Befehle wiederholen

Veröffentlicht: 4. April 2012 in Allgemein
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Vor einiger Zeit habe ich einmal ein leidiges Anti-Problem öffentlich zur Diskussion gestellt – seine Ansprechbarkeit und das Wiederholen von Befehlen in diesem Zusammenhang.

Katrin Schuster (www.tierberatung-bodensee.com) hat sich daraufhin zu dem Thema geäussert, denn sie kennt Anti und sie selbst führt einen Malamut namens Ragnarson. Ihr Text hat mir so gut gefallen, dass ich sie gebeten habe, ihn hier veröffentlichen zu dürfen. Danke, Katrin! 🙂

„Über das Wiederholen von Befehlen

Die Frage ist, WARUM wird das gewünschte Verhalten [die Ausführung eines Befehls] im Moment nicht ausgeführt? Eventuell ist Stress mit im Spiel. In dem Fall sollte erst an diesem Punkt gearbeitet, oder der Zeitpunkt der Signalgabe anders gewählt werden. Zum Beispiel kann es zu massig Konflikten kommen, wenn Hunde gerufen werden, obwohl sie sich gerade im Kontakt mit Artgenossen befinden. Sich dem zu entziehen, könnte im Zweifel gefährlich sein und so kommt der Hund in einen Konflikt. Auch das frontale Heransausen zum Halter eines Hundes kann schon mal dadurch gebremst werden, dass ein anderer Vierbeiner in der Nähe ist und vielleicht auch nur subtil den eigenen hemmt. Hier muss bitte unbedingt drauf geachtet werden, dass kommunikative Grundlagen noch eingehalten werden können.

Ich bin mir sicher, dass Du Deinen Hund [also Anti]sehr gut einschätzen und lesen kannst und ich kenne die Situationen auch bei meinem „Mammut“. Ich vermute, dass es bei Dir ähnlich ist wie bei meinem, weshalb ich da mal von berichten möchte:

Der große Unterschied von „Nordischen“ und „Wölfischen“ zu vielen Arbeitsrassen ist der, dass sie noch ein viel größeres Interesse an der Umwelt haben und vieles, was die Umwelt „von sich gibt“, bereits selbstbelohnende Reize sind, bzw. Reize, die nicht einfach ausgeblendet werden können. Schnüffeln, etwas beobachten, etwas genauer untersuchen ist im Zweifel wichtiger, als mit dem Zweibeiner zu kooperieren und sich Futter zu holen. Letzteres gibt es ja ohnehin später in der Schüssel oder beim Befolgen eines anderen Signals, auch wenn das die Hunde sicherlich nicht so im Kopf haben… Grundsätzlich ist aber Futter schon mal nicht lebensnotwendig, ist ganz nett aber anderes ist auch nett und da werden die Entscheidungen im Zweifel anders getroffen als wir es uns wünschen.

Nein, Anti schaut nicht in die Kamera. Hinter mir läuft ein Hund… ansprechbar ist er jetzt nicht.

Die Reizreaktion ist bei diesen Hunden aus meiner Sicht teils fast so wie bei Katzen. Sie können nicht anders als auf äussere Reize zu reagieren und sind dann nicht mehr in der Lage, sich auf vollkommen unnötige und unlogische Wünsche des Zweibeiners einzulassen. Bei Katzen spricht man von AAMs, sogenannten Automatischen-Auslöse-Mechanismen, die beim Hund sicherlich auch zu finden sind, aber nicht so sehr beschrieben werden. Bestimmte Reize lösen eine genetisch festgelegte Antwort aus, die nur durch ganz spezielle Begleitumstände gehemmt werden können (z.B. Müdigkeit, Angst).
Für Wölfe ist es nun zum Beispiel sicherlich unabdingbar, die Umgebung immer gut im Blick zu haben und kleinste Veränderungen nicht nur zu bemerken, sondern auch zu deuten. Hierzu braucht es Orientierungsverhalten (Schnuppern, Wittern in die Luft, horchen, gucken) in Richtung des Reizes und evtuell auch hinlaufen, um den Reiz noch genauer zu definieren. Dieses Verhalten ist sehr wahrscheinlich genetisch fixiert und kann nur sehr schwer beeinflusst werden (das ist meine eigene Theorie, kann durchaus daneben liegen .).

Bei meinem Hund ist das total spannend zu beobachten. Er sieht zum Beispiel einen Mensch mit Kinderwagen, spannt auf einmal an, ist kurzzeitig kaum noch ansprechbar und orientiert sich voll in die Richtung. Sobald er erkannt hat, um was es sich handelt, ist er wieder entspannt und ansprechbar, hat dann auch überhaupt kein Interesse mehr daran. Aber dieser „Achtung-Effekt“ bei einer Veränderung in der Umwelt ist auch bei Wölfen sehr stark ausgeprägt und hat sicherlich eine lebenswichtige Funktion.

Ixy beobachtet gespannt Passanten mit Pferden und zwei Huskys. Sie wäre jetzt aber ansprechbar…

Ich vermute stark, dass es sich bei Anti in den beschriebenen Situationen ähnlich zeigen dürfte. Bin gespannt, was Du dazu meinst.

Die Frage ist nun, wie damit umgehen:
Ich bin da auch noch am Probieren, aber grundsätzlich gilt erstmal, dass ich FAST immer, BEVOR ich ein Signal gebe das ausgeführt werden soll, ein „Probesignal“ gebe, um zu sehen, ob mein Hund überhaupt gerade ansprechbar ist. Das kann der gerufene Name sein, ein Anstuppsen etc.
Reagiert er, kann ich das Signal geben, das mir im Moment wichtig ist und die Wahrscheinlichkeit ist deutlich größer, dass er es dann auch ausführt.

Ist er nicht ansprechbar, muss ich mir überlegen, ob ich nun Wert drauf lege, was von ihm zu wollen, oder ob ich es auch gut sein lassen kann. Sollte es unabdingbar sein, dann bestehe ich auf die Aufmerksamkeit und das ist nicht immer so optimal, würde ich auch definitiv nicht grundsätzlich so empfehlen! Bin auch noch nicht sicher, ob das wirklich so Sinn macht und probiere da noch ein wenig rum. Positive Signale wie Futter sind in dem Moment keine Konkurrenz, damit kann ich ihn dann auch nicht aus der Situation holen.

Mein Ziel wäre, dass er lernt sich auch in solchen AAM-Situationen noch auf mich einlassen zu können, weiß aber ehrlich nicht, in wie fern das überhaupt gelingen kann. Es wird schon grundsätzlich besser, aber ob da jemals die Zuverlässigkeit [eines Arbeitshundes] erreicht werden kann und ob das noch im Sinne des Tieres ist, da bin ich noch unschlüssig.

Auf die Aufmerksamkeit bestehen sieht dann so aus, dass ich ihn zu einer Reaktion provoziere, indem ich mich in seine Individualdistanz begebe und ihm den Raum nach vorne immer weiter einschränke, wenn nötig ihn auch körperlich bedränge und ihn zurück schiebe, bis ich IRGENDEINE Reaktion von ihm bekomme. Das kann ein Ohrenzucken sein, das ich mit kurzer freundlicher Ansprache bestätige, oder auch ein Beschwichtigungssignal wie schlecken, Rute senken, kurz zu mir gucken, Ohren zurücklegen etc.
Hierfür gibt es kein spezielles Signal außer, dass ich in seine Individualdistanz schreite und ihn zu einer wie auch immer gearteten Antwort provoziere.
Reagiert er schon, bevor ich bei ihm bin, umso besser! Das ist es auch, was nach und nach immer mehr passiert, dass mein Hund sich immer schon früher von dem spannenden Reiz abwenden kann, weil er versucht die Konfrontations-Situation mit mir zu vermeiden, er möchte nicht in einen Konflikt mit mir geraten.

Ich nutze also die soziale Komponente meines Hundes, und belohne ihn durch „mich zurücknehmen“ und ein freundliches Signal anbieten, wenn er sich zu mir umwendet, um sich auf eine Kommunikation mit mir einzulassen oder wenn er mich schlicht und einfach BEMERKT.

Dies passiert teils im sehr schnellen Wechsel, ich gehe auf ihn zu, nehme mich zurück, und so weiter, je nachdem, welche Antworten er zeigt.
Und es bleibt nicht ganz so einfach wie hier beschrieben, denn mein Hund versuchte zu Beginn dann einfach auszuweichen und weiter zu gehen, was ich mittels Leine und kurzen Sprints oder ggf. Remplern verhinderte. Inzwischen lässt er sich darauf wirklich meistens gut ein und nimmt sich früher oder später zurück, wird dadurch wieder ansprechbar.

Grundsätzlich gebe ich aber dann das Signal (Sitz, Hier, Platz) im IDEALFALL erst dann, wenn ich sicher bin, dass er es jetzt auch ausführen wird. Natürlich klappt das nicht immer so optimal, weil ich halt auch mal Gedankenverloren bin und einige Signale muss ich auch mal wiederholen, aber dann bin ich wirklich selber schuld. Im Grunde, wenn ich was von meinem Hund will, brauche ich erst die Gewissheit, dass es auch bei ihm ankommt. Erst wenn ich die habe, sollte ich auch das Signal geben, das mir im Moment so wichtig ist.

Im Alltag ist das mehr oder weniger gut umsetzbar… Und ich denke, dass man da auf Dauer evtuell schon ein paar kleine Abstriche machen muss, die Reaktionsschnelligkeit auf Signale wie beim Malinois ist sehr wahrscheinlich nur in speziellen Übungssituationen zu erreichen.

Ich hoffe, dass durch diese Beschreibung keine Missverständnisse entstehen. Ragnarson ist ein Hund, der einer Konfrontation in der Regel nicht aus dem Weg geht und wenn es ihm zu bunt wird, dann motzt er mich schon auch mal an. Er zeigt mir also deutlich, wenn ich mal zu weit gehe und so bin ich regelmäßig gezwungen, mein Verhalten anzupassen. Ihn einzuschüchtern ist nur sehr, sehr schwer möglich und er verzeiht meine Fehler ausnahmslos. Damit meine ich, dass er selbst bei einer Überreaktion meinerseits oder bei einem schlechten Timing nicht das Vertrauen in mich und seine Umwelt verliert. Unsere Beziehung leidet nicht darunter, wenn ich bei diesen Massnahmen menschliche Fehler mache.
Hunde, die da etwas dünnhäutiger gestrickt sind und sich leichter verunsichern lassen, könnten durch hier aufgeführte Massnahmen stark eingeschüchtert werden, was nicht Sinn und Zweck der Sache ist! Hierdurch würde die Beziehung zwischen Hund und Halter enorm leiden, weshalb ich diese Umgangsformen definitiv nicht so einfach weiterempfehle. Besonders dramatisch können sich Fehler auswirken, wenn die Beziehung zwischen Hund und Halter zu wenige positive Aspekte mit sich bringt. Ist der Mensch immer nur der Buh-Mann oder ist die Beziehung schlicht noch nicht stabil, muss erst an anderen Ecken der Beziehung geschraubt werden. Oft wird schon dadurch die Notwendigkeit einer so konfrontativen Herangehensweise deutlich geringer, weil die Hunde sich GERNE auf die spannende Kommunikation mit ihrem Halter einlassen.“

Mir haben diese Gedanken vor allem aus einem Grund sehr weitergeholfen: Unterschiedliche Hunde haben ganz unterschiedliche Grundmotivationen – und auch das trägt dazu bei, dass man sie in ihrer Erziehung nicht über einen Kamm scheren kann. Die Herangehensweise muss an den Hund angepasst sein. Was für den einen grob wirkt, mag für den anderen das probate Mittel sein, um den eigenen Hund überhaupt zu erreichen.

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Kommentare
  1. Bin gespannt auf Reaktionen und um bei solchen informiert zu sein, muss ich hier einen Kommentar verfassen. Bei Fragen zu dem Thema stehe ich gerne zur Verfügung.
    Herzliche Grüsse,
    Katrin

  2. B500 sagt:

    Wow! Das finde ich extrem spannend! Habe schon länger das Gefühl das unsere Basenjis nicht immer gleich „gehorchen“ können und es nicht (nur?) am wollen liegt?! Bin froh bin ich nicht die Einzige…😁 Werde gerne weiter darüber lesen!☺
    Frau D; Vielen herzlichen Dank für deinen Blog mit den super Beiträgen! Wünsche dir weiterhin viel Erfolg mit Anti und Ixy! Du machst das super!😃
    Lg von einer stillen Mitleserin
    Karin

  3. teamschule sagt:

    Toll beschrieben. Und obwohl ich mit dem Aussie eine Arbeitsrasse habe, kenne ich das von Katrin beschriebene Ausblenden durchaus. Da nützt auch kein Leckerchen, Spielzeug oder Gejodel mehr, wenn Hund etwas sah, dass seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Sei dies ein fixierender Hund oder etwas in der Ferne, das man nicht genau einschätzen kann. Es gab dabei aber kein Ausrasten oder Hochfahren und sobald Jason die Situation für sich eingeschätzt hatte, ist er auch jeweils wieder ganz normal ansprechbar gewesen. Wollte ich Jason in einem solchen Moment erreichen, dann gelang mir dies auch nur noch durch körperliches Einschränken, Zurückdrängen oder je nachdem auch Anrempel. Je nach Situation habe ich ihn aber auch einfach beobachten lassen und ihn gelobt, wenn er wieder bei mir war.
    Heute mit seinen 4 Jahren kommen solche Momente GsD kaum mehr vor (bzw. die Auslöser sind an weniger als einer Hand abzählbar). Und in der Regel reicht in solchen Momenten heute auch schon eine leichte Bewegungen meinersteits oder ein leichtes Anstupsen.

    Moni

  4. beowoelfchen sagt:

    Sehr interessanter Beitrag!
    Ich bin gerade erst über den Blog gestolpert und schon sehe ich in diesem Text Tito (Nordischer Mix) 1:1 widergespiegelt.
    Er ist jetzt etwa 3/4 Jahr bei uns und inzwischen etwa2 Jahre alt, ehemaliger Strassenhund. Viele „Baustellen“ konnten wir erarbeiten und haben das Glück, in einer Hundeschule mit einer sehr kompetenten Trainerin gelandet zu sein. Tito stand die ersten beiden Trainingsstunden kreischen an einem Pflock angebunden und durfte die anderen Hunde beobachten. Jede ruhige Sekunde wurde von uns belohnt. Schon in der dritten Stunde konnten wir mit Abstand am Training teilnehmen (war vorher kaum zu glauben).
    Nach wie vor ist es aber wie im Text beschrieben, dass Tito teilweise Menschen, Hunde, Situationen fixiert und alles andere ausblendet. Für mich ist auch kein Muster erkennbar, welcher Kinderwagen/ Mensch/ Hund so wahnsinnig interessant ist.
    Ich arbeite an der Aufmerksamkeit in weniger spektakulären Situationen. Bei frontalen Hundebegegnungen könnte ich neben ihm Leckerchenwerfend Cha-Cha-Cha tanzen – er würde es nicht registrieren. Aber recht unspektakuläre Situationen bekommen wir gemeistert indem ich Schnalze=Schau=Leckerchen/Lob, dann Befehl Sitz/Weiter je nach Situation. Habe ich seine Aufmerksamkeit führt er den Befehl auch aus.
    Interessant finde ich auch, dass Menschen, die er extrem fixiert hat beim Passieren/ Begrüßen plötzlich uninteressant sind.

    Vielen Dank fürs Teilhabenlassen an deinem Hundealltag

    Anja

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