Weichspülmalis und Sportgeräte

Veröffentlicht: 18. September 2012 in Alltag, Ixykram, Training
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Manchmal stosse ich auf Textabschnitte, die ich so interessant finde, dass ich mich tagelang damit beschäftigen kann. Hier kommt wieder so einer…

Gerade wenn es um Malinois geht, scheiden sich die Geister, wie man den Hund denn beschäftigen und erziehen soll. Da deklarieren die einen den Hund des anderen zum Sportgerät – und die anderen beschimpfen den Hund des einen als ‚Weichspülmali‘.

In der aktuellen Ausgabe von SitzPlatzFuss (08/2012) findet sich ein sehr spannender Artikel von Normen Mrozinski, der den Titel „Arbeitstiere, Sportgeräte auf vier Beinen oder einfach Hütehunde?“ trägt und sich eigentlich mit Altdeutschen Hütehunden beschäftigt. Viele der wohlüberlegten und ungewohnt durchdacht gemachten Aussagen lassen sich aber meines Erachtens auf viele Hunde übertragen… unter anderem auf den Malinois.

Wer den kompletten Artikel lesen möchte, muss sich die Zeitschrift kaufen oder leihen – ich zitiere hier nur abschnittsweise einen Teil, der mich besonders zum Nachdenken angeregt hat:

Wenn man im Internet, in Zeitschriften und Büchern über die Erziehung von Hütehunden recherchiert, findet man immer wieder den Hinweis, dass diese Tiere unbedingt ausgelastet werden müssen, weil sie ansonsten Neurosen, Verhaltensstörungen usw. entwickeln würden.
(…) Vor lauter ‚Auslastungsanspruch‘ bleibt jedoch unerwähnt, dass mit der vermeintlich hohen Notwendigkeit der Beschäftigung auch gewisse Gefahren für den noch jungen Hund verbunden sein können, wenn diese nicht verantwortungsvoll und dem Entwicklungsstand des Hundes entsprechend stattfindet.
(…)
Dabei spricht an sich überhaupt nichts dagegen, auch den Junghund zu beschäftigen. Ganz im Gegenteil, es ist sogar zu empfehlen, das Tier zu fördern – und zwar in den Bereichen, in denen es nicht so talentiert ist.
Schnell ist ein Hütehund aufgrund seiner Disposition, aber wie sieht es mit Konzentration aus? Mit Ruhehalten oder feinmotorischen Fähigkeiten?
Ein befreundeter Hundetrainer nannte es so: ‚Wenn dein Kind gut in Mathe und schlecht in Geschichte ist, dann fängst du ja auch nicht an, mit ihm Mathematik zu üben.“
Ähnlich verhält es sich bei den Hunden.
Es stellt sich also die Frage, welche Beschäftigung für einen solchen Hundetyp geeignet ist. Es gibt bestimmte Hundetypen, die von ihrer Disposition her dazu neigen, stark auf bestimmte Angebote wie Bewegungsreize zu reagieren und dann ein übersteigertes Beutefangverhalten bis hin zu einer wahren Sucht mit all ihren körperlichen und geistigen Auswirkungen zu entwickeln. Hierzu würde ich neben den Hütehunden z. B. auch bestimmte Terriertypen zählen.

Voraussetzung für bewegungsintensive Beschäftigung wie Agility sollte also sein, dass das Tier die nötige Reife hat und in der Lage ist, Bewegungsreizen auch zu widerstehen. Der Schäfer nimmt seinen Junghund mit an die Herde und bindet ihn am Feldrand an. Während er mit seinen Hunden und den Schafen arbeitet, lernt der junge Hund, Frustration zu ertragen und nicht jedem Reiz hinterherzujagen. Erst wenn er diese Eigenschaft sicher besitzt, darf er – zunächst angeleint – auch an die Schafe.
Bei der Erziehung und dem Zusammenleben mit ihrem Hund haben jedoch viele Menschen in allererster Linie die Bedürfnisse des Tieres vor Augen.
Verschiebt man den Fokus vom Hund hin zum Hirten und macht sich bewusst, welche Ansprüche der Schäfer an seinen Hund hat, dann kommt man schnell zu dem Schluss, dass dieser einen Helfer benötigt, der in der Lage ist, Ruhe zu halten, auf Kommando jedoch hellwach ist.
Ein Schäfer kann keinen Hund gebrauchen, der durch ständige Bewegung die Schafe am Fressen hindert, jedem Kaninchen hinterherjagen muss oder jeden Wanderer belästigt, der an der Herde vorbeikommt.
Aus diesem Grund wird mit dem jungen Hütehund im ersten Lebensjahr oft konsequent nichts getan, außer dass er dem Hirten und den anderen Hunden bei der Arbeit zusehen darf und gut behandelt wird. Das bedeutet allerdings nicht, dass der Hund in dieser Zeit nichts lernen würde – ganz im Gegenteil: Der Hund lernt, gelassen auf Außenreize zu reagieren und diese zu differenzieren – eine unendlich wichtige Voraussetzung für einen guten Arbeitshund.

Häufig sieht man gerade bei Hundesportturnieren völlig aufgedrehte kläffende Hunde, die deutliche Stressmerkmale wie starkes Hecheln usw. zeigen. Diese Verhaltensweisen werden von den Besitzern dann gern als ‚Vorfreude‘ interpretiert.
Tatsächlich ist diese Aufgedrehtheit nicht selten das Ergebnis einer viel zu frühen Fixierung auf Bewegungsreize, ohne dass der Hund die notwendige Souveränität und Reife hatte.
So gibt es einige Sachbücher im Bereich Agility, in denen den Haltern empfohlen wird, bereits mit acht Wochenunter Zuhilfenahme von Reizangeln, Bällen und andren Wurfgegenständen den ‚Spieltrieb‘ der Hunde zu fördern. Was tatsächlich geschieht, ist das gezielte Training des Beutefangverhaltens – mit dem Ergebnis, dass die Hunde unter Umständen irgendwann auf jede Bewegung reagieren, egal ob vorbeifahrendes Auto, Radfahrer oder rennendes Kind. Häufig mit dramatischen Folgen für die Umwelt oder den Hund. So ist es nicht erstaunlich, dass ich persönlich keinen Schäfer kenne, der Probleme mit dem Jagdverhalten seiner Hunde hätte, gleichzeitig genau dieses Problem den Großteil der Hütehundehalter in unsere Hundeschule treibt.
Ein Hund, der dergestalt auf Bewegungsreize fokussiert wurde, zeigt im Lauf der Zeit häufig sehr nervöses Verhalten, das von einer inneren Unruhe und der Unfähigkeit zur Entspannung geprägt ist.
Häufig erleben wir Abgabehunde, die – sobald sie zur Ruhe gefunden haben – völlig erschöpft tagelang durchschlafen.
Stellt man einen solchen Hund vor eine ihm unbekannte Aufgabe, lässt sich nicht selten beobachten, dass er alle ihm bekannten Tricks abspult und schließlich – mangels Erfolg – in hysterisches Kläffen verfällt.
Fatalerweise wird genau dieses unruhige Verhalten wiederum oft als mangelnde Auslastung interpretiert, und der Besitzer bemüht sich, dem Hund noch mehr Beschäftigung zukommen zu lassen.
Ein Teufelskreis, der nicht selten zu einer Änderung der chemischen Prozesse im Gehirn und damit zu einer Verhaltensstörung beim Hund führt. Dem jungen Herdengebrauchshund eine Entwicklung zu ermöglichen, die ihn zu einem ausgeglichenen Begleiter auch für die Familie werden lässt, ist also prinzipiell machbar, wenn man sich bewusst ist, welche grundlegenden Fähigkeiten ein solcher Hund erlernen sollte, BEVOR man in bewegungsintensive Sportarten einsteigt.

Normen Mrozinski: „Arbeitstiere, Sportgeräte auf vier Beinen oder einfach Hütehunde?“ S. 16-29, SitzPlatzFuss 08/2012, Cadmos-Verlag

Und genau damit trifft Normen Mrozinski eine Aussage, die ich nachvollziehen kann und auch bei Ixy so anwende, ohne dass ich sie je derart gut in Worte fassen konnte. Ixy ist jetzt 15 Monate alt und kann kaum mehr als Sitz, Platz und die Grundposition. Aber ich kann sie mit auf ein Mondio-Turnier nehmen, wo sie seelig schläft, während 20m vor uns ein Helfer vor dem Hund flüchtet oder verbellt wird. Genau das war mir wichtig – ich weiss und sie weiss, dass wir jetzt gerade nichts spannendes machen, dass ich mich nicht mit ihr beschäftigen kann oder will und dass sie die Zeit besser nutzt, um sich auszuruhen. In meinem Leben dreht sich nicht alles um den Hund, es geht nicht immer um Action und Sport – es geht darum, den Alltag zu meistern, an dem sie tagtäglich teilhat, weil sie auch mit in die Poststelle muss oder zu einem Vortrag über Fische oder auf eine Reise zu meiner Mutter. Sie weiss, dass sie, während ich Steinpilze suche, in meiner Nähe bleiben muss und sie akzeptiert, dass sie diese Bauernhofkatze dort drüben nicht verjagen darf. Und wenn wir trainieren… dann trainieren wir.

Ixy ist für den Hundesport nicht geeignet, weil ich sie nicht früh genug angefixt habe? Okay. Damit kann ich leben. Und das meine ich genau so, wie ich es schreibe – denn mit ihr kann ich mein Leben leben und ich weiss, dass das nicht möglich gewesen wäre, wenn ich sie schon von Welpenbeinen an ‚hochgefahren‘ hätte. Meine Hunde müssen mit mir in meiner Welt leben – nicht mehr und nicht weniger. Mir ist bewusst, dass das sicher nicht für jeden Malinois gilt und dass einige sehr wohl schon von Stubenunreinheit an so souveräne Charaktere sind, dass sie damit klarkommen. Aber ich sehe auch allzu oft die Hunde, die weniger Spass an ihrer Arbeit haben, sondern vielmehr einer Sucht nachgehen: Weit geöffnete Augen, die Maulfalte beim Hecheln bis hinter die Ohren gespannt, der Körper hart und gespannt… und viel Unruhe. Und das nicht, weil der Hund nicht genügend Auslastung gehabt hätte…

Einige dieser Hunde (und das sind sicher nicht nur Malinois) blenden meiner Beobachtung nach sehr viel Umwelt aus und funktionieren sehr schienenartig. Sie haben nie gelernt, einmal neben die Gleise zu treten und am Gras zu schnuppern oder den Blick schweifen zu lassen. Wie eine Dampflok mit zum Bersten gespannten Kessel erwarten sie Erleichterung von ihren Besitzern und explodieren in Fehlverhalten, wenn sie es nicht bekommen. In mehr oder weniger dramatischem Ausmass wohlgemerkt.

Ich empfinde dieses Thema momentan als endlos gross und werde mir sicher noch weiter dazu Gedanken machen… aber jetzt ist Spazierenszeit – auch wenn Ixy gerade wieder wild träumend in ihrem Körpchen vor sich hingrunzt. 🙂

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Kommentare
  1. Toller Beitrag! Ich habe eine Schäferhündin übernommen, die all diese Symptome genauso zeigt wie beschrieben und bin nun seit vier Jahren damit beschäftigt, diesen Hund zu entschleunigen. Daher spricht mir dieser Beitrag aus der Seele

    Nina

  2. Frau D. sagt:

    Das freut mich. Ich wünsche dir noch viel Geduld beim Entschleunigen. 🙂

  3. Wieder einmal ein toller Artikel von dir, der genau das anspricht, was man sehr oft bei Hunden mit einer niederen Reizschwelle erlebt, die von ihren Haltern von Welpenbeinen an „gefördert“ wurden.

    Dass man aber mit einem Hund, der nicht von Anfang an angefixt wurde, keinen Hundesport mehr machen kann, halte ich für ein Gerücht. Denn ich habe hier das beste Beispiel Zuhause, dass es anders geht…nur das Frauchen steht leistungsmässig noch etwas zurück 🙂

    Denn wie auch im Artikel erwähnt, hat nur ein Hund, der von Anfang an gelernt hat, Ruhe zu geben und Frustration auszuhalten, später die Konzentration, um auch in schwierigen Aufgaben gut und leicht geführt zu werden. Auch müssen diese Hunde nicht gleichzeitig lernen, Aussenreizen zu widerstehen und dabei schwierige Übungen zur Zufriedenheit ihrer HF auszuführen.

    Und ein Hund, der gerne arbeitet, der wird diese Freude auch noch haben, wenn er erst mit 2-3 Jahren damit beginnt. Denn für diesen Hund, wird die Arbeit mit der Zeit selbst zur Belohnung, da er sie ohne Stress und unter Anleitung eines geduldigen HF ausführen kann.

    Moni und Jason

    • Frau D. sagt:

      Huhu Moni,

      na, die Aussage zu Ixys Hundesport-Nichteignung kommt nicht von mir – die kommt von Hundesportlern. Ich kann es nicht einschätzen… Aus o.g. Gründen. 😀

    • Mir hat der Artikel auch sehr gut gefallen, … und Eure Antwort darauf mindestens genauso gut, ich denke Ihr habt recht. Ein Hund lernt immer und einer Überforderung gerade beim jungen Hund ist meistens dem Ehrgeiz der Hundehalter geschuldet. Der Hund sollte in erster Linie Sozialpartner sein, wenn es dann noch mit dem Sport klappt, warum nicht.

  4. Das habe ich mir schon so gedacht 🙂

  5. Normen sagt:

    Huhu,
    wer den Artikel lesen möchte, aber die Zeitschrift nicht hat, kann ihn auch als PDF von unserer Webseite laden: http://www.hundezentrum-hochtaunus.de/artikel-uber-hutehunde-in-der-sitzplatzfuss-von-normen/
    Viele Grüße!
    Normen

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