angegangen werden als andere Hunde. Der Rückschluss wäre, dass das permanent aufgestellte Rückenfell dem anderen Hund immer wesentlich mehr Emotion signalisiert, als da tatsächlich ist. Soweit ich weiss, gibt es übrigens von beiden Rassen Rigde-lose Individuen, die allerdings früher direkt eingeschläfert wurden, weil sie nicht dem Standard entsprachen. Wenn ich den genetischen Hintergrund noch richtig im Kopf habe, wäre es eine sehr einfache Angelegenheit, diese Rasse weiter, aber ohne den Ridge zu züchten. Heissen sie halt nur noch Thai und Rhodesian… ist eh kürzer.

Im Grunde könnte ich diesen Text noch ein ganzes Stück weiter führen: Da gibt es Rassen, die so viel Haut haben, dass ihre Wimpern nach innen schlappen und auf der Hornhaut des Auges kratzen, deren Ohren halb weggammeln, weil die Haare darin so unkontrolliert lang wachsen, wie die am übrigen Körper, und die eigentlich permanent ausgerupft werden müssen. Es gibt Rassen, die so gross werden, dass es eigene Artikel nur über all ihre Krankheiten gibt (die Deutsche Dogge mit all ihrem Knochenkrebs, ihren Hautproblemen und den Magendrehungen – mehr fallen mir aus dem Stand nicht ein… es sind wesentlich mehr). Dann natürlich noch die, deren Gesichtshaut nicht nur die freie Sicht verhindert, sondern die auch die unglaublich breite Kommunikationspalette, für die das Maul und überhaupt die ganze Schnauzenpartie des Hundes so unglaublich wichtig ist, praktisch unmöglich machen.

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Die Kommunikationskrücke für den modernen Rassehund?

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Wer meint es wie ernst? Antis Maulspalte ist kurz, die Nase gerunzelt, die Tasthaare nach vorne gestellt – ganz Spiel ist das nicht mehr, denn Ixy übertreibt es gerade völlig und tackert an ihm herum. Ihr Maul ist allerdings weit geöffnet, die Ohren nach vorne gestellt und sie zeigt – wie so oft – so viele Zähne wie möglich, die olle Zecke.

Man kann der Maulpartie eines Hundes so viel ablesen… Ist die Maulspalte kurz, meint der Hund es oft ernster als wenn das Maul weit geöffnet und recht entspannt ist. Anti ist ein Wunderkind der Nasenmimik… wenn er trotzt, rebelliert oder es nicht mehr lustig findet, wird er ‚hart‘ um die Nase, ganz ohne auch nur eine Falte zu ziehen. Ixy wiederum macht sehr gerne und in vielen Situationen eine wunderhübsche ‚Schweinenase‘, die etwas Ähnliches bedeutet. Insgesamt sind ihre Gesichtszüge aber sowieso härter und schwerer zu lesen als Antis. Das alles ist jedoch ein offenes Buch im Verhältnis zu vielen schwabbelgesichtigen Molossern, die ich kennengelernt habe. Deren Gesicht bleibt für mich oft kaum verändert, bis die Mimik sehr deutlich ist und der Hund dann oft schon kurz vor weiteren, eher körperlich betonten, Mitteln greift, um sich auszudrücken. Worin besteht der Sinn in so viel Haut? In der Natur findet man solche Hunde nicht…

Ich könnte fortfahren… mit Fellfarben wie Merle und Gelenkproblemen wie HD – berühmt geworden durch den ad absurdum gezüchteten Deutschen Schäferhund. Stattdessen schliesse ich lieber so ab:

Es ist mir (fast) egal, was andere für Hunde halten – hier werden immer Hunde einziehen, denen möglichst wenige bis keine natürlichen Charakteristika weggezüchtet wurden, die für sie wichtig sind. Der Hund ist ein Tier, dass in unserer Gesellschaft so gut wie möglich klarkommen sollte – dafür sollte es alle ihm von Natur aus gegebenen Eigenschaften zur Verfügung haben. Warum ich das hier dennoch schreibe? Weil ich kann. Und weil ich hoffe, dass sich irgendjemand mal darüber Gedanken macht, wie sinnvoll es ist, die Zucht all jener behindernden Merkmale weiter zu unterstützen. … im Kampfe um’s Dasein… reicht dem Menschen auch ein 1% der existierenden Hunderassen. Wenn nicht weniger. Da sind ganz sicher ganz ausserordentlich phantastische Hunde dabei…

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