Die innere Mitte finden

Veröffentlicht: 25. Mai 2011 in Gehorche!
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Es gibt Zeiten in der Entwicklung eines Hundes, da sollte man als Besitzer ganz, ganz dringend seine innere Mitte finden.

Eine Periode ist die, in der der Welpe eigentlich schon stubenrein ist, sechs Tage alles klappt – und am vierten tappst er am frühen Morgen pinkelnd der Katze hinterher. Durch’s komplette Wohn- und dann durch’s Schlafzimmer unter das Bett. Gerade hatte man die Hoffnung durch Gewissheit ersetzt, alle Piep-Rettungstücher weggeräumt, die Küchenrolle wieder in die Küche gebracht und den Wischmopp unter die Spüle geräumt… Und dann das… Anti-Welpe hat nicht gefiept, war nicht hibbelig – er ist einfach aufgestanden und pinkelnd der Katze hinterhergetappst. Unter dem Bett kann man ihn nicht hervorangeln, er kann in aller Ruhe fertig piepen und kommt dann – sichtlich erleichtert – wieder zum Vorschein.

Das sind Momente, in denen sich die innere Mitte zu einem hässlichen kleinen Ding verkrampft – man möchte Anti von innen nach aussen stülpen, ihm die Öhrchen langziehen und einfach mal wahllos herumbrüllen. Aber man weiss ja: Anti macht das nicht absichtlich – ganz im Gegenteil: er findet die Situation schrecklicher als ich (auch wenn es nicht so aussieht) und er sollte nun liebevoll, aber resolut vor der Haustür auf die Wiese des ungeliebten Nachbarn gesetzt werden. Aufgabe des Tages: Verdammte innere Scheissmitte finden und ruhig bleiben!

Jetzt ist Anti fast neun Monate alt. Er ist stubenrein und er kennt ganz viele tolle Worte, weil es wichtig ist, dass ein Hund einen Grundgehorsam hat. Ich habe das mit ihm geübt, seit er hier ist. Immer positiv, nie mit Bestrafung, Fehlverhalten ignorieren, richtiges Verhalten ganz dolle loben. Er hat viel gelernt und der Schäfer in ihm macht, dass er eine phantastische Auffassungsgabe hat. Der Saarloos in ihm macht, dass das Ausführen der Befehle nur lustlos und mit viel Diskussion funktioniert. Und jetzt, wo er in die Pubertät kommt, ist es, als hätte ich ihn die ersten Monate seines Lebens in einem dunklen Keller gehalten und mit Haferflocken gefüttert. Nichts geht mehr, wenn doch, dann nur mit riesigem Theater und Zurschaustellung aller Trotzgesten, die ein Hund so draufhat.

Die innere Mitte! Wo ist sie bloss? Wie soll man denn optimistisch bleiben, wenn alles Beigebrachte praktisch in Hormonen ertränkt wird und zusehends aus Antis Nase tropft? Man möchte Anti bei seinem niedlichen Pummelskopf packen, ihn schütteln, ihm tief in die Augen schauen und brüllen: „Vergiss die Weiber! Vergiss deine Männlichkeit! Mach einfach Platz, verdammt nochmal! PLAAAAAAAAATZ!!!“

Ich bin weiterhin auf der Suche nach meiner inneren Mitte, trage mir gebetsmühlenartig die Worte ‚Er kann nichts dafür‘ und ‚Eigentlich liebe ich ihn‘ vor und ignoriere ihn, bis das starke Bedürfnis, ihn unangespitzt in den Boden zu rammen, verflogen ist. Das… geht allerdings schnell – denn wenn ich so unmittig bin, merkt Anti das ganz genau – er läuft dann circa drei Meter hinter mir, ganz leise, wie ein Schatten. Er geht nicht mehr schnuppern und beobachtet mich ganz genau. Das finde ich so schrecklich, dass ich meine blöde Mitte relativ schnell wiederfinde.

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